Kultur : Die Jasager und die Neinsager

Berlins Akademie der Künste ehrt Bert Brecht – und die Volksbühne versinkt in fröhlichem Chaos

Jörg Plath

Damit die Akademie der Künste sich ändern kann, muss eins unbedingt bleiben: die Treppenrede des Präsidenten zu Beginn der Langen Nacht. Also schreitet der neu gewählte Klaus Staeck am Samstagabend die Stufen im Behnisch-Neubau am Pariser Platz hinab und verspricht eine kämpferische Akademie. Sie werde der zunehmenden Privatisierung des öffentlichen Raums durch ein offenes Haus Widerstand leisten. Die Kritik an der Akademie könne er abwettern: „Ich habe eine Regenhaut, was Beschimpfungen angeht, bin beschimpft worden als Faschist und als Kommunist.“ Und ruft noch in den Saal: „Die Gesellschaft ist so weit, dass sie einen Satiriker zum Präsidenten wählt.“ Ende des Prologs, Vorhang auf zur „Langen Brecht Nacht“.

Von nun an ändert sich dauernd etwas und nicht nur das Programm, das im Stundenrhythmus bis zu vier Veranstaltungen gleichzeitig bietet. Je später die Nacht, desto jünger werden die Mitwirkenden. Anfangs füllen ehrwürdige Akademiemitglieder wie Inge Keller, Gisela May, Peter Wapnewski, Günter Grass und Thomas Langhoff die Podien, dann sind Gäste wie die Schriftsteller Ulrike Draesner und Bert Papenfuß zu hören. Das Publikum darf sich auf dem Boden lagern, schließlich gar die Weingläser mitnehmen zu Jörn Mischkes süßlicher Tango-Adaption der „Kriegsfibel“ mit einer kindlich hauchenden Kathrin Angerer. Eine Institution lockert die bürgerlichen Sitten.

Das hätte den sozialistischen Klassiker erfreut. 108 Jahre wäre er jetzt alt. Seine Theatertheorie lebt: Der Bildhauer Werner Stötzer tut auf dem Podium im Plenarsaal sehr überzeugend so, als könne er gar nicht lesen. In begeisternden Schallplatten-Aufnahmen schildert Charles Laughton dem in die Schweiz abgereisten „dear Brecht“ , mit welchem Einfallsreichtum in der amerikanischen „Galilei“-Inszenierung Änderungen vorgenommen wurden. Jens Brüning stellt diese Trouvaillen vor, zum Genuss des Publikums. Das muss sich ansonsten selbst einen Reim auf das Vorgetragene machen, wenn etwa die Briefe von und an Brecht aus dem Exil ohne Einführung gelesen werden; Ausnahmen machen da nur sein Biograf Klaus Völker oder der Komponist Frank Michael Beyer.

Alle bislang unbekannten Briefe stammen aus der frisch erworbenen Sammlung des Schweizer Journalisten Victor Cohen. Ein witziger, spöttischer, charmanter Brecht ist zu hören, der Kontakte knüpft, Verbündete sucht und Ideen entwickelt, wie die Bühnen Europas zu erobern sind. Die Frauen stehen ihm in nichts nach. Die kluge und bescheidene Elisabeth Hauptmann becirct in einem DDR-Fernsehporträt von 1972, Sophie Rois lässt Helene Weigel ätzen: „Hast Du den Brief bis hierher gelesen, bitte ich um Antwort.“ Noch ist der arme B.B. nicht etabliert, noch muss er nicht lavieren. In Brecht hat die Akademie einen gefunden, der der rechte Schutzheilige für Staecks Präsidentschaft ist.

Erst mal ein Dankeschön an den jungen Mann, der am Eingang zur großen Bühne die Brecht’sche Kunst des Ja- und Neinsagens perfektioniert: Nein, die Diskussion zum „Unbehagen mit Brecht“ sei leider und plötzlich ausgefallen. Ja, die Brecht-Ehrung mit Jürgen Kuttner finde statt. Nein, wann, wisse er immer noch nicht. „Aber lass dir doch von Jonathan Meese in seiner Bratwurstperformance eine Wurst zubereiten.“

Das ist ein guter Tipp, denn zumindest auf Meese ist Verlass in dieser stark verrauchten Brecht-Nacht, mit der die Volksbühne mit über 50 Veranstaltungssplittern vom Keller bis zum Dach in den 1. Mai feiert. Gut gelaunt steht Meese, eingepackt in ein überdimensionales Pommes-Frites-Kostüm, hinterm Grill, assistiert von Frank Büttner, der mit breitem Grinsen die Senftube quetscht. Immerhin, die Wurst stimmt, alles andere versinkt in fröhlichem Chaos. Statt auf der großen Bühne Brecht zu ehren, sitzt Kuttner zum Beispiel in einem scheußlichen beigen Leinenanzug auf einem Humana-Sofa im Roten Salon und liest sich mit Astrid Meyerfeld und Hendrik Arnst durch das mäßig inspirierte Sozialdrama „Begräbnis erster Klasse“ von Nelson Rodrigues. Auch das hat – wie die Wurst – wenig mit Brecht zu tun, deshalb steht auf dem Programm nur vage „nach einer Idee von Brecht“. Christoph Homberger wiederum ist noch auf der Hinterbühne mit Liedern und Balladen von Brecht/Eisler beschäftigt. Angeblich, denn zu sehen und zu hören ist nichts. Dafür wartet man am so genannten Sammelpunkt 1 zusammen mit 50 anderen Interessierten, die am Eingang mit einem orangenen Armbändchen ausgestattet wurden, um theoretisch in jeden Volksbühnenwinkel eingelassen oder in die „Sauna“, den „Ballettsaal“, den „Stuhlkeller“ geführt zu werden. Praktisch kommt aber niemand, und wenn doch, dann um mitzuteilen, dass sich das Programm um eine weitere halbe Stunde verschiebt.

Brecht ist an diesem vorrevolutionären wirren Abend hauptsächlich eine logistische Herausforderung und die Volksbühne ein kafkaesker Albtraum mit dem Charme eines Arbeitslosenamts, in dem man vor vielen Türen warten muss. René Pollesch und Frank Castorf inszenieren, Bernhard Schütz, Volker Spengler und Herbert Fritsch lesen in geheimnisvollen Hinterzimmern. Brecht selbst soll sprechen, durch den Mund der Brechtpuppe von Suse Wächter. Wir finden sie nicht. Nur Sepp Bierbichler, der im dritten Stock, wo der Film „Abschied“ gezeigt wird, den alten Brecht aus der Buckower Zeit gibt. Bierbichler kommt vom Seeufer ins Haus zurück, in dem schon alle seine Frauen mit dem Essen auf ihn warten. Kaum sitzt der Dichter, beginnt das Keifen des Zickenkriegs. Bierbichler hebt den Kopf und sagt: „Wir wollten uns doch an die Vereinbarung halten. Keine Streitereien.“ Doch niemand hört mehr auf ihn. Eine nach der anderen steht auf, und er bleibt allein am Tisch, einsam mit den Kiefern mahlend. Andreas Schäfer

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