Die Kuratoren der 9. Berlin Biennale : Schöne digitale Welt

Von Plattformen, Paradoxien und neuen Songs: Vier New Yorker Onliner bereiten die 9. Berlin Biennale vor.

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Schauen, staunen, stoppen, schweigen. Die vier Macher der Berlin Biennale.
Schauen, staunen, stoppen, schweigen. Die vier Macher der Berlin Biennale.Foto: Sabine Reitmaier

Die langhaarige Schönheit im aseptisch weißen Outfit zeichnet auf dem Whiteboard mit ihrem blauen Stift Pfeil um Pfeil, kreist schwungvoll Schriftzüge ein. Ein komplexes Diagramm entsteht, das sie im nächsten Moment wieder wegwischt, um von vorn zu beginnen. Alles ist mit allem verbunden, könnte die Botschaft lauten, alles flüchtige Oberfläche, alles relativ.

So oder ähnlich stellen sich Banken, Versicherungen in coolen Werbeclips selbst dar, klinisch rein, jugendlich schick. Ihre womöglich schmutzigen Geschäfte werden von einer sauberen Ästhetik absorbiert. Doch kein börsennotiertes Unternehmen, sondern die 9. Berlin Biennale präsentiert sich so auf ihrer Website. Nicht um Bilanzen, sondern einen Appetizer geht es hier. Also verkehrte Welt? Gibt die alle zwei Jahre stattfindende Großausstellung eine Art Geschäftsbericht, bevor sie überhaupt begonnen hat?

Zumindest eine Vorstellung von dem, was ab 4. Juni kommen mag, wenn die Biennale an fünf Orten in der Stadt eröffnet. „Wir interessieren uns für Oberflächen“, lautet ein Bekenntnis der Kuratoren Lauren Boyle, Solomon Chase, Marco Roso und David Toro, die diesmal die wichtigste Ausstellung des Jahres für zeitgenössische Kunst in der Hauptstadt verantworten. Entsprechend finden sich auf der Biennale-Website Bilder gläserner Smartphones und Tablets, über die Finger wischen und Zehen tippen.

Was ist im digitalen Zeitalter noch verbindlich?

Das aus New York stammende Quartett scheint die perfekte Antwort auf die brennende Frage zu sein, was im digitalen Zeitalter noch Verbindlichkeit besitzt, welchen Bildern zu trauen ist. Die vier Betreiber eines Online-Magazins mit dem Titel DIS gehen die Sache genau andersherum an. Sie nehmen die Gleichzeitigkeiten, die einander verdrängenden Wirklichkeiten an – ja, verstärken sie, indem sie Mode und Musik, Lifestyle und Kunst mixen. Wer die Website des DIS-Magazins aufruft, kann etwa auf der Modestrecke eigenwillige Kombinationen entdecken: Doppelschuhe, bei denen Loafer in Plastiksandalen stecken. Oder auch Designpullover, auf die eine Muttermilchpumpe appliziert ist.

Das Prinzip ist nicht neu: Andy Warhol hat es vorgemacht, indem er Malerei mit Werbung, Film und Trash kurzschloss. Der Alleskönner des Pop bahnte damit einen Weg für die Kunst, scheuchte sie aus dem geschützten Raum ins Leben und brachte umgekehrt den Alltag herein. Einer vergleichbaren Kur soll sich auch die Berlin-Biennale unterziehen, muss sich die Berufungskommission gedacht haben, als sie die DIS-Macher nominierte. Die bisherigen Selbstumkreisungen, die Ausforschung des Berlin-Gefühls, die immer wieder aufgewärmte Geschichte der Gentrifizierung soll mit den vier New Yorkern, die Kunst und Kunstgeschichte studierten und eben nicht klassische Kuratoren sind, ausgehebelt werden.

Boyle, Chase, Roso und Toro kommen wie vom anderen Stern, einer künstlichen Welt; das suggeriert auch das offizielle Kuratorenfoto, auf dem sie wie schockgefroren typische Posen eines Mode-Shootings einnehmen. Sie spielen auch hier mit der Oberfläche, den möglichen Identitäten. Das eigene Ich wird kuratiert. Das Worldwideweb offeriert die entsprechenden Variationen, das Quartett gehört mit seinem DIS-Magazin selbst zu den Anbietern. Seit einiger Zeit befinden sich unter ihrem Dach auch die Bildagentur DIS-Images und der Online-Shop DIS-Own, für den etwa der thailändische Künstler Rirkrit Tiravanija T-Shirts gestaltet.

Das jeweilige Präfix DIS verrät denn doch den gewissen Unernst des Projekts, dem kommerziell jegliche Ambition fehlt. Die Modebranche hält sich entsprechend irritiert fern, doch in den Ausstellungsbetrieb hat es DIS in den letzten Jahren erfolgreich geschafft: in das New Museum und die PS1-Dependance des MoMA in New York sowie auf die Frieze Art Fair in London, wann immer sogenannte Post-Internet-Art verhandelt wurde. Die Bezeichnung für Künstler, die aus dem Netz schöpfen, die digitale Welt zu ihrem Bilderreservoir machen, hat sich zwar mittlerweile überholt, die Berufung der DIS-Macher aber war ein Coup. Seit anderthalb Jahren leben die vier zur Vorbereitung in der Stadt, haben Standorte inspiziert, Künstler ausgewählt. Jetzt sind es nur noch knapp zwei Monate bis zum offiziellen Start, die Anspannung wächst.

Im Hof der Kunst-Werke: Geschirrgeklapper, Musik, Gesprächsfetzen

Alle vier zugleich zu treffen gelingt kaum, mindestens einer muss immer weg. Lauren Boyle und Marco Roso, wie Chase und Toro sind auch sie ein Paar, nehmen sich trotzdem Zeit für eine Begegnung. Ihre Zwillinge, die in Berlin den Kindergarten besuchen, sind derweil versorgt. Im Café Bravo, Dan Grahams Spiegel-Pavillon im Hof der Kunst-Werke, wo die Berlin Biennale seit 20 Jahren angesiedelt ist, aber stören Geschirrgeklapper, Musik, Gesprächsfetzen vom Nebentisch. Auf dem Weg ins barocke Vorderhaus als ruhigerem Ort entdeckt Roso den Multimediakünstler Ed Atkins im Café. Großes Hallo, man kennt sich; die Filminstallationen des Briten sind international in allen größeren Ausstellungen zu sehen. Gerade hat er sein Atelier von London nach Berlin verlegt, wie so viele.

Ob von Atkins ebenfalls eine Arbeit in der Berlin Biennale zu sehen ist, verraten Lauren Boyle und Marco Roso trotzdem nicht. Die Teilnehmerliste bleibt streng geheim. 120 Künstler werden zu sehen sein, insgesamt gibt es 45 neue Arbeiten, großenteils Installationen. Vieles aber präsentiert sich auf Plattformen, wie nicht anders zu erwarten, der Spezialität des DIS-Teams. Die vier verstehen sich als „matchmaker-curator“, wollen Künstler zusammenbringen und dann schauen, was passiert. So wurde eine Platte produziert, auf der unter anderem Isa Genzken mit einem Song zu hören ist. Die 67-jährige Bildhauerin gilt als Schlüsselfigur für junge Künstler, die mit Materialien samplen. Auch wenn sie nicht in der Ausstellung der Berlin Biennale vertreten sein wird, so ist doch parallel im Martin-Gropius-Bau ihre Retrospektive zu sehen, zumindest als Bezugsgröße.

Die 8. Berlin-Biennale in Bildern
Die drei Hauptorte der Biennale: Die Museen Dahlem mit den außereuropäischen Sammlungen werden nun bis 3. August um weitere außereuropäische Kunst bereichert.Weitere Bilder anzeigen
1 von 17Foto: Staatliche Museen zu Berlin/Maximilian Meisse
27.05.2014 13:29Die drei Hauptorte der Biennale: Die Museen Dahlem mit den außereuropäischen Sammlungen werden nun bis 3. August um weitere...

Mehr wollen Lauren Boyle und Marco Roso über die eingeladenen Künstler derzeit nicht sagen, gleichwohl sind die Orte der Biennale bekannt. Abgesehen von den Kunst-Werken, die als Herzstück jedes Mal bespielt werden, rückt diesmal der Pariser Platz ins Zentrum. Künstler meiden ihn eher, weiß auch Lauren Boyle. Aber ihr erscheint dieser seltsam exterritoriale Ort, an dem Touristen verweilen, Botschaften residieren, Konzerne eine schicke Adresse führen und die Akademie der Künste zu Hause ist, gerade recht, um das Spannungsfeld zwischen Kultur und Politik, Kunst und Kommerz, Repräsentation und Selbstdarstellung fühlbar zu machen. „Wir benutzen die Struktur, wir wollen uns nicht einkapseln“, erklärt die New Yorkerin. Aus dem gleichen Grund wird ein Fahrgastschiff als Ausstellungsort eingesetzt. Hinzu kommt eine Etage in einem ehemaligen Telekommununikations-Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg am Landwehrkanal, in dem sich sonst die Feuerle Collection ab dem Gallery Weekend Ende April präsentiert.

Ähnlich schrille Überlagerungen bietet auch die European School of Management and Technology im ehemaligen Staatsratsgebäude der DDR, wo im Interieur der sozialistischen Ära die Liveübertragungen des deutschen Aktienindex geliefert werden. Die Gleichzeitigkeit verschiedener Wirklichkeiten könnte nicht evidenter sein. Für die 9. Berlin Biennale destilliert sich daraus als Schlüsselbegriff das Akronym „Paradessenz“, gebildet aus den Worten Paradoxie und Essenz. „Wir wollen die unterschiedlichen Stimmen verstärken“, erklärt der Spanier Marco Roso, der Berlin noch aus seiner Studienzeit in den neunziger Jahren bei Katharina Sieverding kennt.

Unter Harmonieverdacht stand die Berlin Biennale noch nie. Doch diesmal könnte das Konzert der Stimmen kakophonisch werden. Umso genaueres Hinhören, Hinsehen, Verstehen erfordert das. „Wir interessieren uns für Oberflächen“, hatte das Quartett bekannt. Allerdings: „nicht als Oberflächen, die Tiefe verdecken, sondern als Oberflächen, denen selbst Tiefe innewohnt“. Was hier tief oder auch nur glatt und glänzend ist, wird sich ab dem 4. Juni erweisen.

Weitere Informationen auf www.berlinbiennale.de

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