Kultur : Die leere Mitte

FRANK PETER JÄGER

Charles Correa liebt es, in seinen Bauten Konzepte der Welt und des Kosmos auszudrücken - solche der alten Mythen und solche der Moderne."Gebäude sollten eine Bedeutung haben", sagt er.So soll der in Form eines Quadratrasters angelegte Bau des Kulturzentrums von Jaipur das altindische Weltbild widerspiegeln.Der Grundriß des Gebäudes entspricht einem aus den Veden stammenden Neun-Quadrate-Mandala: "Das Gebäude ist eine zeitgenössische Umsetzung der 5000 Jahre alten Idee des Kosmos, wie sie in den vedischen Texten beschrieben wird", erläutert Correa.Jedes der neun Bauteile symbolisiert einen der Planeten.In dem Bauteil, das dem Mond entspricht, ist das Restaurant als ein Ort der Freude untergebracht, Freude nämlich symbolisiert der Mond.Die zwanzig runden Tischplatten im Restaurant zeigen weiß in schwarz angelegt alle Phasen des Mondes."Architektur als Modell des Kosmos", ist in Anspielung auf die beiden jüngeren Arbeiten Correas das Motto der Ausstellung zu seinem architektonischen Werk, die jetzt in der ifa-Galerie gezeigt wird.

Correa, 1930 in Secunderabad geboren, gilt als eine der herausragenden Persönlichkeiten der indischen Architekturszene seit der Unabhängigkeit.Sein Werk ist außerordentlich vielseitig: Es reicht von repräsentativen Bauten, wie dem Haus des British Council in Dehli über Entwürfe von kostengünstigen Häusern für Selbsthilfe-Projekte bis hin zu Planungen für den Neubau einer ganzen Stadt.Internationale Anerkennung erntete Correa erstmals Anfang der sechziger Jahre für sein Gebäude der Ghandi-Gedenkstätte in Ahmedabad.Locker gruppieren sich die Gebäude in Form variierender Rechteckformen um eine Terrasse und ihr zentrales Wasserbecken - die offene Mitte.So zeigt sich bereits hier ein Anliegen Correas, das er in seinem späteren Werk immer wieder aufgreift: die physische wie metaphysische Bedeutung der offenen Räume."Mir ist es wichtig, daß die Häuser zum Himmel hin offen sind und daß die Mitte frei bleibt", erläuterte Correa bei der Eröffnung seiner Berliner Ausstellung, zu der er eigens den weiten Weg von Bombay zurückgelegt hatte."Wenn man ein Haus mit einem zentralen Innenhof baut, schenkt man den Menschen, die dort auf engem Raum leben müssen, ein zusätzliches Zimmer." Der andere Grund für eine leere Mitte beruht auf der Lehre des Hinduismus.Die Mitte des Gebäudes gehört dem Brahman, dem "göttlich Ewigen", das in der indische Mythologie als Urgrund der Welt und aller Schöpfung gilt.Das Brahman entspricht dem "Nichts" und gilt als Quelle aller Energien.

Das Werk Correas zeigt sich außerordentlich vielseitig: Es reicht von repräsentativen Bauten, wie dem Haus des British Council in Delhi über Entwürfe von "Low-Cost"-Häusern als Armen-Selbsthilfe-Projekt bis hin zu Planungen für eine ganze Stadt.In den Baukörpern des Zentrums für Astronomie und Astrophysik in Poona wiederum will Correa die modernen Vorstellungen des Weltalls versinnbildlichen.Neben der Ausstellung ermöglicht der informative Katalog das Kennenlernen einer Architektursprache, die über das Bindeglied der Geometrie eine Synthese von Tradition und Moderne sucht.

Die Arbeit des Architekten in Indien gleicht oft einer Sisyphusarbeit, sagt Correa.Viele Projekte Correas zogen sich über Jahre hin, einige über fast zwanzig, wie die Arbeit am Regierungs- und Parlamentsgebäude der Provinz Zentralindien in Bhopal.Oft geht den Auftraggebern auf halbem Weg das Geld aus, und die Bautätigkeit kommt zum Erliegen.Baufirmen nutzen den Geldsegen für betrügerische Konkurse oder führen Arbeiten unsachgemäß aus.Allein für den Bau des Kulturzentrums von Jaipur wurden drei Bauunternehmen verschlissen.Es sind diese Unwägbarkeiten der Planung, wohl aber auch Correas Bauphilosophie, die ihn das Bauen als "offenen Prozeß" begreifen lassen.Correa entwirft seine Gebäude und Städtebau-Projekte in Teilabschnitten, die spätere Erweiterung und Funktionsänderungen ermöglichen.

ifa-Galerie, Neustädtische Kirchstraße 15, bis 17.Januar 1999.Katalog 20 DM.

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