Kultur : Die Liebe ist kein Federball

Ist das Oper? Sebastian Baumgartens eiskalte „Tosca“ an der Berliner Volksbühne

Christine Lemke-Matwey

Am Ende ist vielleicht doch alles nicht so schlimm, wie es zwei stickige Volksbühnenstunden lang offenbar gemeint gewesen sein soll. Der leichtlippig beschworene Niedergang des Hauses am Rosa-Luxemburg-Platz nicht (voller Saal! jubelnder Saal!). Die Krise des Schauspiels an sich nicht (die können ja richtig toll spielen, richtig gut singen!). Das Wildern in der Oper, das Ausweiden fremder Genres und Textkörper nicht (Puccini bleibt eben Puccini!). Und auch die handelsüblichen Dekonstruktionsweisen des szenischen „Materials“ bleiben hübsch im ideologischen Rahmen (Blut, Männer in Unterhosen, noch mehr Blut, geisterbahnartige Videos, Schampuskorken, piff, Platzpatronen, paff). Sebastian Baumgarten fädelt „Tosca“ neu auf, nach dem Drama von Victorien Sardou und mit der eher unauffälligen musikalischen Unterstützung von Tarwater – und es kommt eigentlich ein ganz gemütlicher, mal mit mehr, mal mit weniger Appetit an seinen eigenen Knöchlein nagender Abend dabei heraus.

Am Ende nämlich steht die großartige Kathrin Angerer alias Floria Tosca mit ihrem entzückenden Schwangerschaftsbäuchlein wie eine Kreuzung aus Liza Minnelli und Barbra Streisand an der Rampe und haucht „When All the Stars Come Down“ ins Mikrofon. Eine Discokugel schwebt herab, rot glüht der Bühnenhimmel, und ein Tosca-Double trudelt kopfüber, in traumatischer Entschleunigung, in die von Robert Lippok und Alexander Wolf lieblos zusammengenagelte Spielstätte (im Bauch des Klettergerüsts agiert, sehr ordentlich, das Filmorchester Babelsberg unter Max Renne, davor hausen Tosca und Mario Cavaradossi im landläufigen Prekariatsidyll). Kitschiger, mythischer hat sich Tosca, die Primadonna, die Künstlerin, wohl selten von der römischen Engelsburg in den Tod gestürzt. Und Cut. Blackout. Na, Sie wissen schon. Oder wie sagt Martin Kippenberger im „Tosca“-Programmheft so schön: „Künstler lügen NUR.“

Ach: die liebe Kunscht. Der Diskurs darüber, oho, der nicht erst mit Schlingensief auch ins Musiktheater Einzug gehalten hat und längst auf jedes Stück passt und auf diesen kriminalistischen Schmachtfetzen erst recht, weil es ja nun einmal um eine echte Diva zwischen zwei Männern geht, um Staatsräson und „genitale Verwirrungen“ (Alexander Kluge), um Realismus, Futurismus, Idealismus, Glaube, Liebe, Hoffnung, Gesellschaft, irgendwie. Lustig, wie Tosca vor dem neuesten Machwerk ihres hinreißend schlappschwänzigen Malers Mario steht (der kreischende Jammer in Person: Lars Rudolph), mal die rechte Hand in die rechte Hüfte stützt, mal die linke in die linke und abwechselnd „oh“, „ja“, „hm“, „okay“ murmelt. Die Behauptung des Ganzen allerdings, die Kunst habe nichts mehr auszurichten, der Künstler treibe haltlos und vollkommen unnütz durch die heutigen Welten, sie verfängt nicht. Nicht im Skelett der (so übrigens ziemlich dämlich wirkenden) Stückfabel, nicht in der brausenden Theatermaschinerie, die aufgeboten wird, um sämtliche Zeiten, Räume und Ästhetiken zu atomisieren. Wer derart virtuos in die Registerkiste greift, tut dies mit kalter Hand. Könnte das unser Problem sein?

Dabei gelingen Baumgarten einige Nummern wirklich auf den Punkt: Tosca und Cavaradossi vor der Scheinhinrichtung beim Federballspiel; wie Tosca den schmierigen Scarpia (Thorsten Merten) mit einem Kissen erstickt und, auf seinem Rücken kniend – „Stirb doch!“ – den von Puccini auskomponierten Todesseufzer buchstäblich aus ihm herausquetscht. Beeindruckend überhaupt, wie musikalisch sich das Ensemble gebärdet: Werner Eng als Angelotti, Norbert Stöss, Frank Büttner, Trystan Pütter, Angie Reed und, als spezial guest, Steffi Zimmermann mit Turmfrisur. Schlimm, dass man sich hinterher nach nichts so sehr sehnt wie nach einer saftig-konventionellen „Tosca“-Inszenierung in der Provinz? Ein bisschen. Ja, doch, schon. Irgendwie.

Wieder am 3., 8. und 15. Februar.

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