Kultur : Die Mauer muss weg

Entscheidung im Gedenkstätten-Wettbewerb für Ground Zero – und alle sind unzufrieden

Matthias B. Krause

Der 34 Jahre alte New Yorker Stadtangestellte Michael Arad hat gemeinsam mit dem Landschaftsgestalter Peter Walker den Gedenkstätten-Wettbewerb für Ground Zero gewonnen. Eine 13-köpfige Jury präsentierte den bislang unbekannten Architekten am Dienstag als Sieger – doch wie genau das Memorial mit zwei neun Meter tief liegenden Wasserbassins aussehen soll, bleibt vorerst unklar. Arad wird seinen Entwurf für „Reflecting Absence“ überarbeiten, die neuen Pläne und Modelle werden erst nächste Woche vorgestellt. Der Jury-Vorsitzende Vartan Gregorian, Präsident der Carnegie Corporation New York, pries das Konzept dennoch als eines, das „die klaffende Leere der zerstörten Türme als vorrangiges Symbol des Verlustes“ benutze. Die Gedenkstätte (mit den in eine Steinbrüstung eingravierten Namen aller Toten) repräsentiere den unbezifferbaren Verlust von Leben und gleichzeitig den Moment der Regeneration.

Arad will die Fußabdrücke des World Trade Centers durch die beiden Becken symbolisieren, in deren Mitte das Wasser abfließt. Die Bassins sollen zudem von einem üppig wuchernden Garten umrahmt werden, den der Landschaftsplaner Peter Walker im Auftrag der Jury ergänzte. Seine Idee, die Gedenkstätte nach Westen hin mit einer mehrere Stockwerke hohen Wandkonstruktion abzuschirmen, muss Arad verwerfen. Sie erschien den Juroren doch zu abweisend.

Seit Vorstellung der acht Wettbewerbsfinalisten am 19. November gab es reichlich Kritik an den Entwürfen. Architekturkritiker, Vertreter der Opfergruppen und Politiker forderten unisono eine Denkpause in dem von Zeitdruck geprägten Wiederaufbauprozess – wenn nicht einen gänzlich neuen Wettbewerb. Ex-Bürgermeister Rudolph Giuliani sagte, keiner der Entwürfe gewinne „die Herzen und den Verstand der Leute“. Nach der Präsentation des Siegers enthielt er sich jeden Kommentars, sein Nachfolger Michael Bloomberg freut sich hingegen, dass mit Arad ein Angestellter der New Yorker Baubehörde gewonnen hat. Der Sprecher der Koalition der Familien vom 11. September, Anthony Gardner, sagte hingegen: „Wir sind sehr enttäuscht, dass sie Pläne präsentiert haben, trotz all der Bedenken, die die Familien geltend gemacht haben.“ Der Wettbewerb müsse neu aufgerollt werden.

So breit die Unzufriedenheit auch sein mag: Alles sieht danach aus, dass die Pläne realisiert werden. Goerge Pataki, zuständiger Gouverneur des Staates New York, will bis zum Parteitag der Republikaner im August Greifbares präsentieren, um Präsident George W. Bush eine passende Kulisse für dessen Wiederwahlkampagne zu bieten.

Die Ausschreibung für den Wettbewerb, an dem sich 5201 Bewerber beteiligten, sieht vor, dass die Fundamente der Zwillingstürme sichtbar bleiben. Bei Arads Gedenkstätte wäre kaum etwas davon übrig – obwohl sie zentraler Bestandteil des Masterplans für den Freedom Tower und für die Wiederaufbaupläne von Daniel Libeskind sind. Entsprechend diplomatisch äußerte sich Libeskind: „Der Entwurf erkennt eines der fundamentalen Prinzipien an, die ich vorgeschlagen habe – die Schaffung einer Leere – und interpretiert sie auf seine Weise.“ Andere, wie der Architektur-Kritiker der New Yorker Tageszeitung „Newsday“, setzen mittlerweile auf das Prinzip Hoffnung: „Es ist eine Tatsache, dass wir im Augenblick nicht wissen, wie wir der Anschläge des 11. Septembers gedenken sollen. Hoffen wir darauf, dass die in der nächsten Woche enthüllten Pläne wenigstens eine Prise Poesie versprühen.“

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