"Die Jungfrau von Orleans" am Deutschen Theater : Michael Thalheimers trübe Ritter

Das Deutsche Theater hat diese Schiller-Inszenierung mit den Festspielen in Salzburg koproduziert. Nun hatte Thalheimers Inszenierung in Berlin Premiere

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Blutsauger, Brüllmonster. Johanna (Kathleen Morgeneyer) zwischen Himmel und Hölle. Foto: Arno Declair/DT
Blutsauger, Brüllmonster. Johanna (Kathleen Morgeneyer) zwischen Himmel und Hölle. Foto: Arno Declair/DT

Der Regisseur macht seltsame Verrenkungen an der Rampe. Schaufelt mit den Armen Luft, als wolle er das moderat klatschende Parkett zu mehr Leidenschaft und Lautstärke bewegen – nach ein paar wenigen, aber durchdringenden Buhrufen, die sogleich wieder verstummen bei der Berliner Premiere der Schiller’schen „Jungfrau von Orleans“ in der sehr dunkel und sehr statisch gehaltenen Inszenierung von Michael Thalheimer.

Die Aufführung kommt aus Salzburg, wo sie Ende Juli bei den Festspielen zu sehen war. Sie erzählt von Dingen, die uns recht fremd sind. Von einem Mädchen auf dem Schlachtfeld, getrieben von Gott, besessen vom Teufel. Von Männern in Kettenhemden, mit schweren Schwertern. Von einem Krieg, in dem sich Freund und Feind und plötzlich Verliebte mit einem Mal gegenüberstehen. Thalheimer stellt das Dramatische auf eine Art und Weise aus, die zwischen Erhabenheit und dem Lächerlichen schwankt, und dazu passt sein unsicherer Auftritt beim Schlussapplaus. Dieser Schiller fühlt sich an wie ein Unentschieden, das man als Niederlage empfindet.

Oder doch nicht? Es berührt, es ist ein kraftvolles Bild, wie Kathleen Morgeneyer da steht, im Lichtstrahl, der von links oben schräg vom Himmel auf sie fällt, ein überirdischer Fingerzeig. Aber erst spät im Verlauf der 130 pausenlosen Minuten sieht man den großen, herrlichen Dom, den Bühnenbildner Olaf Altmann hier eingebaut hat. Die Kuppel, das ist schon eine sehr christliche Bildersprache. Johanna wird angestrahlt – dann auch von rechts unten. Sie ist die Illuminierte. Sie bewegt sich kaum. Behauptet mit irrem Blick ihren Platz im Getümmel. Sie wirkt früh verhärtet, im schlimmsten Fall eine Kampfmaschine, eine Fundamentalistin. Ihr möchte man des Nachts nicht begegnen, und auch nicht am Tag. Sie ist unerbittlich, schrecklich, verrückt.

Und wieder nicht: wenn man sich die Typen anschaut, die um sie werben, die sie quälen, sie benutzen, feiern und schließlich preisgeben. Christopher Frankens König Karl ist ein schmieriges Kindmonster, und so führen sich im Grunde alle auf, Andreas Döhler (Graf Dunois), Peter Moltzen (Philipp der Gute), all die französischen Ritter: beschmiert und bescheuert. Es sieht einfach nicht gut aus, derart mittelalterlich heraus- und heruntergeputzt über die Bretter zu stapfen, und dann knarzen bei dem einen oder anderen auch noch die Stiefel. Und es wird geschrien wie auf dem Exerzierhof. Langweilig.

Die Vorstellung einer reinen Jungfrau, einer wundertätigen Unberührten, Unberührbaren, ist die reinste Männerfantasie. Die historische Johanna landete auf dem Scheiterhaufen, man schrieb das Jahr 1431. Ein halbes Jahrtausend später, anno 1920, sprach der Vatikan sie heilig. Schiller war etwas schneller, seine „romantische Tragödie“ wurde 1801 uraufgeführt, sie lässt sich lesen als ein Flirt mit dem Katholizismus, dem Marienglauben und dem asketischen Opfergedanken.

Das alles ist auch Thalheimer klar, und deshalb wohl, wenn man einmal Absicht unterstellt und nicht einfach Ungeschick, stellt er die Kerle so tumb und unerfreulich dar – bis hin zu dem Engländer von Alexander Khuon, der Johannas Herz verzaubert, aber eigentlich nur verwirrt aus der blutigen Wäsche schaut und achselzuckend abgeht. Alles Idioten.

Die Frauen sind von anderer Art. Sie gewinnen Form. Meike Droste als Geliebte des unappetitlichen Königsklopses hat Stil und Eleganz und Schärfe in ihren wenigen Szenen. Der Auftritt von Almut Zilcher, der Königsmutter, ist dann wirklich einmal ein Auftritt. Da zittert der noch dunkle Dom, wackelt das Weltgebäude, wird Sprache, Schillers Dichtung, hörbar, begreifbar. Und wieder Kathleen Morgeneyer, die in Jürgen Goschs „Möwe“ eine so wunderbare Nina war: Man hätte gern etwas mehr von ihr erfahren, von ihrer Johanna, der „cold and lonesome heroine“, wie Leonard Cohen seine „Joan of Arc“ besingt. Im DT ist ist sie zur Statue erfroren, steckt sie von Anfang an bereits in der Schlussszene, schweigend, betäubt vom Gebrüll der penetranten Krieger.

Nächste Vorstellungen im DT am 5. und 6. sowie vom 15. bis 17. Oktober.

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