Kultur : DIE HÖHEN DER STATISTIK: WENN SOZIOLOGEN KÜNSTLER SPIELEN

Bernhard Schulz

Statistiken können so schön sein: jedenfalls wenn sie durch die Hände von Jesko Fezer und Axel John Wieder gegangen sind. Dann nämlich erscheinen sie in Gestalt von bunten Fäden, von dreidimensionalen Diagrammen, semitransparenten Schichten oder – am anschaulichsten – als knallgelbes Gebirge über dem Grundriss von Berlin.

Nicht als Künstler, sondern als „Kulturproduzenten“ wird das Duo Fezer / Wieder im Katalog der Biennale bezeichnet, gleich den Erarbeitern der übrigen vier thematischen „Hubs“ der Biennale. Ihr „Hub“ trägt den Titel „Urbane Konditionen“; und wie der Titel, so der Gehalt: Stadtsoziologie in visualisierter Form. Der Betrachter kann eine Menge lernen: Dass der Bodenpreis an Friedrichstraße und Breitscheidplatz mit jeweils 12500 Euro/Quadratmeter am höchsten ist, lässt sich an den Spitzen des Gelb-Gebirges ablesen; dass man in Hellersdorf mit 750 Euro davonkommt, kann man nur als Elend der Ebene bezeichnen. Dass die hier lebenden Vietnamesen in ihrer erdrückenden Mehrzahl im Osten wohnen, die US-Bürger hingegen am liebsten in Zehlendorf, wie ein Klötzchenmodell zeigt, verwundert. Ja, aber was wollen die Statistiken eigentlich sagen? Belegen sie, was das Produzentenduo in geschwollenem Soziologen-Deutsch an die Wand geschrieben hat: dass „sich die spekulative Berliner Planungskultur wie eine Verhandlungstechnik verstehen“ lasse, „die Entwicklungen entsprechend neuer Herrschaftstypen der Deregulation abgleichen“ könne? Wie bitte?

Derlei erinnert auf geradezu rührende Weise an die verbohrte Wissenschaftsgläubigkeit der Siebzigerjahre. Damals wollten die Soziologen Könige sein. Heute basteln sie Stäbchenmodelle und nennen sich Künstler.

0 Kommentare

Neuester Kommentar