Kultur : Die Kunst, normal zu sein

Der argentinische Wettbewerbsfilm „El abrazo partido“ bricht mit den Gesetzen der Schwerkraft

Kerstin Decker

Es gibt Filme, die bewundert man, weil sie Schweres leicht machen. Der Argentinier Daniel Burman hat die Ent-Lastungstugend der Ballonfahrer perfektioniert. Regisseure, beweist Burman, sind auch nur Ballonfahrer.

In „El abrazo partido – Verlorene Umarmung“ merkt man erst allmählich, dass unter all der Leichtigkeit, dem Witz in Handlung, Bild und Schnitt (!) etwas sehr, sehr Schweres liegt. Andere hätten es aufgehoben. Burman lässt es einfach liegen, er drängt nichts auf. Ist das Erwachsenwerden etwa nicht schwer? Und das Keinen-VaterHaben? Das Keine-Wurzeln-Haben? Und nicht zuletzt: Ist Buenos Airos nicht das Schwerste von allem? Niemals würde Burman, würde sein Ariel (Daniel Hendler) so bleigewichtig fragen. Alle Kunst ist die Kunst der Andeutung.

Wir begegnen Ariel – ein Alter Ego des Regisseurs – genau in dem Alter, da jedem Menschen die Welt zu eng wird und er beginnt, mit Zoologenblick auf seine Nächsten zu schauen. Das erste Mal sieht man alles von außen. Eine kleine überdachte Ladenstraße in Buenos Aires, Geschäft an Geschäft, jüdische Familien. Ariels Bruder, der Beinahe-Imker (wenn es nicht so viele antisemitische Bienen gäbe), der Rabbi werden möchte, mit seinem Scherzartikelgeschäft. Oder die Koreaner nebenan in ihrem Feng-Shui-Laden. Feng Shui kennen die Koreaner erst aus Argentinien.

Ariels Off-Stimme und Burmans Kamera (mit Zoologenblick, natürlich) stellt uns all die Geschäftsinhaber vor, die wir fast zwei Stunden später schon immer gekannt haben werden. Aber „Geschäft“ und „Besitzen“ sind irreführende Worte. Was in anderen Filmen oft bemüht-skurril wirkt, ist bei Burman wie naturgegeben. Er hat schließlich auch mit den echten Ladenbesitzern gedreht.

Als Ariel die Welt seiner Kindheit für uns durchbuchstabiert hat, weiß er, dass es nun Zeit ist, nach Polen auszuwandern. Seine jüdische Großmutter mag ja Gründe gehabt haben, dort wegzugehen. Er, Ariel, hat Gründe, dort hinzugehen. Zuerst den, ein Europäer zu werden.

Man ahnt, wie dünn das Eis ist, auf dem Daniel Burman sich so mutwillig bewegt, seine Pirouetten dreht, ja böse kleine Löcher hineinhackt. Das Eis trägt. Daniel Hendler spielt seinen Ariel als wunderbaren DurchschnittsEgal-Typus: überdurchschnittlich durchschnittlich. Sehr antiidealistisch, unereichbar für alle höheren Ideen. Die Religion, seine resigniert-pathetische Mutter mit ihrer Liebe zu Mastroiannis-Lorens „Sonnenblumen“-Film – Ariel hält sie alle auf Distanz. Und dass seine Mutter das Verschwinden seines Vaters noch vor seiner Geburt ausgerechnet mit den „Sonnenblumen“ rechtfertigt („Der Krieg ändert alles“), bringt ihm den Film keinesfalls näher. Wie kann einer als Soldat nach Israel gehen, wenn er in Buenos Aires Vater wird? Wir sehen Ariel mit größter Empörung über solche Fragen räsonnieren, während sich sein eigenes Verhältnis zu Frauen inzwischen überaus vaternah gestaltet, auch wenn Ariel natürlich nie Soldat in Israel werden würde. Er wird ja bereits Pole und kennt sogar schon Lech Walesa mitsamt dem Papst aus dem Internet. Muss eigentlich polnisch lernen, wer Pole werden will?

Am Ende ist alles ganz anders, mit seinem Vater, mit Polen. Auf wunderbar schwere Weise leicht. Auf ganz leichte Weise schwer.

Heute 15 Uhr und 21 Uhr (Royal-Palast)

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