Kultur : Die Musik der reinen Vernunft

„Imeneo“ – eine Entdeckung bei den Händel-Festspielen in Halle

Jörg Königsdorf

Musik, heißt es im Allgemeinen, feiert die Macht der Gefühle. Vor allem auf der Opernbühne, wo seit mittlerweile vier Jahrhunderten unentwegt der Triumph oder das großartige Scheitern der Liebe in höchsten Tönen gepriesen wird. Wenn dagegen eine Oper für den gesunden Menschenverstand plädiert, ist das schon fast spektakulär – erst recht, wenn sie von einem Komponisten wie Georg Friedrich Händel stammt, der sonst selbst in den verwickeltsten Barockdramen noch eine Möglichkeit fand, menschliche Seelentiefen auszuloten. Doch im „Imeneo“, dieser merkwürdigerweise „Operetta“ betitelten (und mit knappen zwei Stunden Spieldauer unüblich kurzen) Opernserenade, wird eine andere Geschichte geschrieben: Im Zwiespalt zwischen ihrer Teenager-Liebe Tirinto und dem gestandenen Mannsbild Imeneo, dem sie aus gesellschaftlichen Gründen verpflichtet ist, entscheidet sich die junge Rosmene letzlich für die Vernunft und gibt Tirinto den Laufpass.

Das geht natürlich jedem Romantiker (und welcher Opernfan wäre das im Grunde seines Herzens nicht?) gewaltig gegen den Strich. Was schon im Leben bitter genug ist, wollte auch 1741 schon das Publikum nicht auch noch auf der Bühne sehen – bis heute belegt der „Imeneo“ auf der Aufführungsrangliste aller Händel-Opern einen der letzten Plätze. Dass die Hallenser Händelfestspiele das Stück in diesem Jahr als Hauptpremiere präsentierten, macht schon deshalb besonderen Sinn: Zweck des Festivals ist es schließlich, gerade die Randwerke des Händel-Repertoires in regelmäßigen Abständen auf ihre Theatertauglichkeit hin zu überprüfen.

Und das gelingt im Falle des „Imeneo“ ganz mustergültig. Das sprunghaft angestiegene Interesse, das Dirigenten, Opernhäuser und CD-Produzenten seit einigen Jahren der Oper des 18. Jahrhunderts und ihren komplexen Stilverläufen entgegenbringen, hat ohnehin dazu geführt, dass man im Händelschen Spätstil heute weit mehr Anklänge an die späte Opera Seria hört: Die Bravourarien im „Imeneo“ sind in ihrer lockeren, sängerorientierten Schreibweise ganz dem Stil der damaligen Modekomponisten Hasse und Porpora verpflichtet. Doch statt bloß auf den neuesten Trendzug aufzuspringen, rückt Händel den neuen Stil in den passenden Kontext: Da sich die Vernunft selber nun einmal schlecht komponieren lässt, dürfen eben die Gefühle im „Imeneo“ nicht allzu tief gehen.

Diesen leichten, aber nicht oberflächlichen Ton trifft nicht nur Uwe Grodd mit dem (im Wesentlichen aus Hallenser Orchestermusikern rekrutierte) Festspielorchester, sondern auch der britische Regisseur Michael McCaffery, der den – vermutlich zur moralischen Unterfütterung einer Prinzenhochzeit geschriebenen – „Imeneo“ einleuchtend als bürgerliches Kammerspiel auf halben Weg zwischen Hogarths Satiren und den empfindsamen Romanen Samuel Richardsons ansiedelt.

Man trägt Reifrock und Perücke – doch McCaffery und sein Ausstatter Frank Philipp Schlößmann sorgen dafür, dass die Charaktere auch im historischen Kostüm und der stimmungsvollen Chippendale-Möblierung klar hervortreten: Der bassbaritonale Langhaarmacho Imeneo (Otto Katzameier) ist mit seinen Stulpenstiefeln und weit aufgeknöpftem Hemd ein passabler Errol-Flynn-Wiedergänger, seinem pubertären Gegenspieler Tirinto ist die Unerfahrenheit auf das artige schwarze Werther-Kostüm geschreiben (Halles Ensemblemitglied Ulrike Schneider singt diese Kastratenrolle mit quellfrischem Mezzosopran). Das bebrillte Mauerblümchen Clomiri, zu dem Martina Rüpings unschuldiger Koloratursopran perfekt passt, und Alessandra Cokus natürliche, vernunftbegabte Rosmene ergänzen dieses Quartett zu einem Spannungsfeld Händelscher Wahlverwandschaften.

Viel szenischen Aufwand braucht dieses Stück, das weitgehend auf den schwerterschwingenden Aktionismus der Barockoper verzichtet, nicht – die Gourmettheater-Versatzstücke von Sternenhimmel wären eigentlich gar nicht nötig gewesen. Am hohen Wiederentdeckungswert dieses Werks ändert das jedoch nichts. Schade nur, dass Georg Friedrich Händel nicht zwanzig Jahre später geboren wurde: Dann hätte ihm Gotthold Ephraim Lessing ein paar schöne Operntexte schreiben können.

Noch einmal am 14. Juni. Informationen unter: www.opernhaus-halle.de

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