Kultur : Die Kehrseite der Schönheit

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Für die Ausstellung „hautnah“ in der Münchner Villa Stuck (bis 18. August) haben Sie zentrale Arbeiten aus Ihrer Sammlung gewählt, die eine existentialistische Komponente besitzen. Sie machen seelische Qualen als körperliche Deformationen sichtbar. Was fasziniert Sie an diesen Werken?

Für mich haben sie eine Spiegelfunktion. Diese Bilder und Objekte zeigen, welche Schwächen und Bedürfnisse wir verdrängen. Sie offenbaren unsere Pseudomoral. Wir haben von allem, sogenannten Negativen etwas in uns, wollen es aber nicht akzeptieren. Die Ausstellung kann Betrachtern ihre Abwehrhaltung bewusst machen und der Frage nachgehen, warum sie Angst haben, sich aus Normen wegzubewegen.

Lassen sich die Besucher der Schau tatsächlich „hautnah“ berühren?

Ja. Es gab zum Teil heftige Reaktionen von Menschen, die die Konfrontation mit den Arbeiten nicht ertragen konnten.

Einige Künstler der Ausstellung sind auch auf der Documenta 11 vertreten, darunter Chantal Akerman. Was ist ihre Qualität?

Akerman kombiniert zwei Filmserien miteinander, Aufnahmen von endlos wartenden Russen mit denen einer belgischen Frau, die an ihrem bürgerlichen, montonen Leben zu ersticken scheint. Sie kommentiert so den Zustand ohnmächtiger, trostloser Erstarrung in zwei, eigentlich völlig unterschiedlichen Realitäten. Für mich ist die Arbeit eminent sozialkritisch.

Die Documenta führt einen einschneidenden Perspektivenwechsel vor, den Blick weg vom US-Eurozentrismus an die Ränder der Welt. Außenseiter werden zu Hauptakteuren. Lösen sich die Grenzen zwischen Etablierten und Minderheiten auch in der Gesellschaft auf?

Ich glaube, nein. Vor allem seit dem 11. September tauchen verstärkt wieder Kategorien auf wie „die Bösen, die Guten". Jetzt, wo sich Europa vereint, nehmen die Ängste merkwürdigerweise zu. In den Ländern gibt es Tendenzen, Kleinstaaten zu bilden, sich konform zu verhalten. Der Schritt weg vom Vertrauten zum Neuen scheint eine Urangst im Menschen zu sein. Er sucht offensichtlich lieber nach einer noch engeren Identität als das Fremde zuzulassen.

Was interessiert Sie persönlich an Außenseitertum und Brüchen?

Ich reise seit langem sehr intensiv. So habe ich die verschiedensten Mentalitäten kennengelernt, zum Beispiel auch Stämme besucht. Mich beschäftigt die Verschiedenartigkeit. Deshalb bewundere ich Menschen, darunter auch viele Künstler, die Grenzen überschreiten, aus ihren gesellschaftlichen Bedingungen ausbrechen. Durch sie lerne ich immer wieder neue Sichtweisen kennen.

Was berührt Sie an der Arbeit des Amerikaners Robert Gober?

Er arbeitet sehr symbolisch mit Alltagsgegenständen. Wenn er beispielsweise ein Waschbecken ohne Abflussrohre zeigt, dann dokumentiert er so die saubere Oberfläche, unter der alles verdrängt wird, was nicht in Ordnung ist. Die westliche Gesellschaft ist nicht mehr bereit, sich den Unrat anzuschauen, den sie selbst mitproduziert, oder Menschen zu akzeptieren, die auf der Schattenseite leben. Es gibt aber nicht nur das Helle, sondern auch das Dunkle. Man kann das eine nicht ohne das andere leben. Darauf möchte Gober aufmerksam machen.

Wie gelingt es, die hellen und dunklen Seiten gleichermaßen zu leben?

Vielleicht am ehesten mit Hilfe der Religionen. Nicht umsonst ist in der christlichen Religion die Einheit erst durch den Teufel gegeben. Da ist der gute Christus und der Teufel. Aber wenn wir nur den Christen leben wollen, entsteht zwangsläufig das Böse. Leider haben wir Christen die Schattenseite abgespalten und verdrängt, weshalb wir von der Erbschuld sprechen. Eine Religion wie die buddhistische macht transparent, dass unser Kosmos aus beiden Polen besteht. Erst wenn man beide annimmt, kann man tolerant sein und verliert seine Ängste.

Diese Verdrängung ist eines der Tabus unserer Gesellschaft. Welche Künstler Ihrer Sammlung beschäftigen sich mit diesen Inhalten?

Viele, besonders auch die Amerikanerin Cindy Sherman. Sie verwandelt sich in die unterschiedlichsten, auch die monströsesten Gestalten und Fratzen, die jedoch alle Facetten einer Persönlichkeit sind. Ein anderes kollektives westliches Tabu, den Tod, thematisiert der britische Künstler Douglas Gordon. Er zeigt, wie anfällig der Mensch ist, wie schnell er physisch und psychisch aus der Balance geraten kann. Auf diesen Hochmut, zu glauben, wir könnten unser Leben beliebig manipulieren, macht auch der amerikanische Künstler Felix Gonzalez-Torres aufmerksam. Er fragt, was von uns nach dem Tod bleibt: Erinnerung, Energie?

Könnte man sagen, dass allen Werken eine Art „Ästhetik der Tragödie“ gemeinsam ist?

Ich spreche lieber von einer Ästhetik des Verdrängten. Am komplexesten setzt sie der amerikanische Künstler Matthew Barney um. Er bezieht die verschiedensten Dimensionen von der Mythologie bis zum Genre Horrorfilm mit ein. Interessant ist, dass eine extrem satte Gesellschaft immer brutalere Kinofilme und TV-Serien kreiert. Offensichtlich müssen Menschen ihre dunkle Seite irgendwie nach außen projizieren.

Statt sie in sich selbst zu erkennen?

Eben. Deshalb wächst das Gewaltpotenzial dieser Gesellschaft auch weiter. Wir wollen reich, schön, gesund sein, alles andere klammern wir vehement aus. Wir konsumieren immer egoistischer und verlieren so unsere Kreativität und Humanität. Der deutsche Künstler Bjorn Melhus zeigt diese Entwicklung in einer Videoinstallation. Melhus verwendet die Originalstimme einer Schönheitswerbung, die sich unablässig wiederholt, während sein Körper zig-fach geklont erscheint. Wir sind ja inzwischen soweit, dass wir uns mit Hilfe der Beauty-Industrie und der ästhetischen Chirurgie freiwillig selbst „klonen". Jeder will die gleiche dünne Figur haben, das gleiche Puppengesicht, die gleiche Frisur, das gleiche Make up. Der Mensch hat offensichtlich kein Bedürfnis mehr nach Individualität.

Ist das nicht beängstigend?

Ich finde es bedrohlich, dass sich Menschen heute in Klischees sehen wollen. Die Kehrseite sind psychische Deformationen und neue Krankheiten wie Magersucht und Fettsucht.

Ist dieses freiwillige Gleichheits-Ideal nicht ziemlich pervers?

Ich verstehe nicht, wie dieser Prozess entstehen konnte. Vielleicht eine Folge des Konsumdiktats und des Vakuums, das allgegenwärtig ist, seitdem Werte und Inhalte in der westlichen Welt keine Rolle mehr spielen. Deshalb prallt sie heute mit Gesellschaften aufeinander, die sich noch an Wertordnungen gebunden fühlen.

Vom 14. September bis 10. November zeigt die Kunsthalle Baden-Baden die Schau „Die Wohltat der Kunst – postfeministische Positionen der neunziger Jahre aus der Sammlung Goetz“. Wie unerschöpflich ist Ihre Kollektion eigentlich?

Eine genaue Zahl kann ich Ihnen nicht nennen. An dieser Ausstellung arbeiten wir seit zwei Jahren. Es geht vor allem um den großen Einfluss, den Künstlerinnen heute auf die gesamte Kunstproduktion haben, eben auch auf das Werk der männlichen Kollegen.

Gibt es einen Unterschied zwischen männlichen und weiblichen Sammlern?

In der jungen Generation sicherlich nicht mehr. Unter den älteren männlichen Sammlern haben einige noch die Vorstellung, dass Kunst vor allem Prestige vermitteln muss. In solchen Kollektionen gibt es kaum weibliche Positionen.

Gerade wurde der Preis der Berliner Nationalgalerie zum zweiten Mal vergeben – an das Duo Elmgreen & Dragset. Sie waren Jurymitglied. Sind solche Preise wichtig?

Ich finde, unbedingt. Weil sie dazu beitragen, dass aktuelle Kunst populärer wird und mehr Menschen bereit sind, sich auf sie einzulassen.

Das Gespräch führte Eva Karcher.

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