Kultur : Die Mauer am Pazifik

Das Wende Museum in Los Angeles pflegt seit zehn Jahren das Erbe des Kalten Krieges.

Hans J. Wendler
Spuren der Geschichte: „Vandalized Lenin Bust“ von 1965/89. Foto: Wende Museum
Spuren der Geschichte: „Vandalized Lenin Bust“ von 1965/89. Foto: Wende Museum

Die Mauer muss weg, aber hier steht sie erneut, entlang des Wilshire Boulevard, gegenüber dem Los Angeles County Museum of Art. Mit zehn von internationalen Künstlern bemalten Segmenten als Pendant zur Berliner Eastside Gallery, dem heute weltweit wohl längsten Mauerabschnitt außerhalb Berlins. Vor drei Jahren war sie hier wieder aufgebaut worden und symbolisch auch wieder gefallen; am 20. Jahrestag der Wende kippten nicht nur Dominos vor dem Brandenburger Tor, sondern ebenso Mauerteile im fernen Los Angeles, Berlins ältester Partnerstadt. Quer über die Hauptschlagader der Stadt am Pazifik, an ihrer Miracle Mile, hatte man einen synthetischen Schutzwall errichtet, der um Mitternacht unter großem Jubel gestürzt wurde.

Hinter dem nachinszenierten Ende der deutschen Teilung und damit des Kalten Krieges stand das Wende Museum in Los Angeles. Ähnlich wie die Villa Aurora in L. A. die Erinnerung an die aus NaziDeutschland geflüchteten Exilanten bewahrt, pflegt das Museum das europäische Erbe des Kalten Krieges und seiner Überwindung. Wobei der Wende-Begriff allgemein für den Umbruch steht, der sich 1989 in der DDR und in Osteuropa vollzog. Das Wende Museum mit angeschlossenem Archiv wird jetzt zehn Jahre alt. Der Blick auf seine Entstehung lohnt sich, auch hinsichtlich des für Berlin diskutierten Museums des Kalten Krieges. „Es ist eine spannende Geschichte“, sagt Angela Thompson, die in Culver City lebt, Beiratsmitglied des Museums ist und selbst aus der DDR stammt.

Am Anfang stand das Engagement eines Einzelnen, ähnlich wie beim Haus am Checkpoint Charlie. Der amerikanische Historiker und Archäologe Justinian Jampol, damals noch Student in Oxford, sah mit wachsendem Entsetzen, wie die DDR-Bürger nach dem Fall der Mauer nichts Eiligeres zu tun hatten, als die Dinge ihres bisherigen Lebens zu entsorgen. „Es wurde mehr weggeworfen als verkauft“, erinnert er sich. Das Umfeld des Brandenburger Tors sei ein einziger Flohmarkt gewesen, auf dem alles verscherbelt wurde, was in Häusern, Fabriken oder Büros plötzlich als wertlos galt. Jampol fühlte sich an Ausgrabungen erinnert, bei denen die Dinge des Alltagslebens auf der Müllkippe enden, und versuchte zu retten, was zu retten war. Von der Aufbruchstimmung immer wieder nach Berlin gelockt, kaufte er, was er sich leisten, und sammelte, was er aufbewahren konnte. Außerdem riefen Freunde und Bekannte in Oxford an, wann immer sie glaubten, sie hätten etwas von Interesse für ihn. Bald passten die Fundstücke nicht mehr in sein Studentenzimmer.

Also versuchte Jampol, Museen für seine Objekte zu interessieren, aber vergebens. Dann spielte er mit dem Gedanken an eine Art Leihbibliothek und stellte seine Fundstücke auf Anfrage zur Verfügung, wann immer sich jemand mit dem untergegangenen „Ostblock“ befasste. Für seine eigene Dissertation über die politische Ikonografie der DDR suchte er weiter nach Objekten und machte die Bekanntschaft von zahlreichen Trödlern und Mauerspechten. Einer davon hatte seinen Neuköllner Keller voller DDR-Memorabilia und verkaufte sie ihm auf Kredit. Als Jampol 2001 nach Amerika zurückkehrte, verschiffte er zwei Überseecontainer mit DDR-Erinnerungsstücken nach Long Beach, Kalifornien.

Was folgt, ist eine typisch amerikanische Erfolgsstory. Während in Deutschland alle skeptisch nach Jampols Konzept für eine mögliche Sammlung fragen, stellen Freunde und Bekannte ihm in Los Angeles Lagerraum und jede nur denkbare Hilfe für eine wissenschaftliche Präsentation zur Verfügung. In klimatisierten Räumen in Culver City, die früher dem Auktionshaus Christie’s gehörten, kann Jampol loslegen, im J. Paul Getty Museum findet er einen potenten Partner.

Als er 2002 eine sechsstellige Summe erbt, erwirbt er ein größeres Lager und macht sich an den systematischen Aufbau einer musealen Sammlung und eines Archivs. Spenden trudeln ein, über seinen Professor an der University of California, der auch Beiratsvorsitzender des britischen Arcadia Fund ist, erhält er quasi institutionelle Förderung. Der Fonds unterstützt seltene historische Archive und den Erhalt wertvoller Artefakte. Ab 2004 wird das Wende Museum für zunächst fünf Jahre mit jährlich einer Million Dollar aus dem Fonds unterstützt, die Förderung wird verlängert, damit das Archiv für Forschungszwecke ausgebaut werden kann. Derzeit geht es um die dritte Verlängerung, bei einer Zusage könnte das Museum weiter expandieren.

Jampols Sammeltätigkeit reicht weit über die Wendejahre hinaus. Als im August 2002 eine Jahrhundertflut Dresden bedroht, kann er in letzter Sekunde eine fast komplette Ausgabe des „Neuen Deutschland“ in Sicherheit bringen. Die Erwerbung bildet heute einen Grundstock des historischen Archivs. Von Anfang an war Jampol klar, dass ein Museum der Dinge nicht ausreichen würde, die Erinnerung an den Kalten Krieg und die Wende im öffentlichen Bewusstsein zu erhalten. Ein bloßes nostalgisches Nachinszenieren des DDR-Alltags, wie es hierzulande viele Museen tun, kam für ihn nicht infrage. Fahnen, Wimpel, Gedenkteller, Gläser, Wandteppiche, Büsten, Plakate, Möbel und Fotos waren zwar tausendfach vorhanden, ihm aber dennoch zu wenig. Von Anfang an konzipierte Jampol sein Museum als Hybrid, als Archiv der materiellen Kultur jenseits des Eisernen Vorhangs – einschließlich Propaganda-, Volks- und Alltagskunst – und zugleich als pädagogisches Forschungszentrum.

Mit über 6500 Filmen auch von der Defa, zu deren Pflege das Museum gerade eine Zuwendung des Institute of Museums and Library Services erhalten hat, mit all den Tagebüchern, Zeitungen, Zeitschriften und Büchern sowie annähernd 75 000 Exponaten dürfte das Wende Museum weltweit zu den größten Museen seiner Art gehören. Zwar kann es bislang nur etwa zwei Prozent davon ausstellen, doch öffnet es Besuchern und Forschern nach Voranmeldung jederzeit das Archiv und wuchert so durchaus mit seinen Beständen. Neben spektakulären Aktionen wie dem symbolischen Mauerfall bietet es Sonderausstellungen, Konferenzen und Seminare mit beträchtlicher Ausstrahlung und beteiligt sich an großen internationalen Ausstellungsprojekten wie der Wanderschau „Kunst und Kalter Krieg“ 2009. Seit 2006 gibt es außerdem ein Zeitzeugen-Projekt.

Zum 10. Geburtstag soll das Museum zwei große Geschenke erhalten. Der Kölner Taschen Verlag wird voraussichtlich im Juni 2013 einen zweisprachigen Bildband herausgeben, der auf etwa 800 Seiten über 3000 Sammelobjekte präsentieren wird. Und von der Stadt Culver City soll das Museum ein zentral gelegenes Gebäude erhalten, das seinerseits als ehemaliges Waffenlager ein Monument des Kalten Kriegs ist. Künftig soll darin nun das politische und kulturelle Leben des ehemaligen Feindes erforscht werden. Nicht erst mit diesen beiden Projekten dürfte das Wende Museum im fernen Los Angeles auch für die Berliner Diskussion um ein Museum des Kalten Kriegs von Interesse sein.

Der Autor war von 2000 bis 2005 Generalkonsul in Los Angeles. Informationen: www. wendemuseum.org

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