• Die landesweit berühmteste Transsexuelle über ihr abenteuerreiches und schier unglaubliches Leben

Kultur : Die landesweit berühmteste Transsexuelle über ihr abenteuerreiches und schier unglaubliches Leben

Matthias Oloew

Wenn der Schah von Persien, Aristoteles Onassis und Anne Momper in einem Buch auftauchen, verspricht das eine interessante Lektüre. Romy Haag hat es geschafft, alle drei und noch viel mehr Personen irgendwie miteinander zu verknüpfen, indem sie das tat, was derzeit viele tun - sie hat ihre Autobiographie geschrieben.

Der Verlag hat ihrem Buch den seltsamen Titel "Eine Frau und mehr" gegeben. Das verschleiert ein bisschen, was dieses Buch vor allem auszeichnet: die Offenheit, mit der die Entertainerin aus ihrem Leben erzählt. So viele skurrile und schlicht unglaubliche Geschichten kommen da zusammen, das beim Lesen schon mal der Mund sperrangelweit offen bleibt. Das macht die Lektüre nicht nur kurzweilig, sondern spannend. Schmeichelhaft wäre es hingegen, den sprachlichen Stil als holperig zu bezeichnen.

Aber wer kauft sich schon ein Romy-Haag-Buch der schönen Sätze willen? Stattdessen ist es doch viel wichtiger, Geschichten zu lesen wie die von der Reise des Schahs von Persien nach Paris. Er suchte dort Ende der sechziger Jahre nach einem Ersatz für die Prinzessin Soraya und ließ eine freizügige Party in einem Luxushotel veranstalten. Romy Haag war mittenmang. In Anbetracht des leicht beschürzten Monarchen bewahrte die transsexuelle Künstlerin jedoch die Regeln des Anstands: "Enchanté Majesté".

So weit, so wild. Wichtige Passagen spielen aber in Berlin. Und da erinnert Romy Haag an ein kleines Jubiläum, das im November des vergangenen Jahres kaum beachtet worden war. Am 29. November 1974 - also vor gut 25 Jahren - eröffnete sie ihren beinahe legendären Club "Chez Romy Haag" an der Welserstraße. Sie schildert die Zeiten in schillernden Farben und ist selbstbewusst: "Schöneberg war das neue Amüsierviertel und ich sein Aushängeschild." Eine illustre Gästeschar versammelte sich hier, von den Humpe-Schwestern und den Stars der Neuen Deutschen Welle bis zu Freddy Mercury und Queen, Grace Jones oder auch Tina Turner. Romy Haag schreibt viel über ihre Shows und Auftritte, aber auch über den Kokainkonsum und die Herren von der Fassbinder-Truppe, die sich an den Klos herumdrückten. Und sie schreibt über ihre Liason mit David Bowie, schildert schnörkellos ihre Erfahrungen nach der Geschlechtsumwandlung, beschreibt die 70er Jahre mit beinahe triumphierender Dramatik: "Man liebte einfach die Person, die einem gefiel - die Saat der Hippie-Zeit war aufgegangen." Wenn sie dann jedoch bilanziert - "ich bin definitiv ein Kind dieser Zeit" -, dann schwingt neben dem Stolz über das eigene Ich auch viel Selbstkritik mit und ein bisschen Verbitterung, etwa wenn sie die Talkshows der Neunziger mit ihren endlosen dahinplätschernden Gesprächen als Scheintoleranz brandmarkt.

Romy Haag spart keine Episode ihres Lebens aus. Ihre Jugend findet viel Platz, der Missbrauch durch den Pfarrer, die ersten Gehversuche in Paris, schließlich die Showauftritte in New York und anderswo, darunter immer wieder Berlin. Sie bleibt auch bei ihren jüngsten Erfahrugen selbstkritisch, wenn die Erinnerung noch jung und die Hang zum Verdrängen erfahrungsgemäß noch groß ist. Romy Haag schreibt auch über das Varieté Wintergarten, wo sie eine tragende Rolle spielen sollte, ihr aber plötzlich gesagt wurde: "Es gab eine interne Sitzung, in der beschlossen wurde, dass Bernhard Paul alles übernimmt."

Es ist die Ehrlichkeit von Romy Haag, die den Leser immer wieder für das Buch einnimmt. Und es sind die vielen kleinen Episoden, die leisen Zwischentöne, die ihre Geschichte lesenswert machen. Zum Beispiel die Nacht mit Carol Cabochard, die um fünf Uhr morgens an der damals noch abgesperrten Glienicker Brücke endete. Die Sonne ging auf, die Vögel zwitscherten, und Carol, "wie immer im bodenlangen weißen Nerz", öffnete schließlich ihren Mantel, pinkelte, und schrie in Richtung Osten: "Ich bin Französin, ein freier Mensch!"

Im neuen Berlin, das klingt zwischen den Zeilen durch, ist kaum noch Platz für Frauen wie Romy Haag. Exemplarisch beschreibt sie es an einer Szene, als sie auf den Baustellen von Mitte nach einer Lokalität für einen Nachtclub suchte. Die Pläne wurden immer wieder vertagt: "Berlin-Mitte kann sehr klein sein, wenn eine Location derart vielen Ansprüchen genügen soll." Aufgeben ist ihre Sache aber nicht: "Auf ein Neues!"Romy Haag: Eine Frau und mehr. Unter Mitarbeit von Martin Schacht. Quadriga-Verlag, Berlin 1999. 319 Seiten, 39,90 Mark

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