Kultur : Die Jugend von damals

Irrungen und Wirrungen in der Weimarer Zeit: zur Neuausgabe von Joseph Breitbachs „Wandlung der Susanne Dasseldorf“

Ulrike Baureithel

Zu den Schlüsseldiskursen der späten Weimarer Republik gehört die Rede über in die Krise geratene Jugend. Das „Jugendproblem“ – von der Jugendarbeitslosigkeit bis hin zur „Sexualnot der Jugend“ – beschäftigte nicht nur Pädagogen, Ärzte oder Politiker, es waren die Jungen selbst, die sich publizistisch oder literarisch thematisierten und – ähnlich wie heute – die Ansprüche der „Generation“ gegen jene der „Klasse“ in Anschlag brachten. Damals allerdings bezog sich die Jugend auf das zentrale Ereignis, auf den Ersten Weltkrieg, an dem man (gerade noch) teilgenommen oder den man eben „nur“, wie der berühmte „Jahrgang 1902“, an der Heimatfront erlebt hatte. Ob Ernst Jünger oder Ernst von Salomon auf der einen, Ernst Glaeser, Erich Maria Remarque oder Klaus Mann auf der anderen Seite, für alle (männlichen) Autoren dieser Gruppe begründeten das „Kriegserlebnis“ und die unmittelbare Nachkriegszeit entscheidend ihren literarischen Ruhm.

Während sie und viele andere in keiner Literaturgeschichte fehlen, wird man nach Joseph Breitbach vergeblich fahnden, obwohl der 1903 Geborene zu dieser Gruppe gehört und das Thema bedient. Wenn überhaupt, ist Breitbach heute eher in Verbindung mit dem von ihm gestifteten, höchstdotierten deutschen Literaturpreis verbunden – und mit seinem Roman „Bericht über Bruno“ (1962). Sein Erzähldebüt „Rot gegen Rot“ ist höchstens Fachleuten bekannt, und so gut wie nie erwähnt wird „Die Wandlung der Susanne Dasseldorf“ – obwohl oder gerade weil der 1932 erschienene, über 500 Seiten starke Roman zu den ersten gehörte, der von der NS-Studentenhorde den Flammen übergeben wurde.

Schon deshalb ist die anlässlich des 100. Geburtstags von Joseph Breitbach in Auftrag gegebene und vom Göttinger Wallstein-Verlag realisierte Werkausgabe, in deren Rahmen „Susanne Dasseldorf“ nun wieder aufgelegt wurde, ein über das literaturhistorische Interesse hinausweisendes Ereignis. Denn der damals nur kurze Zeit zugängliche Roman fand in Deutschland einige Beachtung – mehr noch vielleicht in Frankreich, wo Breitbach seit 1929 lebte und wo 1935 die Übersetzung erschien. André Gide rühmte das Buch als „außergewöhnlich fesselnd“, was wohl nicht nur auf das Sujet – homosexuelle Promiskuität und die sexuelle Ausbeutung heranwachsender Jungen durch ältere Männer – zurückzuführen war, sondern auch auf die im Roman verhandelten Zeitereignisse.

Die „Wandlung der Susanne Dasseldorf“ spielt im von den Amerikanern besetzten Koblenz-Ehrenbreitstein – Breitbachs Heimatstadt – in der unmittelbaren Nachkriegszeit, damals ein Brückenkopf zwischen den Besatzungsmächten und Sitz der Interalliierten Rheinlandkommission. Der Titel ist insofern etwas irreführend, als Breitbach alles andere im Sinn hatte als einen klassischen Entwicklungsroman. Im Mittelpunkt steht vielmehr die amour fou von mindestens vier Protagonisten: Heinrich Schnath, Bildungsaufsteiger und Sekretär im Fabrikantenhaushalt Dasseldorf, brennt für den hübschen durchtriebenen Gärtnerjungen Peter Hecker und versucht, ihn für sich zu gewinnen. Aber auch Susanne, die geschäftstüchtige Tochter des Hauses, hat heimlich ein Auge auf Peter geworfen; für den im Hause einquartierten und heftig in sie verliebten Major Cather dagegen hat sie keinen Blick übrig.

Während Schnath noch eifersüchtig darüber wacht, dass weder Susanne Peter näher kommt, noch sein Chef, Susannes Bruder Louis, sich mit dem sympathischen Major befreundet, flieht Susanne mit ihren Eltern überstürzt per Motorboot in die neutrale Zone nach Königswinter. Nach ihrer Rückkehr betreibt sie die Umstellung der väterlichen, vormals auf Militäreffekte spezialisierten Fabrik, der ehemalige preußische Offizier Louis seinerseits setzt sich über das Fraternisierungsverbot hinweg und unterstützt Cather dabei, die französische Separationspolitik zu vereiteln. Der halbwüchsige Peter wiederum nutzt die gesellschaftliche Auflösung für seine kleinen „Geschäfte“, gerät dabei ins promiske Soldatenmilieu und auf die schiefe Bahn.

All dies führt zu Intrigen, verdeckten Aktionen, Täuschungsmanövern und Verwicklungen, die Breitbach konsequent aus der Perspektive der jeweiligen Figuren schildert und mitunter filmreif inszeniert. Psychologisch ist das Personal, das räumte Breitbach schon beim Erscheinen des Buches ein, nicht immer stimmig, zu oft handeln die Figuren sprunghaft. Insbesondere bei der Zeichnung der Susanne als „Mannweib“ mit nicht ausgelebtem Sexualtrieb und hemmendem Über-Ich ist der Schöpfer eindeutig zeitgenössischen Klischees aufgesessen. Breitbach hat den Text nach 1945 mehrfach überarbeitet, doch die Entscheidung der beiden Herausgeber für die Fassung von 1932 scheint schon um der historischen Treue willen richtig.

Über das für die damalige Zeit erstaunlich ungeschminkt vorgestellte Sujet hinaus ist der Roman vor allem wegen des eindrucksvoll vorgestellten zeithistorischen Panoramas interessant. Breitbach gelingt es, den Mikrokosmos Koblenz – Lebensmittelknappheit und Schiebungen, Prostitution und Besatzungswillkür, Friedensindustrie und Geldspekulation – einzufangen und außerdem noch die „große“ Politik ins Bild zu setzen. Damit lieferte er, spät zwar, jenen von der Kritik eingeforderten „Zeitroman“, den die Neue Sachlichkeit zu ihrem Markenzeichen erhoben hatte.

Dem jungen Breitbach aber war es vor allem um das Thema zu tun. Er müsse dieses Buch schreiben, gesteht er 1921 seinem älteren Freund Alexander Mohr in einem Brief, um Rache zu nehmen an einem Mann, der ihn, den Jugendlichen, sexuell ausgenutzt und gedemütigt habe. Mit dem Buch wolle er all jene jungen Knaben rehabilitieren, denen das Gleiche widerfuhr wie ihm. Dass Breitbach später sein „wildes Leben“ durchaus auf Kosten solcher Jungen führen würde, war dem Briefschreiber bewusst.

Noch spannender als der Roman lesen sich die Briefe an den Malerfreund aus Trier, mit dem der zweisprachige Autor nicht nur die Frankophilie, sondern auch das Kunstverständnis teilte. Mohr, der sich den Avancen des jungen Freundes versperrte, aber zeitlebens freundschaftlich mit ihm verbunden blieb, ist für Breitbach das Medium, durch das sein Schaffensprozess geht: Das Ringen mit dem Thema, die Suche nach Stil, die Umwege und die Verhinderungen durch den Brotberuf. Ihm offenbart Breitbach seine Abscheu vor dem „widerlichen Naturalismus“, ihm erklärt er den „Spiegelblick“ und das Mosaik-Prinzip seines Romans. „Ich werde niemals von Flaubert lernen“, schreibt der erst 17-Jährige, „wie er allen Blumen die Blüten abschneidet, damit die Stiele gleichmäßig sind.“

Dass Breitbach in seinen von Klagen durchsetzten Briefen bis zur Nötigung persönlich ist und an der kühlen Distanz des Freundes exzessiv leidet – „Ich müsste eine Frau oder einen Freund finden, der mich nach jeder Richtung beglückt“ –, ist die andere Seite der von Breitbach kultivierten „nüchternen“ Prosa. Die im Rahmen eines verdienstvollen Begleitbandes zum Dasseldorf-Roman zugänglich gemachte Korrespondenz (Breitbachs Briefe wurden wieder aufgefunden, jene Mohrs dagegen gelten als verschollen) jedenfalls erhellt bislang verborgene, manchmal auch irritierende Seiten dieses Schriftstellers, der nach 1945 vor allem als erfolgreicher Fabrikant und Kunstmäzen in Erscheinung trat. Zusammen mit der Rekonstruktion des historischen Hintergrunds und der Entstehungsgeschichte liefert der Band aufschlussreiches Material zum Roman und bringt, nebenbei, auch einen fast vergessenen Maler wieder in Erinnerung.

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Joseph Breitbach : Die Wandlung der Susanne Dasseldorf. 520 Seiten.

Ich muß das Buch schreiben: Briefe und Dokumente zu Joseph Breitbachs Roman „Die Wandlung der Susanne Dasseldorf“. 450 Seiten. – Beide Bände sind herausgegeben von Alexandra Plettenberg-Serban und Wolfgang Mettmann. Wallstein-Verlag Göttingen 2006. 39 €.

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