Kultur : Die Karibik im Keller

NINA PETERS

Natürlich hätten sich Horst (Paul WolffPlottegg) und Gisela (Gabrielle Scharnitzky) ihren Sommerurlaub lieber von einem Reiseunternehmen organisieren lassen.Alles pauschal.Happy hour und Sonnenbrand inklusive.Aus Geldgründen wird in diesem Jahr jedoch der heimische Keller zur Karibik erkoren.Zur Wahrung des Scheines steigt das mit kindlicher Spielfreude und Improvisationsgabe begnadete Paar wie selbstverständlich in den Untergrund, um stolzen Müttern und neidischen Geschäftskollegen nach drei Wochen Höhensonne und Hometrainer karibigsonnenbraun entgegenzutreten.Liebe- und humorvoll und mit einem Gespür fürs Atmosphärische beschreibt der Schweizer Dramatiker Jean-Michel Räber (1959 in Zürich geboren) eine idyllische Kellerkaribik, die jeden Neckermann-Katalog erblassen ließe.

"Unter Palmen", das sich anfangs als Reihung komödienhafter Revuenummern entfaltet, erhält durch den Eindringling Walter (Augustin Kramann, mit Herneschem Dialekt um Lokalkolorit bemüht) eine dramatische Wendung.Der Einbruch von Realität (Horst ist arbeits-, Gisela unglücklich kinderlos) raubt dem Raum seinen karibischen Charakter.Ein neues Handlungsgerüst zerstört die Idylle, die Konzentration des Autors auf eine unendlich facettenreiche Zweisamkeit leider ebenfalls.Das Stück, eine Gratwanderung zwischen Drama, Farce und Comic, greift ein bitterböses Thema auf und drängt dabei, glücklicherweise, nicht auf Betroffenheit.

Das Berliner Uraufführungstheater ist eine Initiative von Autoren, Schauspielern und Regisseuren, die sich seit dieser Spielzeit neben dem artverwandten TNT (Theater Neuen Typs) der zeitgenössischen deutschsprachigen Dramatik verschrieben hat.Vorbild ist dabei das Royal Court Theatre in London, Heimstätte von Erfolgsautoren wie Mark Ravenhill oder Sarah Kane: der Autor steht im Mittelpunkt, er wird in den Probenprozeß integriert.

Sobald diese inzwischen zweite Lesung am frühmittäglichen Sonntag in der Vagantenbühne zu Ende geht - es folgen weitere im Zweiwochen-Rhythmus -, geschieht etwas Ungewöhnliches: Da treibt es das theaterambitionierte Völkchen nicht fluchs ins nächste Café, sondern nach erneutem Klingelzeichen in das Theater zurück.

Und dann wird tatsächlich diskutiert, trotz des Sonntagmorgens, der inzwischen schon zum Mittag geworden ist.Zur Diskussion steht die fünfte Fassung des Stückes.Die hat Jean-Michel Räber, mit tiefen Ringen unter den Augen, noch in den Morgenstunden erarbeitet.Das ist wahrer Werkstattgeist, der auf wunderbare Weise ansteckend wirkt.Lob, Kritik, Vorschläge, Eindrücke richten sich an Autor, Schauspieler und Regie (Einrichtung: Birgit Simmler) gleichfalls.Die sechste Fassung kommt bestimmt.

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