Kultur : Die neueste Unübersichtlichkeit

Demokratie, Demoskopie, Dämonie: Der Wähler als Kunde oder Was der 18. September lehrt

Peter von Becker

Es ist schon komisch. Kaum haben die Wähler etwas anders gewählt als erwartet, reden die einen vom angerichteten „Chaos“ und die anderen von der unergründlichen Weisheit des „Souveräns“. Gleichzeitig kriegen die blöden Wahlforscher und die schnöden Medien, die auf sie reingefallen seien, ihr Fett ab. Und das nicht nur vom Eisernen Kanzler.

Das angebliche Chaos ist angesichts von mindestens drei realistisch möglichen Koalitionen der am schnellsten verblichene Mythos. Nach den Bürgern haben die Parteien die Wahl. Haben die eine und andere neue Wahl, ganz ohne die Qual einer allgemeinen neuen Wahl. Trotzdem bleibt seit letztem Sonntag die Dämonisierung des Demos, des Wahlvolks, und der Demoskopie. Beide gelten plötzlich als geisterhaft, als unsichere Größen. Nun so auffällig oft vom „Souverän“ zu sprechen, klingt zwar nach einer positiven Beschwörung, aber die Wähler werden damit auch pathetisch aufgeladen. Als läge die politische Macht nun nicht mehr wirklich bei den Parteien und ihren Spitzen (oder bei der Wirtschaft oder in Brüssel), sondern ganz basisdemokratisch beim abstimmenden Bürger. „Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus“, heißt es im Grundgesetz. Doch zwischen „Ausgehen“ und „Ausüben“ liegt in der repräsentativen Demokratie der entscheidende Unterschied. Gerhard Schröder, unser Ironman, hat im Wahlkampf bereits bemerkenswert oft „das Volk“ adressiert. Er hat nicht mehr von Wählern, Bürgern oder, wie es sonst im Bundestag oder in Fernsehstudios heißt, von „den Menschen draußen“ gesprochen. Schröder wollte tatsächlich eine Volksabstimmung über sich, über „ich oder sie“, und er behauptet als einzige feste Größe der Wahl eine volonté generale: einen gemeinsamen Volkswillen, der ihn weiterhin als Kanzler wünsche.

Weil es bisher keine Direktwahl des Kanzlers gibt, ist auch dies eine geisterhafte, also dämonische Aufladung des Demos. Zumal das nicht nur gefühlte, sondern errechnete Wahlergebnis dieses eindeutige Votum nicht hergibt. Trotzdem ist Schröder so ziemlich der einzige deutsche Spitzenpolitiker, der sich jetzt nicht am liebsten ein neues Volk wählen würde.

Am kuriosesten in seiner Irritation wirkt seit Sonntag allerdings der Zeitgeist. Jener Zeitgeist, der uns im Gewand der Postmoderne und in Gestalt zahlloser soziologischer und philosophischer Studien immer wieder die neue Unübersichtlichkeit gepredigt hat. Jetzt haben wir sie mal für eine Weile – bis es die neue Regierung gibt. Eine intelligente Lösung könnte jetzt statt Politikverdrossenheit eher das politische Interesse schüren.

Aber auch andere Zeitgeister sind irritiert. Viele Interpreten, vor allem aus der Wirtschaft, reagieren quasi beleidigt: Das Volk habe sich dem nötigen Reformschub an der Urne verweigert. Dabei ließe sich leicht das Gegenteil vorrechnen. Nimmt man nur einmal an, dass neben den Schwarz-Gelb-Voten zumindest die Hälfte aller Rot-Grün-Stimmen (wahrscheinlich sind es viel mehr) die Tendenzen der Agenda 2010 und von Hartz-IV unterstützen, dann haben exakt zwei Drittel aller Wähler ihre Reformbereitschaft signalisiert. Nur haben sie nicht Merkel-Westerwelle netto gewollt. Die Mehrheit des Volks nimmt inzwischen beim Wort, was man von ihm andauernd als Preis der neuen Zeit verlangt. Erst schnüren die Leute den Gürtel enger, konsumieren also weniger, und schon sind die fetten Jahre der Inlandsnachfrage vorbei. Man fordert mehr Mobilität, Patchwork-Biografien, Risikobereitschaft – und plötzlich streift der Wähler traditionelle Parteibindungen leichter ab, wechselt, wechselt zurück und verhält sich als der von immer neuen Modellen für Steuer, Renten, Gesundheitskosten traktierte Zeitgenosse mobil, flexibel, abwägend, zögernd, lange unentschlossen. Reagiert auch hier weniger als fester Anhänger oder Fan denn als Kunde und Konsument. Findet der Souverän schon kein Schnäppchen, so schlägt er womöglich der Politik doch ein Last-Minute-Schnippchen. Und selbst irren ist demokratisch.

Verglichen mit anderen Demokratien hat in der Parteien-Kultur der Bundesrepublik lange genug eine wundersame, vorm Auftauchen der Grünen fast biedermeierliche Ordnung geherrscht. Damit scheint es vorbei. Und mit der neuen Unberechenbarkeit des Demos – das Wahlland ein Swinger-Club – haben nicht allein die Demoskopen Probleme. Umfragesüchtig und (politisch) beziehungszüchtig haben die meisten Akteure, ebenso wie die Medien, die hohe Zahl der unentschlossenen Wähler nicht wirklich ernst genommen. Die Demoskopen hatten durchaus gewarnt, aber unwillkürlich auch suggeriert, dass die Unentschlossenen letztlich nur Nuancen zum Endergebnis beitragen würden. Weil die Magie fixer Zahlen größer war als eine Rechnung mit zahllosen Unbekannten.

Wird am Ende freilich durch eine Wahl nur die Demoskopie bestätigt, hat das auch einen faden Beigeschmack: den der Spannungslosigkeit – oder den der medialen Beeinflussung und Vorherbestimmung. Die Medien können ja die Prognosen und ihre Schlussfolgerungen nicht verschweigen.

Diesmal aber war es zur allgemeinen Überraschung eine echte Wahl. Und wenn das Volk statt eines klaren ein so ungewohnt differenziertes Ergebnis liefert, wird immerhin eines klar: Das einzig Sichere bleibt die Veränderung.

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