Kultur : Die Liebe in Venedig

Jan Schulz-Ojala

Wie rasend die Zeit vergeht: Vor nicht einmal einem Jahr war die Kinowelt AG noch einer der so genannten Big Player in der Branche. Der durch schnelles Börsengeld ein bisschen megaloman gewordene Rechtehändler Michael Kölmel mochte sich zwar schon damals schlimm verspekuliert haben - vom überteuerten Kauf eines Warner-Bros.-Filmpakets bis zum Dauerclinch mit Leo Kirch - in seinem Kerngeschäft aber, dem Filmverleih, lief scheinbar alles noch wie eh und je. Alljährlich brachte das Unternehmen, deutscher Marktführer im Zelluloid-Ausstoß, bis zu 60 Filme ins Kino. Die gehobene Massenware lief unter dem Label Kinowelt vom Stapel, für den Vertrieb der cineastischen Artikel war ein feiner Trabant zuständig, Arthaus mit Namen.

Unbeschreiblich weiblich

Mittlerweile ist das Unternehmen Kinowelt AG praktisch pleite, das Arthaus-Beiboot wurde schon vor Monaten versenkt - und der phänomenal erfolgreiche "Herr der Ringe", der den zeitweiligen Mediengiganten noch hätte aus dem Gröbsten retten können, spült nun Hauptgläubiger Warner die Millionen in die Kasse. Millionen, die Kinowelt, einst der größte deutsche konzernunabhängige Verleih, wunderbar in den Vertrieb so mancher schöner Filme hätte stecken können. Längst ist die Lücke, die sich durch den Kinowelt-Crash in der Branche aufgetan hat, schmerzhaft zu spüren. Kinowelt mag zeitweise im Filmkauf die Preise verdorben haben und im Verleihgeschäft nicht immer sorgfältig genug gewesen sein - die Firma stand doch lange für den Traum vom finanziell potenten Unternehmen, das auch weniger gängigen Filmen eine sichere Plattform schafft. Auch heute kommen jene Filme, die etwa bei Arthaus gut aufgehoben gewesen wären, ins Kino - aber die kleinen Verleiher, die sich für sie engagieren, haben oft zu wenig Reserven für Werbung und Kopien. Und so verschwindet viel Wunderbares schneller vom Markt, als Qualität sich überhaupt herumsprechen kann.

Da grenzt es an ein Wunder, dass Kinowelt offenbar doch ein Rettungsboot auszusetzen imstande ist. Der Verleih ist aus dem laufenden Insolvenzverfahren als GmbH herausgenommen - und so bekommt einer der hinreißendsten Filme des vergangenen Jahres, Lone Scherfigs "Italienisch für Anfänger", nun doch noch seine Chance. Ursprünglich von Arthaus für Oktober angekündigt, startet nun Kinowelt den Silbernen-Bären-Sieger der Berlinale 2001 deutschlandweit mit immerhin 70 Kopien.

"Italienisch für Anfänger" ist der erste von einer Frau gedrehte Dogma-Film - und er ist, man wird das sagen dürfen, unbeschreiblich weiblich. Lone Scherfig beachtet die Regeln der dänischen Dogma-Regisseure von 1995 entwaffnend pragmatisch. Sie profitiert von der Kraft, die aus der ästhetischen Strenge erwächst, ohne sich im mindestens von der möglichen Enge der Strenge irritieren zu lassen. Ihr Kameramann Jorgen Johansson verwendet sehr wohl die regelkonforme Handkamera, tut dies aber manchmal bis ins unbewegte Bild hinein - schließlich steht nirgendwo geschrieben, dass sie sich erst durch Reißschwenks qualifiziert. Auch ist "Italienisch für Anfänger" ein Ensemblefilm geworden, wie seine Vorgänger "Das Fest" und "Idioten" - nur wird man deren brachiale Energie bei Scherfigs sehr sensibel agierenden Darstellern vergebens suchen.

Wir sind in einem Vorort von Kopenhagen. Weder Großstadt noch Land, weder Kleinstadt noch Hochhaus-Banlieue: der ideale Set für eine Welt, in der Nachbarschaft und Anonymität, eine gewisse Nestwärme und das große Ungewisse des Lebens beiläufig nebeneinander existieren. Rund zehn Figuren wachsen einem beim Zuschauen unaufdringlich zu: die meisten sind Singles zwischen Dreißig und Vierzig, und ihre Schüchternheit und ihr Draufgängertum, ihr Lebensschmerz und ihre Liebessehnsucht klingen - im Einzelnen trennscharf komponiert - bald zu einem anrührend harmonischen Konzert zusammen. Drei Paare finden sich, und drei Todesfälle gibt es - und doch siedelt die leise Heiterkeit nicht unbedingt nur beim Glück und der Schmerz bei der Trauer. Lone Scherfig filmt das Leben, wie es sein könnte, ohne dass Dogma ein Drama draus macht. Sie liebt ihre Figuren, sie liebt deren Unfertigsein oder auch Stehengebliebensein. Und dann bringt sie diese Leben in Bewegung, mit sanften, auch komischen Kollisionen.

Da ist Karen (Ann Eleonora Jorgensen), Friseurin mit kleinem Laden, berstend vor Vitalität und doch wie gelähmt: Immer wieder steht ihre alkoholkranke Mutter vor der Tür, wenn mal das Glück dazwischenzufunken droht. Oder der ruppige Kneipier Hal-Finn (Lars Kaalund): Er hat sich in Karen verliebt und verscherzt sich ihre Nähe zeitweise durch einen bösen Fehler. Sein Freund, der schüchterne Hotelportier Jorgen Mortensen, den Peter Gantzler wunderbar eingesponnen als dänischen Joachim Król gibt, sehnt sich nach der entzückenden Kellnerin Giulia (Sara Jensen), aber hält sich für impotent. Und da sind die notorisch ungeschickte Olympia (Anette Stovelbaek) und der junge Pfarrer Andreas (Anders W. Berthelsen), der den cholerischen Pastor Wredmann (Bent Mejding) ablösen soll: alles spät Verwaiste, früh Verwitwete, Leute, die in die Liebe nicht hineinfinden oder aus einer toten Liebe nicht herausgefunden haben. Sie alle treffen eines Tages beim Italienischkurs zusammen, und dieser Italienischkurs - oder war es das wiedererwachte Leben - wird sie nach Venedig führen.

Man kann diese Geschichte, die sich aus zahllosen Mini-Geschichten zusammensetzt, manchmal aus Andeutungen und Blickwechseln nur, kaum erzählen. Die Dinge, im Einzelnen so nichtig wie fast alles im alltäglichen Dasein, treiben voran wie in der Soap-Opera - und zugleich stellt "Italienisch für Anfänger" das Prinzip Soap auf den Kopf. Kein Gefühl kommt hier seifenglatt daher, und was da Vorstadtoper werden könnte, löst sich immer wieder in intime Kammerspiel-Situationen auf. Der Portier, der sich dem Pfarrer im Schwimmbad anvertraut, Karen, die Hal-Finn mit seiner ewig postpubertären Raubauzigkeit konfrontiert, Olympia, die vorsichtig Nähe wagt zu einer Schwester, die plötzlich in ihr schon fortgeschrittenes Leben tritt: All dies könnte Material sein für jene Fensterguckerei ins sogenannte Spektakuläre, wie es die Soap zelebriert, und ist doch bei genauerem Hinsehen nur vertrackte Spiegelung. Denn die verletzlichen, seelennackten Nachbarn, die wir da zu beobachten wähnen, sind niemand anderes als wir selbst.

Begräbnisse und Hochzeiten

Ob die tiefe Menschenliebe dieses Films einer Religiosität geschuldet ist? Wahrscheinlich ist auch das schon zu dogmatisch gefragt. Immerhin hat Lone Scherfig neben dem Italienischkurs eine weitere dramaturgische Mitte geschaffen: die zunächst verödete kleine Kirche der Gemeinde, die sich durch die Anwesenheit des sanften jungen Pfarrers wie von selber wieder füllt. Sie ist bald mehr als der zwangsläufige Versammlungsraum einer säkularisierten Gesellschaft, die dort ihre formalen Ausnahmeereignisse zelebriert - aber dann geraten die Trauergottesdienste in Scherfigs Kino-Kirche plötzlich unwiderstehlich kurios, und Hochzeiten, obwohl Material dafür genug vorhanden wäre, finden gar nicht erst statt. Nur einmal macht dieser Film, der das Religiöse ebenso mutig wie selbstverständlich in den Alltag zurückführt, ein bisschen plakativ Werbung für Gott - als der zum Menschenfeind gewordene alte Pastor nach einer turbulenten Aussprache mit dem jungen Pfarrer in seine Kirche zurückgeht, geläutert, und betet. Vielleicht aber hat Scherfig auch ihm nur den kleinsten, einsamsten Frieden nicht verwehren wollen.

Es geht eben um Wärme in "Italienisch für Anfänger", weiter nichts. Und nichts weniger. Eine Wärme, die weniger in die Tränen der Rührung als in eine nachhaltige Angerührtheit mündet. Zwölf Filme pro Jahr will der Kinowelt-Verleih künftig herausbringen, sagt der Verleihchef vorsichtig optimistisch. Sollte es gegen alles Hoffen doch Kinowelts letzter gewesen sein - der nächste Start ist erst für März geplant -, es wäre zumindest einer seiner schönsten gewesen.

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