• "Die imposante Landschaft" - eine Kreuzberger Ausstellung zu polnischen und deutschen Künsterkolonien in den Bergen

Kultur : "Die imposante Landschaft" - eine Kreuzberger Ausstellung zu polnischen und deutschen Künsterkolonien in den Bergen

Amory Burchard

Der Metallbildhauer Zbigniew Fraczkiewicz schlägt in seinem Haus im Riesengebirgsort Schreiberhau - dem polnischen Szklarska Poreba - auf die abgegriffenen Lehnen des Sessels und sagt: "Die Möbel sind deutsch, der Tisch ist deutsch, das Haus ist deutsch." Aus Niederschlesien sind die Deutschen 1945 geflohen und 1946 vertrieben worden. Ihre Möbel mitnehmen durfte nur die Witwe Gerhart Hauptmanns. Der Dramatiker starb im ersten Nachkriegsjahr in Agnetendorf. Fraczkiewicz guckt gelassen in die Runde. "Für mich ist das eine schöne Tradition, die ich akzeptiere." Eine Inspiration sei die Vergangenheit seines niederschlesischen Wohnortes nicht.

Über 50 Jahre nach dem Austausch der Bevölkerungen ist das Riesengebirge zu sich selbst gekommen. Die dort lebenden Menschen fangen an, diese schroffen Höhen und sanften Täler Heimat zu nennen. Für eine kleine, aber wachsende Gruppe polnischer Künstler, die seit Ende der achtziger Jahre aus Warschau, Posen und Breslau hierher kamen, ist diese Landschaft mehr als Heimat. Für sie sind das Riesen- und das benachbarte Isergebirge Rückzugsort aus den Städten, vor politischer Bedrängnis - und Inspiration. Fraczkiewicz stellt sein Hauptwerk und Markenzeichen, überlebensgroße nackte "Menschen aus Eisen", mitten ins Gebirge, auf den Hohen Iserkamm.

"Die imposante Landschaft. Künstler und Künstlerkolonien im Riesengebirge im 20. Jahrhundert": Der Titel der Ausstellung, die am Freitag im Kunstamt Kreuzberg eröffnet wird, ist nicht nur wegen der Normalisierung der Verhältnisse zwischen Polen und Deutschland glücklich gewählt. Am Ende des Jahrhunderts eine polnische Künsterkolonie vorzustellen und auf eine deutsche zurück zu blicken, die zu Beginn des Jahrhunderts entstand - dafür war jetzt und nur jetzt Zeit. Beinahe unnötig zu sagen, dass die Ausstellung als deutsch-polnisches Gemeinschaftsprojekt erarbeitet wurde: von der Berliner Gesellschaft für interregionalen Kulturaustausch und dem Regionalmuseum Hirschberg (Jelenia Gora).

Die Gebrüder Hauptmann, Gerhart und Carl waren es, die das Bergdorf Schreiberhau Anfang der 90-er Jahre des 19. Jahrhunderts für sich und ihre Künstler-Freunde entdeckten. Schlesier von Geburt, sahen sie studierend die Welt. Beide besuchten die Universität in Jena. Der vier Jahr ältere Carl wollte sich in Zürich als Philosoph habilitieren. Gerhart versuchte sich in Rom als Bildhauer, bevor er in Dresden und Berlin seine Studien fortsetzte. In Preußens Metropole trafen sich die Brüder wieder - um gemeinsam nach Niederschlesien zurückzugehen. Ein Bauernhaus im Gebirgsdorf Schreiberhau wurde mit väterlichem Geldsegen gekauft und ausgebaut. Allein die Wohngemeinschaft zerbrach im Bruderzwist. Carl blieb im Schreiberhauer Idyll, Gerhart baute ein paar Bergeshöhen weiter in Agnetendorf eine mondäne Villa, den "Wiesengrund". Carl Hauptmann verlegte sich im Riesengebirge auf die Dichtkunst, blieb aber zeitlebens weniger bekannt als Gerhart Hauptmann, der große deutsche Dramatiker. Carl litt auf langen Wanderungen durchs Gebirge und fand Verse wie: "Wenn ich hoch oben geh, schwinden die Qualen". Er sammelte Rübezahl-Legenden, schrieb neue. Der Mythos vom Berggeist ist seit dem 15. Jahrhundert überliefert und stellt bis in die Massenproduktion von Andenkenschnitzereien eines der wenigen wirklich deutsch-polnischen Kulturgüter mit bruchloser Geschichte dar.

Carl war es, nicht Gerhart, um den sich der Kreis der Künstler, Schriftsteller und Schöngeister scharte: Otto Mueller, Maler von der Breslauer Kunstakademie; Bruno Wille, Philosoph und Dichter und spätere Gründer der Freien Volksbühne in Berlin; Wilhelm Bölsche, Autor populärwissenschaftlicher Werke (Das Liebesleben in der Natur); der Nationalökonom und Soziologe Werner Sombart: Sie alle ließen sich im Riesengebirge nieder und schwärmten durch die Bergeseinsamkeit. Man malte die imposante Landschaft und die Freunde darin, man ließ sich fotografieren und man schrieb übereinander. Diese Wechselwirkungen sind in der Ausstellung textreich beschrieben und glücklicherweise auch reich und schön illustriert. Es sind vor allem grenzwertige Geschichten, die die Ausstellung interessant machen. Geschichten wie die über das Leben der Anna Teichmüller, einer Komponistin, die als platonische Muse Carl Hauptmanns dessen Leben in Schreiberhau teilte. Hauptmann lebte mit seiner zweiten Frau Maria in Schreiberhau. Seine erste Frau Martha blieb in der Nachbarschaft und bekam täglich Besuch vom Ex-Mann. Es war aber Anna Teichmüllers Klavierspiel, das ihn lyrisch stimmte.

Eigentlich seien seine Lieder nur in ihrer Vertonung zu ertragen, sagt Ausstellungsmacherin Ulrike Treziak. In Alaska fand sie eine junge Musikwissenschaftlerin, die zu Teichmüller forscht und deren Carl-Hauptmann-Lieder auch singt und für die Ausstellung eine Aufnahme zur Verfügung gestellt hat. Vom Walkman klingt es wie eine authentische Botschaft aus einer anderen Zeit.

Eine Symbiose der großen Umbruchszeit war prosaischer. Maria Valtingojer und ihr Mann hatten einen Verlag und ein Fotogeschäft in Schreiberhau. Bis in die 40-er Jahre hinein fotografierten und vermarkteten sie die bekanntesten Postkartenmotive aus dem Riesengebirge, nicht ohne auch große Fotokunst zu schaffen. Im Juni 1945 übernahm der polnische Fotograf Jan Korpal, Flüchtling aus einer zerbombten Stadt bei Krakau, das Geschäft auf Weisung der polnischen Behörden. Er wollte Maria Valingojer nicht vertreiben, ließ sie hinten im Labor arbeiten, stand vorne am Ladentisch. Abends teilten sie die Kasse. Das ging ein paar Monate lang gut, bis die Deutsche im Frühjahr 1946 ausgewiesen wurde. Korpal blieb und wurde ein großer Riesengebirgsfotograf.

Von den den heute im Riesengebirge lebenden Künstlern sind solche Geschichten nicht zu erzählen. Ihr Privatleben hat noch nicht die Patina angesetzt, an der akribisch forschende Kunsthistoriker kratzen können. Ihre Bilder und Skulpturen verraten zudem, dass sie den freien künstlerischen Zugang zu der imposanten Landschaft noch nicht gefunden haben. Sie kommen nicht an ihr vorbei, verbrämen sie aber, wie Janusz Konecki, surrealistisch. Konecki sieht den Reifträger, den schönsten Gipfel des Schreiberhauschen Panoramas, aus dem Fenster seines Ateliers und setzt ihn ins Zentrum eines großformatigen Gemäldes. Als ironischen Kommentar umgibt der Künstler aber den Berg mit einer futuristischen Stadtlandschaft. Gemeinsam mit seiner Frau Beata Kornicka-Konecka ist der Maler in Schreiberhau durchaus auf dem richtigen Weg. Für Künstler aus Breslau, Posen und anderen Städten veranstalten sie "plein airs", denen das von den Koneckis sanierte ehemalige Kurhaus von Schreiberhau als Basisstation für Malausflüge in die Berge dient.Die Ausstellung ist vom 30. Oktober bis 2. Januar im Kunstamt Kreuzberg/Bethanien, Mariannenplatz 2, zu sehen. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag von 12 bis 18 Uhr.

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