Kultur : Die Meisterfälscher

Mütter und Töchter, Krieg und Medienwirklichkeit: William Boyds Spionageroman „Ruhelos“

Gerrit Bartels

Ein Romancier hätte sich diese tatsächlich wahre Geschichte nicht besser ausdenken können. Und weil sie bislang nur wenig bis gar nicht erzählt wurde, erweist sie sich erst recht als Glücksfall: die Geschichte der British Security Coordination (BSC), einer Unterabteilung des British Secret Service. Nachdem der britische Schriftsteller William Boyd bei den langwierigen Recherchen für seinen großartigen, hierzulande leider viel zu wenig gelesenen Roman „Eines Menschen Herz“ auf die BSC gestoßen war, hat er deren Existenz und Treiben jetzt zur Grundlage seines neuen, morgen auf Deutsch erscheinenden und nicht weniger großartigen Romans „Ruhelos“ gemacht.

1940 von dem Kanadier William Stephenson mit dem Einverständnis Winston Churchills gegründet, war es die Hauptaufgabe der BSC, die amerikanische Regierung unter Franklin D. Roosevelt dazu zu bringen, in den Krieg gegen Deutschland einzutreten. Von einer probritischen Stimmung in den USA konnte 1940 nämlich keine Rede sein. Bis zu achtzig Prozent der amerikanischen Bevölkerung waren gegen eine Beteiligung der USA am Zweiten Weltkrieg. Die BSC, die ihren Sitz im Rockefeller Center mitten in Manhattan hatte, sollte Antinazipropaganda betreiben, Nachrichten im britischen Sinne fälschen und gefälschte Nachrichten lancieren. Dafür hatte sie nicht nur Leute in großen, einflussreichen US-Zeitungen sitzen, sondern sie operierte auch mittels einer eigenen Radiostation und einer eigenen Nachrichtenagentur.

Eine der erfolgreichsten Operationen der BSC war die Meldung von einer vermeintlich deutschen Landkarte, die bei einem in Buenos Aires ermordeten deutschen Agenten gefunden wurde. Auf dieser Landkarte war Südamerika in fünf Regionen eingeteilt worden und waren die Lufthansa-Routen von und nach Südamerika eingezeichnet, inklusive Panama und Mexico. Ihr Subtext lautete: Pass auf Amerika, Hitler steht vor deiner Tür!, und tatsächlich ging Roosevelt in einer für den Krieg stimmenden Rede am 27. Oktober 1941 darauf ein: „Diese Landkarte offenbart nicht nur die Pläne der Nazis gegen Südamerika, sondern auch gegen die Vereinigten Staaten.“

William Boyd erzählt in „Ruhelos“ zum einen nun die Lebensgeschichte der russischstämmigen BSC-Agentin Eva Delektorskaya alias Sally Gilmartin, die 1939 in Paris angeworben wird, in den USA als Agentin arbeitet und in die Operation mit der Landkarte verwickelt wird. Und zum anderen die ihrer Tochter Ruth Gilmartin, die Mitte der siebziger Jahre in Oxford lebt, mit Englischstunden für ausländische Studenten den Lebensunterhalt für sich und ihren Sohn verdient und eines Tages ein paar Seltsamkeiten an ihrer Mutter feststellt: Diese gibt auf einmal vor, ein Rückenleiden zu haben und sich nur noch im Rollstuhl fortbewegen zu können. Und sie glaubt, ständig die Landschaft hinter ihrem Haus mit einem Fernglas absuchen zu müssen.

Was sich zunächst wie eine Mischung aus seniler Hypochondrie und Verfolgungswahn darstellt, bekommt einen realen Hintergrund, als Sally Gilmartin ihre wahre Identität gesteht und ihrer Tochter einen dicken gelbbraunen Schnellhefter zum Lesen in die Hand drückt: „Die Geschichte der Eva Delektorskaja“.

Ruth bekommt Eva Delektorskajas Geschichte im Folgenden portionsweise von ihrer Mutter zugesteckt, Kapitel für Kapitel, und im steten Wechsel dazu erzählt sie parallel, wie sich ihr bislang beschauliches Leben in Oxford verändert und bedrohliche Aspekte bekommt, wie das ehedem rastlose und anscheinend bis in die Gegenwart reichende Agentinnenleben ihrer Mutter auch sie die Welt mit anderen Augen wahrnehmen lässt.

Diese literarische Konstruktion mitsamt den Zeitebenen der dreißiger und siebziger Jahre erinnert sehr an Boyds Romanvorgänger: „Eines Menschen Herz“ ist ein Tagebuchroman, in dem der gescheiterte Schriftsteller, unfreiwillige Spion, spätere Kunsthändler und RAF-Kontaktmann Logan Mountstuart sein Leben erzählt. Aber sie funktioniert auch in „Ruhelos“ aufs Beste. Man liest sich in den 1939 in Paris beginnenden Aufzeichnungen Eva Delectorskajas fest, liest von ihren Abenteuern als Spionin genauso wie von ihrer Liebschaft mit ihrem Führungsoffizier, und man neigt dann ein jedes Mal zum Weiterblättern, wenn Boyd wieder in die siebziger Jahre springt. Doch auch in diesen Kapiteln erzählt er leicht, schnell und geschmeidig, versteht er es, Spannung zu erzeugen und geschickt beide Zeit- und Handlungsstränge miteinander zu verknüpfen: Die Welt, die in den späten dreißiger Jahren und frühen vierziger Jahren aus den Fugen geraten war, ist auch fünfunddreißig Jahre später keine heile, bruchlose. Nicht nur, dass die Mutter von ihrer Zweiten-Weltkriegs-Vergangenheit eingeholt wird, auch Ruths Ex-Schwager und eine Freundin von ihm tauchen bei ihr auf, beide mutmaßliche RAF-Sympathisanten. Und der iranische Student, der sich in Ruth verliebt, hatte einen Bruder, der vom Geheimdienst des Schahs ermordet wurde.

Mag „Ruhelos“ in diesen Passagen leicht schwächeln, mag die eine oder andere Person in Ruths Umfeld nur mehr ein repräsentativer Pappkamerad sein und auch so manches Requisit arg erzwungen erscheinen (zum Beispiel eine „FAZ“-Ausgabe mit einem Foto von Andreas Baader auf der Titelseite!), so versteht es Boyd dennoch gut, seinen fesselnden, am Ende natürlich vom Verrat handelnden Spionageroman zu einer Geschichte über wechselnde, falsche und täuschend echte Identitäten zu machen; zu einer Geschichte darüber, was es bedeutet und für Folgen hat, seine Identität zu verlieren, sie zu verstecken oder sie immer wieder neu zu erfinden.

William Boyd kennt sich damit aus, er wäre ein exzellenter Ausbilder von Spionen geworden. Wie jeder gute Schriftsteller lebt der 1952 in Ghana geborene und seit Anfang der siebziger Jahre in Schottland und England lebende Boyd vom Erfinden von Biografien. Nur stützt er diese Biografien bisweilen solcherart mit Fakten aus der Wirklichkeit, dass Kritiker schon glaubten, manche seiner Figuren hätte es wirklich gegeben. So stellten sie 1988 Nachforschungen zu dem Stummfilmregisseur John James Todd und dessen Filmen aus Boyds Roman „Die neuen Bekenntnisse“ an, und so wurde 1998 die New Yorker Kunstszene erfolgreich in die Irre geführt, als William Boyd mit David Bowie zu einer Vernissage des vermeintlich vergessenen Künstlers Nan Tate einlud. Dessen Biografie hatte Boyd in einem Buch so geschickt aus den Lebensläufen anderer Künstler montiert, dass zunächst selbst Kunstexperten der Täuschung aufsaßen.

Mit „Ruhelos“ wird das nicht passieren, nach der BSC-Agentin Eva Delektorskaja wird so leicht keiner fahnden. Hier dient die tolle Vorlage aus Englands Spionage-Historie unter anderem auch dazu, eine sich wandelnde Mutter-Tochter-Beziehung zu skizzieren: Ruth lernt ihre Mutter neu kennen und trotz Irritationen neu schätzen, und sie lernt plötzlich auch sich selbst von einer ganz neuen Seiten kennen.

Aufpassen sollte man trotzdem: So wie William Boyd die Tätigkeit der BSC darstellt, so wie Eva Delektorskaja und ihre New Yorker Gruppe mit falschen und richtigen Nachrichten hantieren und Verwirrung stiften, so rückt „Ruhelos“ in diesen Passagen nur allzu nah an unsere gegenwärtige Medienwirklichkeit.

William Boyd: Ruhelos. Roman. Aus dem Englischen von Chris Hirte. Berlin Verlag, Berlin 2006. 368 Seiten, 22 €

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