Kultur : Die Macht der Worte

Margit Lesemann

Finster ist die Welt um Sade. Finster und kalt. Ziellos streift das zwölfjährige Mädchen mit ihrem kleinen Bruder Femi durch London. Ist es wirklich erst einen Tag her, dass sie zu Hause in Lagos wie immer ihre Schultasche packte? "Wenn man diesen Tag doch noch einmal beginnen könnte, indem man einfach etwas anderes anzog." Sade hat mit angesehen wie ihre Mutter vor ihrem Haus erschossen wurde. Eigentlich galt der Anschlag ihrem Vater, einem Journalisten, der in seiner Zeitung couragiert gegen die Militärregierung in Nigeria protestiert.

Sade und Femi müssen sofort fliehen, denn auch sie sind nun in großer Gefahr. Ihr Vater, so ist es abgemacht, wird ihnen so schnell wie möglich folgen. Eine Frau bringt die beiden Kinder gegen Bezahlung nach London, wo sie ihr Onkel aufnehmen soll. Doch als sie dort ankommen, ist der selbst untergetaucht.

Spannend und informativ erzählt Beverley Naidoo wie Sade und Femi über Nacht aus ihrer heilen Kinderwelt gerissen werden. Es ist nicht nur die ungewohnte Kälte, die ihnen zu schaffen macht. Zwar treffen die beiden bald auf Menschen, die sie liebevoll aufnehmen, dennoch sind sie ihrem Flüchtlingsschicksal hilflos ausgeliefert, dem stundenlangen Warten in der Einwanderungsbehörde, dem Ausfüllen endloser Formulare, dem Abnehmen von Fingerabdrücken und auch der Unterdrückung durch neue Klassenkameraden. Das alles verunsichert Sade. Was darf sie sagen, ohne sich und ihre Familie in Gefahr zu bringen? Immerhin hat die Wahrheit, die ihr Vater in seiner Zeitung schrieb, sie erst in diese Situation gebracht.

Doch dieses Mädchen ist mutig und stark. Von ihren engagierten Eltern hat sie gelernt den eigenen Gefühlen zu trauen und sich gegen Ungerechtigkeit und Unmenschlichkeit zu wehren. Immer wieder erinnert sich Sade an Gespräche mit ihrer Mutter. Die Autorin, die selbst in England im Exil lebt, wuchs in Südafrika auf, wo sie in den sechziger Jahren wegen ihres Engagements im Widerstand des Landes verwiesen wurde. Glaubwürdig und mit ausgeprägtem Mitgefühl schildert sie die Empfindungen der Flüchtlinge, die im Exil Zuflucht suchen und gibt so den Menschen hinter den Asylanträgen ein Gesicht.

Als Sades Vater schließlich nach London kommt, wird er sofort wegen illegaler Einreise verhaftet. Sades Gedanken verwirren sich noch mehr. Bilder der Vergangenheit und Zukunftsängste mischen sich zu einem verrückten Durcheinander. Aber sie hält durch und plötzlich weiß sie, was sie tun muss. Es gelingt ihr, die Medien auf ihren Vater aufmerksam zu machen und ihn so vor der Abschiebung zu retten. "Wenn wir die Ungerechtigkeit verschweigen", das hat Sade von ihrem Vater mitbekommen, "dann wird sie gewinnen. Wir müssen uns trauen die Dinge auszusprechen. Im langen Fluss der Zeit sind Worte mächtiger als Schwerter."

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