Kultur : Die Kraft der zwei Pässe

HARALD MARTENSTEIN

Meret Becker spielt wie Hanna Schygulla.Schlafwandlerisch.Beim Max-Ophüls-Preis konnte man in einer Nebenrolle ihr internationales Debüt sehen, den britischen Film "Painted Angels", mit Kelly McGillis.Meret Becker spielt eine Hure, im Wilden Westen.Sie sitzt im Bordell und singt herzergreifend "O Tannenbaum".Leider ist der restliche Film nicht ganz so eindrucksvoll.Womöglich landet sie noch in Hollywood.

In diesem Jahr bin ich in der Jury des Max-Ophüls-Preises gewesen.Man muß da in der liebenswerten Stadt Saarbrücken vier Tage und vier Nächte lang gute, mittlere und schlechte Filme von jungen Menschen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz anschauen und hinterher entscheiden, welcher Regisseur einen Preis bekommt.Übrigens redet man im Saarland viel über die schwarz-grüne Koalition, die dort möglicherweise nach der nächsten Wahl ausbricht.Vielleicht spielen sie dann zur Eröffnung des Festivals keinen Dixieland mehr.Der größte Irrtum der sozialdemokratischen Kulturpolitik ist der Dixieland.Ansonsten bleibt in Saarbrücken ganz bestimmt alles beim alten, und das ist aus Berliner Sicht ja auch das Schönste an Saarbrücken.

Wo steht der deutsche Nachwuchsfilm? Die Beziehungskomödie ist tot, vielleicht schläft sie auch nur.Stattdessen gibt es den Tom-Tykwer-Effekt.Das heißt: die Filme sind optisch meistens sehr ausgefeilt.Tolle Bilder, auch wenn die Geschichten nicht ganz so toll sind.Die Zeiten, in denen der Ophüls-Wettbewerb hauptsächlich aus Fernsehspielen bestand, sind vorbei, auch wenn finanziell noch immer "Das kleine Fernsehspiel" bei jedem zweiten Film Pate gestanden hat.Stattdessen gibt es heutzutage David-Lynch-Epigonen, Claude-Sautet-Epigonen, Quentin-Tarantino-Epigonen, Liebhaber des Hongkongfilms und nachgemachten britischen Sozialrealismus.Es gab einen türkischen Lothar Lambert zu besichtigen (Hussi Kutlucan mit "Ich Chef, Du Turnschuh"), eine türkische "Lindenstraße" ("Aprilkinder" von Yüksel Yavuz) und Helma Sanders-Brahms die Zweite (Dagmar Knöpfel, "Requiem für eine romantische Frau").Nein, langweilig wirkt der deutsche Jungfilm zur Zeit nicht.

Das Wort "epigonal" ist nicht böse gemeint.Jeder Anfänger braucht Vorbilder, Lynch oder Tarantino sind da keine schlechte Wahl.Der junge deutsche Film wird auch immer häufiger von Türken gemacht, er hat die Kraft der zwei Pässe.Ein anderer, ebenso deutlicher Trend geht zum zynischen Großstadtdrama, in dem autistische junge Männner sich in bläulichem Licht freudlos mit autistischen Fotomodellen paaren, wobei die Firmen Gucci und Hugo Boss vermutlich sogar das Design der Geschlechtsteile übernehmen.RTL und Pro 7 mögen gewiß Filme wie "Angel Express" von Rolf Peter Kahl, letzter Streich des verstorbenen Produzenten Luggi Waldleitner.Sie haben allerdings etwas Pubertäres, solche Filme, oder vielleicht Altherrenhaftes, jedenfalls tragen die Frauen meistens Strapse oder sind gefesselt und bedeutend williger, als es im wahren Leben der Fall ist.

Es gab viele Huren und viele Baustellen und viel Berlin.Der deutsche Film ist auffällig zentralistisch geworden, seine Gedanken kreisen um die Hauptstadt, seine Lieblingsmetapher heißt Potsdamer Platz.Kaum noch Road Movies aus der Provinz.Dem Baustellen-, Huren- und Berlinfilm, den wir für den besten hielten, haben wir den Förderpreis gegeben: "Plusminus null" von dem in Berlin lebenden Iren Eoin Moore.Grobkörnige Videobilder, in wenigen Tagen gedreht.Bauarbeiter meets Bosnierin.Ein Typ, der nichts festhalten kann, weder die Liebe noch den Job.Die Geschichte wirkt authentisch, der Film berührt und hat einen sensationellen, bisher unbekannten Hauptdarsteller, Andreas Schmidt.Schmidt erinnert an Rio Reiser.

In der Jury saßen der Regisseur Hans-Christoph Blumenberg, der Schauspieler Felix Eitner, die Verleiherin Carola Stern und der österreichische Bernd Eichinger: der Produzent Veit Heiduschka.Es herrschte große Harmonie.Wir waren uns einig.Keine Gesinnungspremien, gute Absichten zählen nicht, nur gute Filme.Im Zweifel waren wir für das Rohe, Wilde und gegen das Glatte, für den Kinofilm und gegen das Fernsehbild.Den Preis des saarländischen Ministerpräsidenten bekam ein aufregend fotografierter Schwarzweiß-Film über das Skinhead-Milieu, der keine pädagogischen Töne anschlägt und sich auf die Faszinationskraft der archaischen Skinhead-Rituale erst einmal einläßt, bevor er sie kritisiert.Die Zwillingsbrüder Dominik und Benjamin Reding kennen dieses Milieu gut.Sie haben fünf Jahre darum gekämpft, "Oi Warning" machen zu dürfen, denn bekanntlich gibt es dumme Menschen, die glauben, man dürfe das politisch Verwerfliche nicht abbilden.Dumme Menschen glauben, daß man nur das politisch Erfreuliche abbilden darf.Dem Ministerpräsidenten aber scheint der Film gefallen zu haben, und so entstand bei der Preisverleihung ein drolliges Bild, Reinhard Klimmt neben zwei verschwenderisch gepiercten Punks.

"Three Below Zero", der Gewinner des Max-Ophüls-Preises, ist ein New Yorker Film, auf englisch.Sein Regisseur Simon Aeby, ein Schweizer, lebt seit langem dort.Auch Max Ophüls hat seine Filme in allen möglichen Ländern und Sprachen gedreht.Gutes Kino ist international, weil der Tod, die Liebe und das Geld, die Hauptthemen des Kinos, nun einmal international weit verbreitete Phänomene sind.Zwei Frauen und ein Mann, eingesperrt in einer Waschküche: Wenn "Three Below Zero" an einen anderen Regisseur erinnert, dann am ehesten an Roman Polanski.Aber Aeby ist schon selber ziemlich meisterlich.An seinem Film konnte man nicht vorbei, weil er der mit weitem Abstand Perfekteste des Wettbewerbs war, und einer, der am besten im Kino funktioniert.

Ja, das Kino! Saarbrücken verfällt während des Festivals immer in eine sympathische Form von Massenhysterie.Tausende von Menschen drängen sich, um Filme zu sehen, nach denen eine Woche später oft kein Hahn mehr kräht.Besonders große Sorgen muß man sich in dieser Hinsicht um den Eröffnungsfilm machen.Um "Bis zum Horizont und weiter" von Peter Kahane.Ein ost-deutscher Road Movie - es gibt also doch noch welche - mit Udo-Lindenberg-Musik, Corinna Harfouch und Wolfgang Stumph.Kahane kann sich zwischen Klamotte und Melodram leider nicht entscheiden, deswegen ist sein Film weder richtig lustig noch richtig traurig.Aber er startet demnächst mit 200 Kopien.Das wird ins Auge gehen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar