Die Passion des Playmobil-Luthers : Mein Wittenberger Wackelmönch

Jeden Morgen kommt die Reinigungskraft und haut ihn um. Dabei soll er doch standfest sein. Schlimmer noch: Mein persönlicher Plastik-Bibelübersetzer ist auch nicht bibelfest. Eine Glosse.

Mini-Mönch mit Fallsucht. Die Playmobil-Figur von Martin Luther.
Mini-Mönch mit Fallsucht. Die Playmobil-Figur von Martin Luther.Foto: dpa

Jetzt hat’s den Luther schon wieder umgehauen. Dabei soll der doch standfest sein. Zumindest hält sich seit dem Reichstag zu Worms im Jahre 1521 hartnäckig dieser Ruf, den der Volksmund Martin Luther mit dem Satz „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“ untergejubelt hat. Standfestigkeit ist eine für einen Reformator unverzichtbare Charaktereigenschaft, die sich offensichtlich schwer in Plastik gießen lässt. Die Statiker eines bekannten Spielzeugherstellers aus Zirndorf jedenfalls haben es nicht geschafft. Fast jeden Morgen, den der Herrgott werden lässt, liegt der Theologe auf dem Kindergesicht. Umfaller Luther – pardauz!

Wie sich das bei frommen Lutheranerinnen gehört, steht das Maskottchen zum Jubiläumsjahr „500 Jahre Reformation“ seit dem 1. Januar auf dem Schreibtisch. Natürlich im Büro, den gottlosen Kollegen kann die Erbauung auch nicht schaden. Nur treibt dort Satan, dieser Racker, in Gestalt der Reinigungskräfte sein böses Spiel mit ihm. Einmal wisch und rumms, da fällt er. Oft fliegt ihm dabei die Bibel aus der Hand. Immer das Buch der Bücher, nie der Gänsekiel. Der klemmt wie eine Eins in seiner Kunststoffklaue. Ein weiterer Schock im Lutherjahr: Der Bibelübersetzer ist nicht bibelfest.

Als würden nicht schon genug windige Biografen am edlen Luther-Bild kratzen

Heda, ihr Pfuscher von Spielmobil, so geht das aber nicht! Euer Wittenberger Wackelmönch ist doch ein Sakrileg. Als würden in diesem Jahr nicht schon genug windige Biografen am edlen Bild des Reformators kratzen. So unausweichlich wie die Pforten der Hölle öffnen sich auch in Berlin immer neue, selbstredend kritisch reflektierende Luther-Ausstellungstore. Im Martin-Gropius-Bau (12. April), im Schloss Köpenick (7. April) und am Freitag im Museum Nikolaikirche. Dort wird in der Schau „Sankt Luther“ den Widersprüchen seiner kultischen Verehrung nachgespürt. Verklärung, Vermarktung – das ist das weltliche Schicksal des wahren Heiligen, siehe die Spielzeugfigur.

Die Fallsucht dieses Mini-Mönchs kuriert nur eine Maßnahme: ihn beherzt aufzubocken. Stellt man klein Luther auf einen Würfel, hält er den Putzteufeln stand und streckt triumphierend die Bibelübersetzung in die Luft. Das ist ein Morgengruß, der in trauriger Passionszeit das Protestantenherz erquickt. Luther, rauf aufs Podest!

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