Kultur : Die letzte Disco

Bodo Mrozek

bleibt bis achtzig linientreu Über die Verbindung von Mode und Politik gibt es höchst unterschiedliche Meinungen. Wie auch immer: Es ist nicht ganz unpassend, dass Rekordarbeitslosigkeit und Armutsstudien nun mitten ins Achtzigerjahre-Revival hineinplatzen. Schließlich waren die „Eighties“ das wohl schlecht gelaunteste Jahrzehnt nach 1945. Es herrschte gewissermaßen permanent Rekord-schlechte-Laune, besonders in Berlin.

Clubs waren zu jener Zeit Fußballfans vorbehalten. Wer tanzen wollte, ging in die Disco. Landete man dabei etwa im Linientreu , musste man ständig aufpassen, nicht zwischen die Fronten irgendwelcher Grufties, Waver, Elvis-Verschnitte oder Irokesen zu geraten. Ein muskulöser Typ namens „Kunterbunt“ ruderte beim Tanzen immer derart mit den Fäusten, dass gelegentlich einer zu Boden ging.

Mit einem Wort: Es hatten alle ihren Spaß. Es kam aber darauf an, dies möglichst wirkungsvoll zu verstecken. Angesichts der Arbeitsmarktprognosen fiel dies nicht sonderlich schwer. Man dachte kurz an die Zukunft und setzte eine finstere Miene auf. Manche nun haben diesen Gesichtsausdruck beibehalten. Sie stehen mit hängenden Nietengürteln und Mundwinkeln und gucken böse wie damals. Nur stehen sie meist am falschen Ort. Liebe Eighties-Fans aus dem Rio oder White Trash, geht doch lieber in die Budapester Straße 42 (Tiergarten). Denn das „Treu“ gibt es immer noch. Wahrscheinlich wird es selbst dann noch weiterleben, wenn der letzte Club aus Mitte wieder verschwunden ist. Das „Treu“ ist nämlich die wahrscheinlich letzte echte Eighties-Disco von Berlin. Authentisch, kein Retro!

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