• "Die Platte": Industrialisierter Wohnungsbau in der DDR - Wenn die Länge des Kran-Auslegers die Bauweise dominiert

Kultur : "Die Platte": Industrialisierter Wohnungsbau in der DDR - Wenn die Länge des Kran-Auslegers die Bauweise dominiert

Robert Kaltenbrunner

Zweifellos trug das tagtäglich erlebte Bild des Bauwesens in der DDR nicht unerheblich zum Scheitern des Systems bei. Der erschreckende Zustand der Städte und Dörfer, der Infrastruktur und der Betriebe, ja der Umwelt insgesamt war ins allgemeine Bewusstsein gedrungen und hatte schließlich weit mehr Opposition erzeugt als beispielsweise der Mangel an Konsumgütern. Inbegriff für diese Malaise ist der serielle Tafelbau, kurz: "die Platte".

Das vorliegende Buch von Christine Hannemann rückt diesem Symptom auf den Leib. Immerhin steht "die Platte" für die Erhebung des industriellen Bauens zur Staatsdoktrin. Und schließlich ist man in der östlichen Stadthälfte Berlins - ob am Fennpfuhl, in Hellersdorf oder im Allende-Viertel - nahezu auf Schritt und Tritt mit seinen Auswüchsen konfrontiert. Nirgends ging es um stadträumliche Integration, stattdessen um pure ökonomische Effizienz. Sozialwissenschaftlich verbrämt im Gedanken vom "sozialistischen Wohngebiet" wurde eine rein wirtschaftlich (oder wie häufig postuliert wurde: von der Auslegerlänge eines Krans) bestimmte Bauweise legitimiert. "Industriell" musste das Bauen nun vonstatten gehen. Die Stadtentwicklung vollzog sich weitgehend außerhalb der Innenstädte: Es boomten die Plattensiedlungen "jwd", und die Großtafelbauweise feierte, was das Bauvolumen angelangt, wahre Triumphe.

Lange Zeit hatten weder Bewohner noch politisch Verantwortliche damit ein Problem. Jene kamen dadurch endlich zu einer adäquaten "Vollversorgung" (mit Heizung und Bad) und hatte ohnehin keine Alternative. Und für diese war die "Platte" entweder die Inkarnation der wissenschaftlich-technischen Revolution (in der Ära Ulbricht) oder das ideale Transportmittel für die Verwirklichung der "Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik" (zu Zeiten Honeckers). Dahinter verbirgt sich nichts anderes als ein Beispiel für die gesellschaftliche Problemlösungsstrategie der DDR-Führung: nämlich soziale Probleme durch technische Maßnahmen zu lösen. Dabei ist eine inhaltliche Debatte um eine sozialistische Wohnform (wie es beispielsweise in der jungen Sowjetunion der Fall war) in der DDR nicht nachweisbar. "Die gesamte Entwicklung der im staatlichen Wohnungsbau der DDR verwendeten Grundrisstypen", so Hannemann, "basierte auf dem Konzept der Kleinfamilie in der Kleinstwohnung."

Im Schlusskapitel von Hannemanns lesenswertem (mitunter aber sehr soziologisch eingefärbtem) Buch wird der kritische Blick auf das Gestern ergänzt um den nach vorn, auf die lauernden Gefahren und die zu fördernden Möglichkeiten. Entscheidend für das jeweilige Neubaugebiet seien die wirtschaftlichen Chancen der Region, in der es liegt. Wobei die Probleme eher wachsen als schrumpfen. Es zeichnen sich unterschiedliche Entwicklungsrichtungen ab: einige Großsiedlungen werden absehbar "integraler Bestandteil der Stadt" sein und "komfortable/bezahlbare Wohnmilieus für die untere Mittelschicht bieten". Andere hingegen stellen auch auf Dauer "nichtintegrierbare Fremdkörper" dar, die "später oder früher rückgebaut werden (müssen)".

0 Kommentare

Neuester Kommentar