Kultur : Die Kuh macht uh

RONALD BERG

"Simpelwelten" nennt Antje Dorn ihr Sujet. Ihre Bilder zeigen figürlich-simple Männeken, Haushaltsgeräte, Apparate und deren sprachliche Befehlscodes: Reset, Start, Normal. Einige wenige Pinselstriche mit Acryl auf den Glasträger - fertig ist das Motiv: eine TV-Fernbedienung als Umrißzeichnung mit dem Wort RUN darunter, oder ein dreifüßiges Männchen mit dick angeschwollenen Füßen, dessen Körper mit lauter sprachlichen Kürzeln angefüllt ist. RAF, DIN und TÜF besetzen den Kopf, AOK und TBC den Rumpf, TNT und DNS die Füße.

Was scheinbar so naiv daherkommt, ist in der piktogramm-artigen Verkürzung den Arbeiten ihres einstigen Lehrers A. R. Penck gar nicht so unähnlich und könnte tatsächlich als komplexer Kommentar auf die Condition humaine gelesen werden. Wenn die Lebenswelt auf den ersten Blick aussieht, als wäre sie von einem Kind gemalt, das den Sinn oder Unsinn der ihn umgebenen Zeichen nicht begreifen kann, dann wird durch diese Bildregie auch das Alleralltäglichste fragwürdig. Dann mäandern die Schalter der Unterhaltungsapparate von START zu RESET, STOP und REPLAY und verwirren den ihnen zugedachten Sinn. Reset: Ein Tastendruck und schon geht alles wieder von vorne los, genauso sinnlos wie zuvor.

Man mag über die Tücke des Alltags lachen, denn beherrschen kann man ihn offenbar nicht. Da jongliert man lieber mit den losgelösten Einzelheiten. Antje Dorns Haltung ähnelt der eines Kindes, das in die Welt gefallen ist, dem alles fremd, neu und staunenswert erscheint, das sich allein an Formen und Farben erfreut. Zum Beispiel an Schokolade, besonders wenn diese süßen Riegel hübsch bunt eingepackt sind. Antje Dorn hat diese Phase schon hinter sich: Die bunten Schoko-Riegel hat sie früher schon mit Holz und Ölfarbe parodiert. Auch über die Welt der Buchstaben ist sie hinaus. Waren es früher einzelne Lettern auf bunten Farbflächen, so sind es jetzt in "Heaven has holes", der letzten Bilder-Serie von Antje Dorn (800 bis 4800 Mark), ganze Wörter oder wenigstens sprachliche Abkürzungen.

Antje Dorn spielt hier den Kaspar Hauser im Spätkapitalismus. Die erste Natur ist zu einer künstlich erzeugten Welt geworden, die Beschriftung der Apparate, die Labels und Bedienungsanleitungen regeln das Verhältnis zu den Dingen. "Turbo", "Super", "Chrrr" tönt es aus den Bildern, "Because" heißt es neben dem Mann mit der Sonnenbrille und dem Revolver. Der Waffe entfleucht ein kleines "Bye, Bye". Den Witz solcher Bilder wird wohl nur der verspüren, für den die Dinge leicht geworden sind, so daß er die Ironie in ihnen selbst erkennt. In der Unterhaltungsbranche nennt man diese Komik schlicht Nonsense.

Wiens Laden & Verlag, Linienstraße 158, bis 14. August; Dienstag bis Freitag 14 - 19 Uhr, Sonnabend 12 - 17 Uhr.

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