Kultur : Die Plüschzeit ist vorbei

Bodo Mrozek

vermisst die Neunzigerjahre Manchmal, wenn einer das Foyer des Praters betritt oder an einem gewissen Hinterhof an der Brunnen- oder Schlegelstraße vorbeikommt, hat er ein seltsamer Ausdruck in den Augen – wie das kurze Aufflackern einer blassen Erinnerung an bessere Tage. Solche Melancholiker sollte man nicht stören. Denn sie schwelgen gerade in Erinnerungen an eine mythische, nomadisierende Stätte des Nachtlebens der Neunziger: den Schmalzwald. Die klingenden und blinkenden Rauminstallationen im Zeichen der Gemütlichkeit waren mehr als nur irgendeine Berliner Bar oder ein Club. Die überbordenden Collagen aus Kuckucksuhren, Felltapeten und bunten Wink- und Blinkelementen der Künstlerin Laura Kikauka, die Kochkunst von Gordon W. und die schmelzenden Klänge aus Gordon Monahans Alleinunterhalterorgel waren ein klingendes, schwingendes Gesamtkjunstwerk und J.J. Jones sang darin wie der Tiger persönlich.

Kikaukas Kunst findet man heute im Sprengel-Museum, den Wok von Gordon W. in einem Szene- Imbiss an der Kastanienalle, Jones auf Theaterbühnen und auch Gordon Monahans Klanginstallationen haben längst die Hochkultur erreicht.

Manchmal aber ist noch alles so wie früher, zum Beispiel am kommenden Samstag ab 23 Uhr in der Kleinen Waffengalerie (Rosenthaler Str. 9, Mitte). Wenn dort die alte Schmalzwald-Band Fuzzy Love aus Orgel und Theremin ihre Karaoke-Musik quält bis einem Schauer über den Rücken laufen, dann muss man nur die Augen schließen – und schon steht man wieder im Schmalzwald. Dann erscheinen Kellner im Pyjama und die Künstlerin im Bunnykostüm vor dem geistigen Auge – Dinge also, die nur man eigentlich nur in den Neunzigern gut finden durfte. Schade, dass sie vorbei sind.

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