Kultur : Die Medaille der Anpassung

Interkulturelle Kulturpolitik – was kann das sein? Ein Kongress in Berlin diskutiert über Heimat und Bürgerrecht

Phillipp Lichterbeck

Einwanderungsland, das hat die rot-grüne Bundesregierung im vergangenen Jahr offiziell festgestellt. Dass Deutschland in diesem Zusammenhang auch ein Entwicklungsland ist, hätte sie gleich hinterherschicken können. Denn trotz jahrzehntelanger Zuwanderung hat die Politik bisher nur unzureichende Instrumente entwickelt, um die Integration der hier lebenden Einwanderer und ihrer Kinder voranzutreiben. Das mag in erster Linie mit der verspäteten Selbst-Erkennung Deutschlands zu tun haben. Doch darüber hinaus hat sich die Politik der plötzlich auftauchenden Frage, was denn eigentlich unter Integration zu verstehen sei, nur unzureichend gestellt. Meist wird Integration noch als Anpassungsleistung definiert, die einseitig den Immigranten abzufordern sei. Die Deutschen haben sich derweil in einer abwartenden Jetzt-Werdet-Mal-Wie-Wir-Haltung eingerichtet. Die Leitkultur-Debatte zeigte dies exemplarisch: Beim Buchstabieren von Integration kommt am Ende allzu oft Assimilation heraus.

Dabei würde eine Integration, die halbwegs erfolgreich sein soll, gerade von den Deutschen die Beschäftigung mit dem eigenen Land unter Einfluss der als fremd empfundenen Kulturen abfordern. Schon jetzt sind es vielerorts die Deutschen, die – vor allem in urbanen Milieus – die Codes ihrer Nachbarschaft nicht mehr verstehen. Integration ist demnach nicht nur ein soziales Problem, sondern in erster Linie ein auf beiden Seiten stattfindendes kulturelles Lernprogramm. Der wichtigen Frage, inwiefern Kulturpolitik also Vehikel einer beidseitigen und somit erfolgreichen Integrationspolitik sein kann, war Thema des 2. Kulturpolitischen Bundeskongresses, veranstaltet von der Kulturpolitischen Gesellschaft und der Bundeszentrale für politische Bildung.

Der hervorragend besetzte Kongress, der unter dem programmatischen Titel „inter.kultur.politik“ im Haus der Kulturen der Welt tagte, kam indes zu einem ernüchternden, wenn auch wenig überraschenden Ergebnis: Die kulturelle Vielfalt dieses Landes spiegelt sich nicht in seinen Veranstaltungsprogrammen wider. Der Kulturbegriff, der in den relevanten Institutionen herrscht, entspricht nicht Deutschlands multiethnischer Realität. Schlimmer noch: Es gibt weder den politischen Auftrag noch Konzepte, die Kulturpolitik an die Wirklichkeit anzupassen.

Andere Länder wie Großbritannien oder die Niederlande sind uns hier um Lichtjahre voraus. Dort wird die Kultur der Einwanderer mittlerweile nicht als etwas Zusätzliches empfunden, sondern als aus der Mitte der Gesellschaft kommend. Der Appell an deutsche Stadtverwaltungen und Landesregierungen, doch endlich ihre Ausländerbeauftragten abzuschaffen – schon der Begriff Ausländer sei irreführend, gehe es doch vielerorts de facto um Inländer – und durch Kulturbeauftragte zu ersetzen, stand da nicht von ungefähr als ein provozierender Höhepunkt der Veranstaltung. (In Berlin übrigens ist mit dem Abgang von Barbara John der Posten der Ausländerbeauftragten in Beauftragte für Integration und Migration umbenannt worden.)

Wie üblich auf Kongressen, auf denen kultivierte Wohlmeinende zusammenkommen, gab es kaum Streit über einige grundlegenden Annahmen. So bekam man im Lauf der Podien und Foren den Eindruck, als ob Kultur und Kunst die Allheilmittel gegen Intoleranz und Ausgrenzung seien. Dort, wo dieser Annahme allerdings misstraut wurde, gewann die Tagung an Fahrt und Brisanz. So warf der in Berlin lebende Theaterregisseur Grigory Kofman ein, dass es in der Geschichte nicht wenige Beispiele für kulturell versierte Massenmörder gegeben habe. Diese kannten sich oft besser mit Geschichte und Kultur ihrer Opfer aus, als diese selbst. „Das Recht, nicht die Kultur, wirkt zivilisierend“, rief der Russe und Jude und niemand wagte zu widersprechen.

Eine Sicht, der sich der Kölner Publizist Mark Terkessidis sicher angeschlossen hätte. In einer der interessantesten Auseinandersetzungen der Tagung zog er die Kulturherrlichen auf den Boden der Tatsachen zurück. Es sei in erster Linie der unsichere rechtliche Status vieler Einwanderer, der ihnen das Gefühl von Dazugehörigkeit unmöglich mache. Das Geheimrezept der Integration sei daher die großzügige Gewährung der Staatsbürgerschaft. Diese werde in Deutschland aber immer noch als Medaille verstanden, die nur dem verliehen werde, der sich anpasse.

Der regressive Heimatbegriff vieler Deutscher stellt zweifelsohne ein Integrationshindernis dar. (Tatsächlich ist der Begriff „Heimat“ spezifisch deutsch. Er lässt sich nur unbefriedigend in andere Sprachen übersetzen. Das englische „home“ oder das spanische „hogar“ bedeuten beispielsweise Zuhause.) „Heimat ist für die Deutschen dort, wo sie sich zurücklehnen können“, stellte die Kulturanthropologin Regina Römhild aus Frankfurt fest. Der vehemente Terkessidis mochte da hinzufügen, dass die gesamte Heimatdiskussion Folklore sei, die nur den Zweck habe, einer wackeligen deutschen Identität Halt zu geben. Was Deutsch-Sein aber tatsächlich ausmache, könne keiner beantworten ohne Klischees wie Schicksal, Tiefe oder Zuverlässigkeit zu bemühen.

Zu welchen Blüten die deutsche Weigerung führen kann, Heimat als einen dynamischen Prozess zu verstehen, verdeutlichte indes Chamisso-Preisträger Adel Karasholi. Der seit mehr als 30 Jahren in Deutschland lebende Syrer hält eine Lesung in einer Kleinstadt in der Nähe von Leipzig. Hinterher steht ein Mann auf und wundert sich in lobender Absicht, dass ein Ausländer so gut mit der Sprache Goethes und Schillers umgehen könne, „dazu noch ein Araber“. Der 67-jährige Karasholi erwidert: „Junger Mann, vielleicht liegt das daran, dass ich mich schon länger mit dieser Sprache auseinandersetze als Sie.“

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