Kultur : Die letzte Saison

Rentner am Strand: die Doku „Mañana al mar“

David Gels

Großstadtverkehr in Barcelona. Hektisch humpelt eine alte Frau zur Haltestelle. Sie stützt sich auf eine Krücke. Der 57er-Bus wird sie an ihr Ziel bringen: „al mar“. Ein Kilometer Sandstrand. Die Kamera fängt ihr erwartungsvolles Gesicht ein, dann schwenkt sie auf das Meer.

Das Leben auf diesem schmalen Streifen Land hat die junge Dokumentarfilmerin Ines Thomsen einen Winter lang begleitet. Eine Strandgemeinschaft älterer Menschen, die ohne das Wasser nicht sein können. Paulina, deren Krücke schräg in den Sand gebohrt direkt an der Brandung steht. Außerhalb des Meeres kommt die alte Dame nur schwerfällig voran. Schwimmend ist sie ein anderer Mensch. Das Wasser als Jungbrunnen. Paulina singt. Kubanische Boleros aus ihrer Jugendzeit, von ebenso schöner wie herzloser Liebe. Singt, als sei das alles nicht vergangen, sondern gerade erst gewesen. „Ich habe noch immer nicht genug“, sagt sie. Dann macht sie sich auf den mühevollen Weg zurück zu ihrer Kleidung.

José ist der Alltagsphilosoph der Strandbewohner. In gebeugter Haltung joggt er direkt an der Gischt. Langsam, aber beharrlich läuft der alte Mann seine Runden. In seinem eigenen Rhythmus, den Kopf voran, den dürren, gebeugten Körper hinterher. „Für mich gibt es keine Ersatzteile mehr.“ Gleichmütig erzählt José von der verrinnenden Zeit. Sie alle zählen hier die Jahre. Ihre Gruppe schrumpft von Saison zu Saison. José ist am Ende des Lebens angekommen. Den Tod fürchtet der passionierte Geschichtenerzähler nicht. Keine Spur von Verbitterung. Dankbar ist er für jeden Tag, den er noch am Wasser verbringen darf.

Josés Anekdoten werden unterbrochen von Lautsprechern, die mittags den menschenleeren Strand beschallen. Das Lied des Schwimmvereins Barcelona: „Blau ist das Meer, blau ist der Himmel, blau sind unsere Gedanken.“ Die Schallplatte ist so verkratzt, dass man kaum etwas versteht. Sonst schweigen die Lautsprecher. Und wenn Paulina oder José gerade nicht singen, ist es still am Meer. Im Dunst verschwinden die Hochhäuser und Kräne. Ein Winter voller Lichtkontraste. Mal bringen die Sonnenreflektionen auf dem Wasser alles zum Leuchten. Mal bahnt sich schlechtes Wetter an, mit weißlich überschlagender Gischt. Dann geht niemand schwimmen. Die Brandung schluckt alle Geräusche. Tiefenströmung, sagt die Strandgemeinschaft.

Wer sich einlässt, begreift, warum „Mañana al Mar“ für die unverwüstlichen Alten das große Glück ist. Ines Thomsens Film ist nicht zuletzt eine Liebesgeschichte. Alle, die hier tagtäglich aus dem Bus steigen, sind verliebt ins Meer. Die Regisseurin spürt einer ganz eigenen Tiefenströmung nach. Behutsam, voller Sympathie nähert sie sich ihren Protagonisten. „Ich liebe das Wasser“, sagt Paulina. Eines Tages einfach darin bleiben, das würde ihr gefallen. Und dann noch ein Bolero: „Der Gesang erhellt den Himmel und die Herzen.“ Ines Thomsen ist ein leichter, sehr heller Film gelungen.

Central und fsk (beide OmU)

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