Kultur : Die Lust am Diesseits

Wiederkehr des Barock: Zum Abschluss des Rubens-Jahres feiert Wien den flämischen Malerfürsten in drei Museen

Bernhard Schulz

Ein besonderes Jahr geht zu Ende. Das Rubens-Jahr hatte keinen kalendarischen oder sonstigen Anlass, wurde von niemandem ausgerufen und bezog niemanden ein. Und doch hat sich seit den Auftaktveranstaltungen in Lille und Antwerpen ein Reigen von Rubens-Ausstellungen angeschlossen, wie es ihn in solcher Fülle noch nie gegeben hat und auf Jahre hinaus auch nicht mehr geben kann.

Den krönenden Abschluss macht Wien. Die Kaiserstadt hütet in ihren Mauern derartige Schätze an Werken des Antwerpener Malerfürsten, dass es geradezu fahrlässig gewesen wäre, sie nicht der neu erwachten Lust auf den Maler himmlischer wie auch höchst irdischer Freuden und Leiden darzubieten. Drei Häuser haben sich zusammengetan, um ihre Bestände auszubreiten, gezielt bereichert durch Leihgaben und verbunden durch einen gewichtigen Katalog. Als „größte Rubens-Schau der Welt“ preisen das im Frühjahr eröffnete Liechtenstein Museum, das Kunsthistorische Museum sowie die Gemäldegalerie der Akademie der bildenden Künste ihre Gemeinschaftsaktion an; und wenn der Superlativ im Vergleich zu anderenorts ausgerichteten Veranstaltungen auch stimmen mag, so spiegelt sich darin doch jenes Marketing-Gebaren, dem die Wiener Häuser mittlerweile verfallen hat.

Auslöser dafür ist nicht zuletzt Klaus Albrecht Schröder, der Direktor der Grafischen Sammlung Albertina, der mit seiner Rubens-Ausstellung den lieben Kollegen die Schau stehlen wollte. Sie ging just am vergangenen Sonntag zu Ende, als die Dreier-Ausstellung glanzvoll eröffnete. Von „Ego-Trips“ war bei deren Vorbesichtigung denn auch die Rede. Dabei ist Schröder nur der Coup geglückt, vom New Yorker Metropolitan Museum eine für kommenden Jahresbeginn geplante Rubens-Grafikübersicht vorab zu erhalten und, seinem höchst erfolgreichen Konzept entsprechend, mit Gemälden passgenau zu bereichern.

Dem Besucher können derlei innerwienerische Querelen gleichgültig sein. Die zu hörende Mäkelei, hier zeigten drei Museen lediglich, was ohnehin zu sehen ist, wendet sich zum Lob: Hier arbeiten drei Museen sinnvoll mit ihren Beständen.

Drei in ihrem Charakter höchst unterschiedliche Sammlungen sind zu besichtigen. Das allein bezeichnet ein wesentliches Element der Rubens-Rezeption schon zu Lebzeiten (1577-1640), erst recht aber seit dem Tod des flämischen Meisters. Denn aus der ungeheuren, von einer Werkstatt mit bis zu 100 Mitarbeitern (!) hochprofessionell verfertigten Produktion suchten sich Sammler in ganz Europa das für ihren Stand und ihre Ambitionen Passende heraus. Rubens’ Werke wurden nachgerade zum Barometer der sozialen Stellung ihrer Besitzer, zu einer Währung, deren Kurs ganz Europa kannte und hoch hielt.

An der Spitze stand natürlich die Vormacht des barocken Europa, das habsburgische Kaiserreich samt seinem spanischen Ableger. So ist die grandiose Sammlung, die das Kunsthistorische Museum in seinem imperialen Gebäude hütet, eben die des Kaisers, der ohne Beschränkung von Format, Sujet und nicht zuletzt Kosten sammeln konnte, was an Spitzenwerken erhältlich war. Nirgends lässt sich die enorme Bandbreite der Rubens’schen Sujets und Kompositionen besser bewundern als in Wien. Das Kaiserhaus profitierte nicht zuletzt von der Auflösung des Jesuitenordens 1776, das die Schätze der Antwerpener Jesuitenkirche verfügbar machte. So hängen nun die riesigen Altarbilder mit den gegenreformatorischen Vorbildern des Hl. Ignatius und des Hl. Franz Xaver im Museum.

Die beiden Werke konnten ihrer Größe wegen nicht in die – endlich vollzogene – chronologische Neuordnung der Museumsbestände einbezogen werden, die ansonsten eine lückenlose Zusammenfassung von Rubens’ Œuvre bieten. Von solchem Anspruch frei ist das Haus Liechtenstein, das eine der weltweit bedeutendsten Privatsammlungen birgt. Im Mittelpunkt steht hier der kraftstrotzende Bilderzyklus zur historia des römischen Feldherrn Decimus Mus, der unter Preisgabe seines eigenen Lebens die römische Republik rettet – ein exemplum virtutis, ein Tugendvorbild, das einem regierenden Fürstenhaus wohl anstand. Bereichert wird der Zyklus von 1616/17 durch Vorzeichnungen und modelli, also maßstäblich verkleinerte Fassungen, die dem Maler selbst, aber insbesondere der Werkstatt als Richtschnur dienten.

In der Bewertung der vom Meister selbst angelegten Vorzeichnungen und Ölskizzen und der von ihm je nach Gewicht des Auftrags mehr oder minder eigenhändig bearbeiteten Gemälde hat sich über die Zeiten hinweg ein Wandel vollzogen. Auf die Genie-Theorien der Renaissance zurückgreifend, erkoren Kunstkenner mehr und mehr die motivischen Zeichnungen, die bozzetti als Ideenskizzen sowie die kleinformatigen modelli großer Kompositionen zu ihren Sammelobjekten. Davon legt die Sammlung des Grafen Lamberg Zeugnis ab, die mit ihrem Vermächtnis an die Akademie der bildenden Künste 1822 zum Grundstock der dortigen Kunstsammlung wurde, übrigens eine der exquisitesten Wiens – und ihres Standortes im Obergeschoss des studentisch-quirligen Akademiegebäudes halber die wohl unbekannteste.

Hier sind auch die Skizzen zu den Großformaten der Antwerpener Jesuitenkirche in hochbarock bewegtem Duktus zu sehen. Ebenso verfuhr der Antwerpener Meister beim Entwurf zum Londoner Wandbild der Verherrlichung König Jakobs I. von 1633.Die beiden Werkstatt-Ganzfigurenporträts der Kaiser Maximilian und Karl V. entstammen einer Festdekoration von 1635, einem Arbeitsbereich Rubens’, dessen Bedeutung im damaligen politischen Gefüge heute ganz aus dem Bewusstsein geschwunden ist.

Blickfang der Akademie-Sammlung ist aber das Gemälde „Boreas entführt Oreitheya“, ein von den als Quelle unerschöpflichen „Metamorphosen“ Ovids angeregtes Bild, das zugleich eine Feier schönster Körperlichkeit ist. Die Abneigung gegen die Fülle Rubens’scher Leiber kam später. Der heutige Betrachter kann Zu- wie Abneigung als zeitbedingt erkennen – und sich an der malerischen Delikatesse berauschen, mit der es Rubens immer und immer wieder gelingt, menschliche Körper und – eminent wichtig – deren subtile Sprache, ganz allgemein aber Sinnenfreude und damit Diesseitigkeit zu malen. Das gilt ebenso für das berühmte, mit 1637 sehr späte und auf Rubens’ bewundertes Vorbild Tizian zurückgreifende „Venusfest“. Es ist eines der Glanzbilder des Kunsthistorischen Museums, das im zweckfreien, sich selber feiernden Reigen der Damen und Putti nicht nur ein unglaubliches Virtuosenstück darstellt, sondern die Malerei als Kunst der Künste schlechthin feiert.

Solcher Höhepunkte gibt es etliche. Das Publikum, das bereits die Albertina-Übersicht mit 231000 Besuchern zum Überraschungserfolg geführt hat, wird erneut strömen. Damit stellt sich die Frage nach den tieferen Ursachen dieses Zuspruchs. Offenbar ist die Zeit wieder einmal reif, die Leistungen des – vor allem katholischen – Barock zu würdigen.

Dem Betrachter nicht erst von heute ist zwar der Gehalt der Bilder fremd geworden. An dessen Stelle trat die Bewunderung des künstlerischen Ingeniums, zu erfahren an den eigenhändigen Skizzen. Doch das Rubens-Jahr hat neben die Handzeichnung erneut das fertige Gemälde, neben das intime Blatt das Prachtbild in den Mittelpunkt gerückt, ob in Lille, Genua oder nunmehr Wien. Eine Renaissance barocker Überwältigungs-Kunst beim breiten Publikum deutet sich darin vielleicht an.

Zumindest die Schaulust ist geweckt – auf Bilder, die erzählen können und ihre Botschaft in schwelgerischen Farben und Formen mitteilen. Das ist, nach Jahrzehnten einer dem rein Innerkünstlerischen frönenden Kunstauffassung, bemerkenswert. Jedenfalls dürfen die Altmeister-Museen darauf rechnen, dass ihnen ein weit größeres Interesse entgegenschlägt, als sie im Konkurrenzkampf mit der Moderne zu meist zu hoffen wagen.

Wien, bis 27. Februar. Kombiticket inkl. Bus-Shuttle 15 €. Katalog im Christian Brandstätter Verlag, 36 €, im Buchhandel geb. 49,80 €. Mehr: www.rubensinwien.at

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