Kultur : Die Kirche im Dorf

Ein Feininger-Bild aus der Neuen Nationalgalerie gehörte bis 1933 Berliner Juden – ein Raubkunst-Fall?

Christina Tilmann

Ein Restitutionsfall ist es noch nicht: Noch gebe es kein Rückgabebegehren irgendeiner Seite, so Torsten Wöhlert von der Berliner Senatskulturverwaltung. Aber einen Verdachtsmoment, einen dunklen Punkt in der Provenienz des Bildes gibt es schon: Lyonel Feiningers „Kirche von Niedergrunstedt“, heute als Dauerleihgabe des Landes Berlin in der Neuen Nationalgalerie, gehörte einst der Berliner jüdischen Familie Daus: Maria Daus, Adoptivtochter der Sammler Julius und Regina Freudenberg, hatte es von ihren Adoptiveltern geschenkt bekommen. Ihr Ehemann Heinz Daus und dessen Bruder wurden im April 1933 von Nazis auf offener Straße in Charlottenburg zusammengeschlagen, sie beschlossen daraufhin, Deutschland zu verlassen und ihre Möbel und Gemälde zu verkaufen.

„Die Kirche von Niedergrunstedt“, das letzte und bekannteste Ölgemälde, das Feininger 1919 von dem Motiv einer Dorfkirche in der Nähe von Weimar malte, tauchte erst 1949 im Kunsthandel wieder auf und wurde vom damaligen Magistrat von Groß-Berlin für die „Galerie des XX. Jahrhunderts“ erworben.

Nachfragen des RBB, der sich in seiner Sendung „Klartext“ am Mittwochabend mit dem Feininger-Fall beschäftigte, haben das Thema nun wieder aktuell gemacht. Die Historikerin und Restitutionsexpertin Monika Tatzkow, die seit Jahren im Auftrag der in Israel lebenden DausErben in der Sache recherchiert, räumt ein, dass noch ein Provenienzloch zwischen 1933 und 1949 besteht. Man wisse nicht genau, welchen Weg das Bild in der Zeit auf dem „grauen Kunstmarkt“ genommen habe, vermute aber fest einen verfolgungsbedingten Entzug, da die Familie Daus ihren ganzen Besitz 1933 verkauft habe, um Deutschland verlassen zu können. Die diesbezüglichen Forschungen seien kurz vor dem Abschluss.

Schon 2003 gab es von Seiten des Landes Berlin erste Provenienzrecherchen zu dem Feininger-Bild, die aber zu nichts führten, erläutert hingegen Torsten Wöhlert. Man habe nicht herausfinden können, ob es sich bei dem Bild um „NS-verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut“, so der Fachterminus für Raubkunst, handele. Nun hat man die Stiftung Preußischer Kulturbesitz mit einer erneuten gründlichen Recherche beauftragt. Dort ist seit Januar eine Arbeitsstelle für Provenienzrecherche angesiedelt worden. Die Stiftung hat seit Jahren Erfahrung mit der Abwicklung von Restitutionsfällen.

Die Erfahrung des restitutionsbedingten Verlusts von Ernst Ludwig Kirchners „Straßenszene“ steckt allen Beteiligten noch in den Knochen. Damals war der Senatskulturverwaltung vor allem vorgeworfen wurden, zu spät öffentlich über ein Restitutionsbegehren informiert zu haben. Der für alle Seiten schmerzliche Vorgang sollte das Land Berlin nun dazu führen, dringend alle Bilder mit verdächtiger Provenienz in seinem Besitz zu überprüfen. Zumal Deutschland sich nach der Washingtoner Erklärung 1999 verpflichtet hat, von den Nazis geraubte Bilder in deutschen Museen zu finden und zurückzugeben.Christina Tilmann

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