Kultur : Die Klistiere des Teufels

Martin Wuttke inszeniert „Der eingebildete Kranke“ an der Volksbühne.

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Das Ende ist nah. Martin Wuttke als sein eigener Patient. Foto: Bresadola/drama-berlin.de
Das Ende ist nah. Martin Wuttke als sein eigener Patient. Foto: Bresadola/drama-berlin.deFoto: Bresadola/drama-berlin.de

Mal Hand aufs Herz, hat ihn jemand vermisst? Über zwanzig Jahre war der Komödiendichter Molière aus der Volksbühne verbannt. Schauspieler Henry Hübchen inszenierte 1991 noch schnell den „Menschenfeind“, danach war an der Ostbühne Schluss mit den Lustspielen von Sonnenkönigs Gnaden. Was vermutlich deswegen niemanden auffiel, weil ja trotzdem immer gelacht wurde, auch durchaus derb und en français, nur eben nicht à la mode de Jean-Baptiste.

Egal. Spätestens, seit Herbert Fritsch mit „Die (s)panische Fliege“ den totalen Schwank am Rosa-Luxemburg-Platz salonfähig gemacht hat, steht der Boulevard in jede Richtung offen. Entsprechend enthemmt starten Castorf & Co jetzt eine Molière-Offensive mit Martin Wuttke als Schlachtross. Den Auftakt macht dessen Inszenierung des „Eingebildeten Kranken“ mit ihm selbst in der Titelrolle. Kurz darauf spielt Wuttke den Harpagon in Castorfs „Der Geizige“. Und zu Beginn der kommenden Saison wird er der „Don Juan“ von René Pollesch sein.

Martin Wuttke war zwar nicht ganz so lange aus der Volksbühne verschwunden wie Molière. Aber er gehört seit drei Jahren dem Ensemble des Wiener Burgtheaters an. Klar macht das Wiedersehen Freude. Schon wenn er eingangs den bettlägerigen Hypochonder Argan als moribund hustenden Blässling im Nachthemd der Epoche vorstellt und einem besorgniserregenden Anfall französischer Sprachdiarrhoe nachgibt.

Endzeitstimmung von Beginn an. Auf dem gestreiften Vorhang der Kabinettbude mit Interieur, die Bühnenbildner Bert Neumann gebaut hat, prangt der Schriftzug „zum totlachen!“. Darüber lässt ein mechanisch bewegbares Skelett mit Sanduhr in der Hand die Restlebenszeit verrinnen. Ob nicht eh schon alle tot sind, wir nur dem Reigen einer Schar zur ewigen Wiederkehr verdammter Geister zusehen, das lässt die Regie offen.

Mit dieser Grand-Guignol-Munterkeit knüpft Wuttke zum einen motivisch an seinen Auftritt in der furiosen Réne-Pollesch-Inszenierung „L’affair Martin“ an. Der stand unter dem von Alexandre Dumas geborgten Wand-Motto: „How did I die?“, wie bin ich gestorben?

Und zum anderen nimmt er Molière beim Wort. In der Hypochonder-Komödie vom „Eingebildeten Kranken“ geht’s schließlich um nichts anderes als den Tod in mannigfachen Facetten, um Todesfurcht, Sich-Totstellen und, eben, das Gelächter als finale Waffe.

Wuttke ist als Regisseur bis dato ja vor allem am Berliner Ensemble in Erscheinung getreten, mit geistig hochprozentigen Materialmischungen von Ernst-Jünger-Texten beispielsweise. Seinen Molière lässt er, wen wundert’s, auch nicht vom Blatt spielen, sondern lädt ihn mit Auslassungen des psychischen Grenzgängers Antonin Artaud auf. Was die Lebenskomödie in die existenzielle Verunsicherung kippen lässt. Was erst mal passt. Der Originaltitel „Le Malade imaginaire“ – den Hendrik Arnst unter puderiger Lockenperücke wiederholt von der Rampe brüllt – lässt sich auch so lesen, dass dieser Kranke der Einbildung entspringt. Eine Schimäre.

Die Molière-Handlung findet allerdings nur in groben Zügen statt. Lilith Stangenberg spielt die beiden Töchter des Argan, Margarita Breitkreiz die Zofe Toinette, Brigitte Cuvelier Argans Ehefrau – wegen eines bei der Fotoprobe erlittenen Beinbruchs im Rollstuhl, was aber nicht stört.

Wen Tochter Angelique heiraten darf (Maximilian Brauer gibt den ungewollten Schwiegersohn) oder in welchen niederträchtigen Ärzte- oder Ehefrauenfängen Argan zappelt, interessiert Wuttke nicht sonderlich. Vor die Situationskomik setzt er den Artaud. Was allmählich die Spielfreude bremst. Wuttke ist einfach ein besserer Schauspieler als Regisseur. Die Inszenierung wirkt zunehmend zusammengestoppelt. Schwank à la Fritsch mit exaltierten Gebärden und überschießenden Klistieren. Live-Video à la Castorf, wenn sich alle in Großaufnahme um den eingebildeten Kranken drängen , und augenrollend aus dem Band „Ich habe mit Antonin Artaud über Gott gesprochen“ zitieren.

Die Molière-Festwochen sind eröffnet. Es kann noch lustiger werden.

wieder am 15. und 29. Juni, 19.30 Uhr

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