Kultur : Die Kleinbürgerkönigin

SILVIA HALLENSLEBEN

"Und vor mir die Sterne", ein Film über das Leben und Sterben der Schlagersängerin Renate KernVON SILVIA HALLENSLEBENEs war einmal, lange vor Fliege und Domian und Guildo Horn, da wurden Schlager als Lebenshelfer noch ernstgenommen.Damals, es war das Jahr 1964, trat eine junge Verkäuferin bei einem Talentwettbewerb auf die Bühne einer Provinzgaststätte.Das Mädchen hatte eine ungewöhnlich ausdrucksvolle Stimme.Und es traf sich, daß unten im Publikum einer saß, der war Schallplattenproduzent, und er war begeistert und nahm sie unter Vertrag.Vier Jahre später hat die Schlagersängerin Renate Kern, wie Renate Poggensee fortan genannt wurde, ihren ersten Top-Ten-Hit.1969 ist sie mit "Lieber mit den Wimpern klimpern" bei der ersten ZDF-Hitparade dabei.1970 geht sie mit James Last auf Welttournee.Von den Ersparnissen erfüllt sie sich ihren Traum, ein Eigenheim.Bald aber ging es abwärts.Der Wind auf dem Schlagermarkt wurde schärfer.Die junge Frau, die den zuckrigen Marktforderungen an ein deutsches Fräuleinglück nicht ausreichend entsprach, blieb auf der Strecke.Doch auch die Persönlichkeit der Verkäuferin mit Abitur verhinderte weiteren Ruhm.Mit Starrsinn hielt die "Königin der Provinz", wie man sie nannte, an ihren Idealen vom Kleinbürgerglück fest.Sie ist zu bieder, zu schüchtern und - trotz ihres musikalischen Talents - keine Bühnenpersönlichkeit.Der Kontakt mit dem Publikum: nicht Genuß, sondern Greuel.Und die Heirat mit dem Toningenieur Klaus Hildebrandt, mit dem sie zu Hause ein eigenes Tonstudio einrichtet, befördert den weiteren Abstieg."Ich bin nur noch Köchin, Zimmermädchen, Bürokraft und Dienstbesen.Frust!" schreibt Renate in ihr Tagebuch.Nach einem versuchten Comeback als Countrysängerin tingelt Renate Kern 1990 auf einer Ostseefähre zwischen Helsinki und Stockholm.1991 erhängt sie sich in ihrem Haus.Ulrike Franke und Michael Loeken entwerfen dieses Leben zwischen Aufstieg und Fall, Glück, Krise, Psychiatrie und Selbstmord als emotionale Biographie.Dabei leisten sie es sich, viele Details im Ungefähren zu lassen.Ein paar Statements von Dieter Thomas Heck, ein Auftritt des gespenstisch gebräunten Rex Gildo, der sich in Küßchen seiner Verehrerinnen suhlt.Das reicht aus, um zu skizzieren, was gespielt wird.Das Faktische dient hier nur als Gerüst, um - anhand von Originalmitschnitten, Tagebuchnotizen und Interviews - eine höchst präzise Seelenlage zu erkunden, die zugleich Aufschluß gibt über die Erstarrung einer Nation.Denn Renate Kern lebte ein Frauenleben in der deutschen Provinz, wo die Entscheidung zwischen "Kaufhof und Karriere" schon die Welt zu sein scheint.Schnell wird klar, daß ihr zum Verhängnis wurde, was ihre Stärke hätte sein können - hätte sie nur konsequent darum gekämpft: die Ernsthaftigkeit, mit der sie ihren Beruf betrieb, tat man als Piaf-Allüren ab."Spüre keinen Einklang zwischen Seele und Titeln" schrieb sie, aber offenbar hatte sie den Trostsprüchen, die sie auf der Bühne verbreitete, zu sehr geglaubt.Es ist eine Stärke dieses Films, seine Protagonistin nicht zum Opfer zu machen, sondern auch ihre Schwächen zu zeigen: den Opportunismus, mit dem die Sängerin sich auch in Niederlagen noch zum Erfolg hochtröstete."Traurig lohnt sich nicht".Plötzlich scheinen auch die Fans einmal gar nicht so weit entfernt von ihrem Idol.Rosie etwa, der es gelungen ist, sich wenigstens tricktechnisch mit dem Vorbild auf einem Foto zu vereinen.Oder das schwule Pärchen, das sich auf der Couch hinterm Zimmerspringbrunnen immer wieder gegenseitig ins Wort fällt.Trotz aller Situationskomik rühren diese Szenen zu Tränen.Wen dieser Film nicht zum Weinen bringt der muß kein Herz haben. Filmbühne am Steinplatz, Hackesche Höfe

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