Kultur : Die Lehre der Liebe

Un wenn aus dieser Liebe Hass wird?

Sudhir Kakar (63) ist indischer Psychoanalytiker. Er ist Mitglied der Psychoanalytic Association und der Academy of Science von New York. Von ihm sind verschiedene Sachbücher über Psychoanalyse und die Geschichte der indischen Zivilisation erschienent: Zu seinen wichtigsten Büchern gehören "Schamanen, Mystiker und Ärzte" (1984) und "Die Gewalt der Frommen" (1996). Sie sind, wie sein neuer Roman "Der Mystiker oder die Kunst der Ekstase", auf deutsch bei C. H. Beck erschienen.

Herr Kakar, Sie leben zwischen Neu-Delhi, Harvard und Berlin, Sie sind Psychoanalytiker und Romancier und haben 1996 eine grundlegende Untersuchung über die in Indien und Pakistan auch jetzt wieder aufflammenden Konflikte zwischen Muslimen und Hindus veröffentlicht: "Die Gewalt der Frommen". Ihre These ist: Zwei Dinge interessieren die Menschen - die Liebe und Gott.

So ist es.

Un wenn aus dieser Liebe Hass wird?

Dann sind wir bei den Terroristen. Bei terroristischen Fundamentalisten, deren Psyche nicht die Liebe bewegt, sondern ein starkes Gebräu aus Zorn und Schuldgefühlen.

Warum Schuld?

Weil die Muslime, so hören sie von den Mullahs, die einstige Glorie verloren haben, weil sie vom reinen Glauben abgefallen sind und die Probe aufs himmlische Königreich nicht bestanden haben.

Und aus diesem Gefühl des Versagens entsteht der Zorn - auf andere, auf die Ungläubigen?

Ja, es werden die vielfältigen weltlichen Ursachen für den Niedergang islamischer Reiche ausgeblendet. Die Fundamentalisten projizieren ihren Unterlegenheitskomplex gegenüber dem Westen vor allem auf den Nahostkonflikt. Palästina, dort liegt die Demütigung. Bei jedem Freitagsgebet erinnern die Mullahs an diese Demütigung. Und mit der absoluten Hingabe durch Selbstmord und Märtyrertod wird von Radikalen die Erneuerung des Paktes mit Allah versprochen.

Kann man diese kollektive Psychose beeinflussen?

Wo nur die Mullahs zu hören sind, ist es schwer, eine Gegenöffentlichkeit herzustellen. Aber es gibt zum Beispiel in Pakistan eine liberale Mittelklasse, der muss man die Angst vor Repressalien nehmen.

Gibt es seit dem 11. September nicht schon eine Gegenbewegung?

Die Reaktion der Amerikaner und des Westens war im ganzen nicht schlecht, sehen wir von Ausrutschern wie dem Gerede über "neue Kreuzzüge" ab. Man musste bin Laden und die Taliban besiegen. Aber Bomben und militärische Mittel sind noch keine Lösung.

Was gehört zur psychologischen Befriedung?

Es muss politische und ökonomische Bedingungen geben, in denen sich der Zorn der Gedemütigten in echte Trauer verwandeln kann. Trauerarbeit heißt, ohne Aggression oder Depression auch mit eigenen Verlusten fertig zu werden. Nicht nur immer die eigenen Wunden zu kratzen. Dieses Projekt der Aufklärung steht der islamischen Welt noch bevor.

Sie haben Ende der 90er Jahre ihren ersten Roman über die Liebe und das indische Kamasutra veröffentlicht, mit dem Originaltitel "The Ascetic of Desire". Warum eine "Askese des Begehrens", wenn es um Sex und Sinnlichkeit geht?

Weil wir vom Dichter des Kamasutra fast nichts wissen. Nur wenige Zeilen wurden uns über sein Leben überliefert, und die besagen, dass der Autor sein berühmtes Werk in strengster Enthaltsamkeit, in einer Phase keuscher Meditation geschrieben habe.

Aber ist die Askese nicht das Gegenteil der erotischen Lehre des Kamasutra?

Nicht wirklich. Das Kama reicht von der Wollust bis zur Enthaltsamkeit. In der indischen Kultur gleicht der Eros so einem Pendel zwischen Begehren und Askese.

Und worin liegt die tiefere Botschaft dieser ars amatoria in der indischen Tradition?

Sehen Sie, Michel Foucault unterschied zwischen der ars amatoria des antiken und der vita sexualis von uns modernen Menschen. In der Welt des Kamasutra hat diese Dichotomie jedoch keinen Sinn, sie gilt vielleicht für eine europäische Kultur katholischer Prägung. In unserer Kultur ist die erotische Dimension eines der wichtigsten Ziele des Lebens: ein Bestandteil der Existenz, der dem religiösen Bedürfnis und der Arbeit gleichgestellt ist. Darin besteht die wichtigste Botschaft des Kamasutra: Die erotische Erfahrung hat mit Moral nichts zu tun. Auch wenn die Lehre des Kamasutra heutigen Zerstörungstendenzen widerspricht.

Worauf spielen Sie an?

Auf die Tatsache, dass wir heute durch das Diktat der Sexualität bombardiert werden, in den Medien und in der gesamten Werbung. Dies sind Exzesse, die den Erotismus stören, brutalisieren und ihn jeglicher Faszination berauben. Das Kamasutra dagegen lehrt uns nicht nur die Erotik jenseits moralischer Vorschriften, sondern auch gewisse Regeln und Empfehlungen auszuleben, ohne die der Eros nur bloße Gewalt wäre. Doch es gibt noch einen weiteren, sehr aktuellen Bezug des Textes.

Und der wäre?

Das Kamasutra ist eine der ersten Schriften auf der Welt, die das sexuelle Erleben und die Lust der Frauen mit der gebührenden Aufmerksamkeit behandelt haben. In diesen Versen empfängt die Frau nicht passiv die männliche Gier, sondern sie ist ein Subjekt, das mit der gleichen Intensität handeln und genießen kann wie der Mann. Das ist eine der befreiendsten und "modernsten" Entdeckungen des Textes.

Der erotische Rausch des Dionysos, der Nietzsche so gefiel, verzaubert Sie nicht sonderlich?

Dionysos ist die animalische Verkörperung des erotischen Triebs, des Überschwangs der Leidenschaft, jener Neigung zur Gewalt, die das Kamasutra einzudämmen sucht.

Am Ende also statt Hedonismus nur die buddhistische Ruhe auf dem Grunde der Sexualität?

Ich glaube, dass Sexualität in ihrer schönsten Form eine doppelte Überschreitung ist. Für ein paar Augenblicke fühlen wir gemeinsam mit unserem Partner, wie sich das principium individuationis, also das Prinzip, dass mir sagt, dass ich Ich bin, unter unseren Füßen auflöst. In diesem Augenblick wird der Mann zur Frau und umgekehrt, jenseits der Geschlechterdifferenz. Genau dies sind die in der asketischen Mystik vollzogenen Übergänge und deshalb hieß mein Buch "Die Askese des Begehrens". Mein neuer Roman, der gerade in Deutschland erschienen ist, handelt von der Ekstase: "Der Mystiker oder Die Kunst der Ekstase" ist die logische Fortsetzung des ersten Buchs.

Die Liebe und das Göttliche sind für Sie das Zentrum des menschlichen Begehrens?

Ekstase heißt Grenzüberschreitung. Unsere erste Grenze überschreiten wir mit der Geburt, und es gibt ein Urverlangen, dass der physische Tod nicht unsere letzte Grenze sei.

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