Kultur : „Die Nation ist eine europäische Story“

Vor der Eröffnung des Deutschen Historischen Museums in Berlin: ein Gespräch mit Gründungsdirektor Christoph Stölzl

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Herr Stölzl, am 2. Juni wird nun eingeweiht, was Sie vor 19 Jahren hier in Berlin begonnen haben: das Deutsche Historische Museum (DHM) mit einer Dauerausstellung seiner Sammlung. Wie ist Ihr Blick auf Ihr Kind?

Das Kind ist erwachsen.Was ich damals prophezeit habe, dass es eine Generation dauert, bis man eine wirklich präsentable Sammlung zu Wege bringt, hat sich ziemlich genau erfüllt.

Haben sich denn Ihre damaligen, vor der deutschen Wiedervereinigung formulierten Vorhaben erfüllt oder haben sie eine deutliche Veränderung erfahren durch die deutsche Einheit von 1989/90?

Die politische Geschichte ab 1989 spiegelte auf erstaunliche Weise unsere Mitte der Achtzigerjahre formulierte Geschichtsphilosophie. Wir Museumsgründer meinten, man könne die deutsche Geschichte nur als eine europäische Story erzählen. Genau dies ist dann mit der Verschränkung von deutscher und europäischer Einigung geschehen. Ich erinnere an die Rede von Helmut Kohl im Dezember 1989 in Dresden, wo er ganz klar sagte: Die deutsche Einigung gibt es nur, wenn Deutschland unwiderruflich in Europa verankert wird. 1987 sagte ich: Die Fäden der deutschen Ereignisse sind eingewebt in den europäischen Geschichtsteppich – sichtbar eigenen Charakters zwar, aber untrennbar verknüpft mit dem Schicksal der Nachbarn.

Nun ist der deutsche Nationalstaat ohnehin jüngeren Datums, er entstand erst 1871.

Alles vor 1871 ist, wenn man nicht unhistorisch mogeln will, nur europäisch zu erzählen. Viele Flüsse fließen zusammen, um dann 1871 einen großen Strom zu bilden. Das ist dann in der Tat eine deutsche Nationalgeschichte geworden, mit vielen vornationalen Erinnerungen im Bewusstsein. Ich habe 1985 dafür plädiert, unser Museum einfach „Nationalmuseum“ zu nennen. Wir haben es dann doch nicht getan, aus der damaligen Vorsicht gegenüber dem Begriff „Nation“. Den sieht man heute nüchterner. Für mich war aber immer schon, westeuropäischem Sprachgebrauch folgend, die Nation einfach das, was alle angeht. Die deutsche Spaltung war also immer schon eine nationale Frage, und ihre Überwindung hat dann das Wort „national“ wieder zu einem normalen terminus technicus gemacht. An unserer Betrachtungsweise hat sich also durch die Wende gar nichts geändert.

Ein Jubiläum 2006 ist das Ende des Heiligen Römischen Reiches vor 200 Jahren …

… von dem niemand mehr sehr viel weiß. Es wird eine der großen Überraschungen für das Publikum des DHM sein, dass es ausgerechnet im vormals preußischen Berlin sehr viel über das Heilige Römische Reich zu sehen geben wird, dieses vereinigte Europa im Kleinen, eine multikulturelle, multisprachliche, multireligiöse und friedensstiftende Staatenfamilie,die viel besser funktionierte, als es ihr klangloses Ende durch Napoleons Truppen vermuten lässt. Danach kamen die Exzesse des Nationalismus, die nach 1945 endlich dazu zwangen, ein vereinigtes Europa zu schaffen, in dem Kriege ausgeschlossen sind.

Hat sich die seinerzeit oft geäußerte Befürchtung bewahrheitet, dass ein Geschichtsmuseum zur Renationalisierung der Geschichte beiträgt?

Wenn „Nation“ auch mit Bildern zu tun hat, dann im guten Sinne: Ja. Das DHM wird die Vergangenheit farbiger, anrührender, panoramatischer, mit mehr Tiefenperspektive, darstellen, als es Schulbuchtexte können. Da gibt es auch sehr viel Schönes, Großartiges zu entdecken. Niemand muss deshalb Sorgen haben, dass die dunklen Seiten zu kurz kommen. Auch die NS-Zeit wird durch die Einbettung in die „Große Erzählung“ besser vermittelbar: Lässt man sie isoliert stehen, so als sei sie die allein erzählenswerte Geschichte, bleibt sie immer in Gefahr, zur Überforderung der Nachgeborenen zu werden. Relativiert wird nichts durch Einbindung ins Vorher und Nachher, im Gegenteil, der Zivilisationsbruch erscheint noch viel schauerlicher.

Gibt es heute überhaupt noch in dem Sinne große kontroverse Themen, die die Nation beschäftigen, so wie es die Auseinandersetzung mit dem Dritten Reich war?

Langfristig wird es als zweite Kontroverse die Auseinandersetzung mit der DDR geben. Tragisch gescheitertes Geschichtsexperiment? Verabscheuungswürdige Diktatur unter sowjetischer Vorherrschaft? Das DHM hat jedenfalls mit seiner 1991-97 realisierten Serie großer Bestandsaufnahmen der DDR schon Pionierarbeit für die Kontroversen der Zukunft geleistet.

Wir erleben an der jetzigen Auseinandersetzung um Integration und Migration die Wiederkehr des Begriffs der Leitkultur, so wie das auch in unseren Nachbarländern zum Thema geworden ist. Welche Rolle spielt dabei ein solcher Bezugspunkt wie das nationale Geschichtsmuseum?

Es wäre gut, wenn die Alteingesessenen wie die neu im Lande Angekommenen recht neugierig das DHM benützten, so wie alle Amerikaner nach Washington zu den Museen und Gedenkorten der „Mall“ wallfahren, wo sich das amerikanische Geschichtsdenken manifestiert. Dass Fixpunkte gemeinsamer Erinnerungsbilder notwendig sind, wenn Menschen nah in einem Staat zusammenleben, finde ich selbstverständlich. Im DHM wird man das finden, was beispielsweise die Kunstausstattung des Deutschen Bundestags kaum spiegelt: den Katalog der europäischen Gemeinschaftsbilder wie das Christentum und die Idee der Aufklärung, die Idee des Königtums wie später der Nation, Frieden und Krieg, die Geschichte der Arbeit, der Kampf um soziale Gerechtigkeit wie der um die Demokratie, die großen gemeinsamen Sternstunden wie z.B. 1789, 1848, 1989 – aber auch die gemeinsamen Katastrophen 1914/18, 1933/45. Im DHM gibt es viel Kulturgeschichte von der höfischen Kunst bis zum Bauhaus und vor allem viele Menschenbilder – wer sich da umschaut, lernt etwas über unsere „Leitkultur“ vielleicht mehr als durch didaktische Broschüren.

Hat sich an der Anteilnahme der Politik am DHM etwas geändert? Gibt es überhaupt ein Geschichtsbewusstsein in der deutschen Politik?

Die heftige, kontroverse Anteilnahme hat sich in gelassene Sympathie bei allen Parteien verwandelt. Man muss daran erinnern, dass die Gründung der Achtzigerjahre implantiert war in die Insel West-Berlin, die inmitten der DDR lag, von der damals kein Mensch ahnen konnte, dass sie nicht für unvordenkliche Zeiten weiterbestehen werde. In den politischen Milieus, die sich von der Wiedervereinigungsidee verabschiedet hatten, war das Museum natürlich eine Provokation. Denn was konnte es anderes sein als eine gebaute „Erinnerung an die Zukunft“: Was einmal Nation war, würde eines Tages wieder Nation werden. Im Jahr 1989/90 war dann die Nation über Nacht wieder da. Manche meinten, damit sei der Lebenszweck des DHM erledigt. Aber die List der Geschichte hatte vorgesorgt: Wir Museumsgründer hatten 1987 über die Nation hinaus die europäische Geschichte der Deutschen als eigentliches Ziel avisiert. Das wurde in der radikal veränderten europäischen Szenerie jetzt erst recht ein vitales Interesse der Bundesrepublik, und das Museum behielt seine hochpolitische Raison d’être. Die großen Ausstellungsprojekte der 1990er Jahre waren ja auch wesentlich diesem europäischen Vergleich gewidmet, wie etwa die „Mythen der Nationen“.

Ab dem 2. Juni – nebenbei ein historisches Datum gerade für Berlin – wird man dieses Museum erleben können. Was wünschen Sie als Gründungsdirektor sich für die Zukunft dieses Hauses?

Wenn Kinder erwachsen werden, wünschen sich die Väter, dass sie souverän handeln, Karriere machen und sympathisch sind. Ich hoffe, dass das Haus seinen Anfängen treu bleibt, dass es klug, aber auch provozierend die Meinungsführerschaft überall dort an sich nimmt, wo über die gemeinschaftliche Vergangenheit von Deutschen und Europäern diskutiert wird. Ich wünsche mir natürlich sehr, dass man eisern an der konservativen Museumsethik festhält, die mein Credo war: Das DHM sollte ein echtes Museum, also ein Schatzhaus bedeutender authentischer Geschichtszeugnisse und Kunstwerke sein und nicht nur ein Gehäuse wechselnder didaktischer Installationen. Ich bin überzeugt, dass die Begegnung mit echten Zeugnissen der Vergangenheit eine Faszination hat, die gerade in der Welt der Medien und Medienmanipulationen lebenswichtig wird. Die Botschaft des Museums sollte sein, dass der Kampf um die Erinnerung eine mühsame, aber lohnende Sache ist. Historische Museen dürfen keine nostalgischen Flohmärkte sein. Sie sind ein hochpolitischer Ort, wenn sie ihre Besucher mitnehmen ins Labor der historischen Wahrheitssuche.

Bedauern Sie, dass Sie am 2. Juni nicht der Eröffnungsdirektor des fertigen Hauses sein werden?

Schwere, sehr persönliche Frage. Wahrscheinlich mochte sich 1987 nur ein explizit politischer denkender Kultur- Mensch mit Abenteuerneigungen auf diese Museumsgründung einlassen. Dass das dann weiterführte zum Abenteuer Politik, lag wohl in der Logik der Biografie.

Das Gespräch führte Bernhard Schulz.

Der 1944 bei Augsburg geborene Christoph Stölzl, promovierter Historiker, machte seit 1980 als Direktor des Münchner Stadtmuseums mit kontroversen Ausstellungen Furore. Als die Idee eines deutschen Geschichtsmuseums reifte, wurde er 1987 zum Direktor des auf Betreiben von Bundeskanzler Helmut Kohl gegründeten Deutschen Historischen Museums ernannt. Mit der Wiedervereinigung fiel dem DHM das Zeughaus als Sitz des DDR-Geschichtsmuseums zu. Stölzl verließ 1999 das Museum, um nach einem Intermezzo als Journalist im März 2000 unter Diepgen das Amt des Berliner Kultursenators zu übernehmen, das er bis Mitte 2001 innehatte. Kurz zuvor war er in die CDU eingetreten, deren Landesvorsitz er von 2002 an ein Jahr lang innehatte. Stölzl ist derzeit Vizepräsident des Berliner Abgeordnetenhauses.

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