Kultur : Die Quadratur des C.P.E.Bach

PETER SÜHRING

Große Bestuhlung im Schauspielhaus für die familiäre Jahresversammlung der Freunde des Kammerorchesters Carl Philipp Emanuel Bach.Der Leiter dieses fast 30jährigen Orchesters, Hartmut Haenchen, genoß das Bad in der Menge seiner Fans spürbar.Als gäbe es in der echten Weihnachtszeit nicht genug Zeit, sind vorweihnachtliche Weihnachtskonzerte Gewohnheit geworden.Wenn selbst in den Kirchen alles andere als adventliche Fastenmusik ausgeteilt wird, braucht der Konzertsaal mit frühzeitigem musikalischen Weihnachtskonfekt nicht zurückzustehen.Am Vorabend des Heiligen Vorabends konnte noch genießen, wer sich nicht schon durch übermäßige adventliche Klangnaschereien das Gehör verdorben hatte.Nur musical correctness könnte sich daran stoßen, daß aus historischen Aufführungspraktiken herausgegriffen wird, was ins Konzept paßt.Hier war es lediglich das Musizieren im Stehen.Wunderschön ist die der geweihten Nacht der Geburt gewidmete Musik allenthalben.Die unvermeidliche Barockmusik paßt wie der Schaumlöffel aufs Ohr, und jedem anständigen Alten Indianer war diese Nacht ein concerto grosso wert.

Bei diesem nicht ganz so konventionellen Abend hörte man nicht zum x-ten Mal das des musikalischen Erzengels auf diesem Gebiet, sondern das von Manfredini.Schön wars, aber die Imitation der näselnd erdigen, bukolischem Piffaklänge wollte sich nicht einstellen, dazu wurde zu sehr auf Hochglanz poliert.Schön auch das dynamisch fein gewebte, impulsiv und aspiriert gestaltete Fagott-Konzert von Vivaldi, in dem Ingo Reuter die Balance virtuos hielt, schön auch Händels Harfen-Konzert, aber Maria Graf, die sich auf barocke Verzierungen versteht, neigt dazu, barocke Affektmuster zu ignorieren und ließ schon ganz im Geiste Carlphilippemanuels frühromantisch differenzierte Mannigfaltigkeit walten.Fast zu schön: Hans Werner Henzes um Flöte und Harfe gruppierte kammerorchestrale Instrumentation der fis-Moll-Klavierfantasie, der Bach den Titel gab "C.P.E.Bachs Empfindungen", versuchte die Quadratur des C.P.E.Bach, der Klaviersatz wirkte nicht nur aufgefächert, sondern aufgeweicht.Eine schön scheinende Hamburger Sinfonie des dem Orchester seinen Namen gebenden Genius erklang etwas zu sportlich, mit zu wenig hörbaren harten Fügungen.

Schön auch die Zugabe: angelegentlich von Flöte und Harfe im Hause mußte Mozarts Konzert dran glauben, mit dessen langsamem Satz dem Meister bei dieser mißliebigen Gelegenheit immerhin eine Parodie des verhaßten Gluck gelang.Man sieht: nicht nur das Herz war gerührt, auch der Verstand beschäftigt, so wie Carl Philipp Emanuel Bach es wollte.

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