Kultur : Die puritanische Orgie

So viel Gattengift: Edward Albees „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ mit Corinna Harfouch und Ulrich Matthes in Berlin

Peter von Becker

Ist es wirklich noch das furioseste, böseste Paardrama aller Zeiten? Edward Albees 1962 am Broadway uraufgeführte und in aller Welt nachgespielte Wohnzimmerschlacht „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ ist mindestens ein moderner Mythos: dem auch noch die Verfilmung mit Liz Taylor und Richard Burton – als Szenen ihrer Ehe – auf die Sprünge geholfen hat. Wenn jetzt ein neues Filmpaar, wenn Corinna Harfouch und Ulrich Matthes (eben noch die Ehegatten Goebbels im „Untergang“) als Martha und George in der Albee-Aufführung des Berliner Deutschen Theaters zwischen allen Gipfeln der alkoholisch befeuerten Gemeinheit und Geilheit für einen Moment mal innehalten und George kurz fragt „Totaler Krieg?“, da gib es natürlich staunende Lacher.

Aber das steht wirklich drin in dem über 40 Jahre alten Text, und Martha – so hieß auch die Goebbels’sche – sie will ihn, den totalen Krieg. Der junge scharfe Albee freilich spielte mit George und Martha auf die Namen der Washingtons an, des ersten US-Präsidentenpaares. Es ist die Nacht nach einer Party bei Marthas Vater, dem Präsidenten eines Ostküsten-Provinzcolleges, Professor George und seine Gattin haben noch das jüngere, neue Kollegenpaar Nick und Honey zu sich auf einen Absacker eingeladen. Daraus wird bis zum Morgengrauen ein amerikanischer Bürgerkrieg, saufend, vögelnd, kotzend, und jeder zweite Satz ist im Gefecht der Dialoge ein privatterroristischer Sprengsatz. Am Ende dann, mit dem Tod ihres imaginären Sohnes, platzt Georges und Marthas Lebenslüge von der eigenen Fruchtbarkeit, ihr letzter amerikanischer Traum.

Nicht nur wegen der beiden Protagonisten war man gespannt auf diese Premiere, inszeniert vom gerade zum „Regisseur des Jahres“ gekürten Jürgen Gosch. Das Schlachtfeld der amerikanischen Seele – das verspricht doch im Jahr 2004 viel mehr als nur einen Blick in die private Beziehungskiste. So ist es in der gerafften, zweieinviertelstündigen pausenlosen Aufführung ein schauspielerisch starker, manchmal grandioser Abend geworden. Aber phasenweise auch ein überraschend lähmender. Der Abgrund: ein Zwiespalt.

Sie kommen aus der Tiefe des Raums, durch keine Tür, sondern eine schwarze Öffnung: ins Nichts. Aus dem Nichts. Wenn Corinna Harfouch und Ulrich Matthes die Bühne des Deutschen Theaters betreten, dann weitet sich die Ehehölle und Ehehöhle des Professorenpaares sogleich in eine riesige Leere. In einem offenen Kunstraum, dessen Grenze in den Lüften nur dünne Strings wie grafische Linien markieren. Zarte feste Bande, die sich in den Zuschauerraum verlängern.

Also ist auch das Publikum gemeint: mit eingespannt in diese wandlose rechteckige Box (das Wort kann im Amerikanischen auch „Sarg“ bedeuten). Goschs Bühnenbildner Johannes Schütz zitiert dabei mit einem Bild im Bild nicht nur Malewitschs „Schwarzes Quadrat“, er ruft mit seinen Luftlinien auch die unsichtbaren Wände in Francis Bacons Gemälden wach: diese anatomisch-theatralischen Bühnen der Zerfleischung, des Zweikampfs, des vivisektiererisch mysteriösen Mordens. Doch die Berliner Albee-Bühne bleibt völlig blutlos, abstrakt, der einzige Tisch mit den Waffen Bourbon, Brandy, Gin drauf, ist eine Arbeitsplatte auf Alubeinen, dazu für die zwei Kampfpaare vier Bürostühle. Überm Publikum bleibt auch das kalte Saallicht an, wie gelegentlich bei Peter Zadek.

Freilich fehlt die Magie einer Zadek-Inszenierung. Gosch hat Georges und Marthas Trinkerheim in eine riesige Ausnüchterungszelle verwandelt, und der Bühnen- und Kostümbildner Schütz lässt die Spieler vollkommen underdressed. Vor allem die Professoren George und Nick sehen in billigen Retro-Shirts oder weißem Schlabberhemd über Jeans und Turnschuhen aus wie arme Studenten; alles recht billig, siffig, teutonisch (bloß kein Stil!), und Ulrich Matthes’ George muss den ganzen Abend zu Hause seinen schlabbrigen Straßenmantel anbehalten. Das wirkt wie einer deutschen Stadttheaterkantine entsprungen. Kein Hauch von sozialer, kultureller Differenzierung.

Es geht ja nicht um Naturalismus oder auch Filmrealismus. Bloß um etwas Halt, einen Ort – und ein Minimum an Fallhöhe, wenn hinter der akademischen Fassade plötzlich die Sau ausbricht und die Frau und der Mann als des Menschen Wolf (alias Woolf). Hier aber bricht nichts mehr, hier ist schon alles geheimnislos zerbrochen: Gleich beim ersten Auftritt des trunken überreizten Paars schlägt Corinna Harfouch einen so grantigen Ton an und stapft derart heftig um den steifen Arbeitstisch, als sei das Theater nurmehr ein Totenhaus, das eine letzte, deftige Belebung braucht. Selbst die beiden großen Akteure, Harfouch und Matthes, haben es zunächst schwer, in dem hoch riskanten Abstraktionsraum eine konkrete Beziehung zu spielen und das Stück zu erden, um es dann erst – jenseits des erkennbar Hergestellten, Hochgestemmten – zum Schweben und Flirren zu bringen.

Dieses Brio schwingt mit, sobald Nick und Honey auftreten, die Attacken vor den zunächst Arglosen wirken nun krampfloser, oft auch virtuos. Ulrich Matthes phrasiert Albees Hass- und Hassliebesgesänge mit gleichsam psychologisch musikalischer Intelligenz. Wenn er als Sadist und Goldmund mit halb geöffneten Lippen, mit einem lauernden Lächeln sein rhetorisches Skalpell zückt, spürt man die Lust der Häutung am lebendigen Weib. Und im Stellungskrieg dann zwischen ihm, dem blasierten Historiker, und dem Biologen Nick, dem Akademiker als Retortenclown, behauptet sich der junge Schauspieler Alexander Khuon mit bemerkenswerter Präsenz, sehr cool und sympathisch besonnen. Auch Katharina Schmalenberg stemmt sich als ewig kötzelnde, zu Scheinschwangerschaften und anderen Zicken neigende Honey-Maus gegen das Klischee einer Campuspüppi: ziemlich frech, ein bisschen berlinisch görenhaft und trotz aller Übelkeiten unverdrossen trinklustig.

Auch das Nurkampflustige, Harsche der Harfouch weicht. Zum Schluss gibt’s zwar ein paar warme Tränen zu viel – nicht die, die sie für die Kühlbox weint, als Eiswürfel für den Whiskey. Doch Corinna Harfouch zeigt, je länger der Ehekrieg als Gesellschaftsspiel währt, auch die Lichtseite des Hasses: die Liebestrauer, ohne die Falle des Melodrams.

So sind die Schauspieler eine Wucht. Und trotzdem wird hier das viele Gattengift ohne tieferen Effekt verpulvert. Eine puritanische Orgie. Wir glaubten ja in der Erinnerung, jeder Kater wachse in Albees Säuferhölle zum Tiger. Indes scheinen die Tiger mittlerweile zu Katern der Theatergeschichte geworden. Und keiner hat mehr recht Angst vor Virginia Woolf. Albee also doch nur ein Strindzwerg?

DT-Intendant Bernd Wilms hat den Text als Dramaturg klug gekürzt und die alte Übersetzung poliert. Allerdings ist dabei auch der religiöse, sehr amerikanische Subtext entfallen – der symbolisch gekreuzigte Sohn von G & M war ihr Erlösungstraum. Und dazu hätte uns 2004 der zerbrochene amerikanische Traum in diesem Gesellschaftskriegsstück vielleicht mehr interessiert als diese ort- und zeitlos ausgenüchterte Version. Immerhin: Nach zweieinviertel Stunden Wut, Schweiß und Tränen wurden die Spieler vom Publikum zu Recht gefeiert.

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