Kultur : Die Regeln mache ich

Wie man von Brettspielen vieles über Finanzkrisen und Gesetzgebung lernen kann.

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Viele Menschen hassen es, Monopoly zu spielen: Am Ende hat ein Spieler ein Grundstücksimperium aufgebaut, während die anderen in den Ruin getrieben wurden. „Es zeigt gut, wie unangenehm der Kapitalismus sein kann, aber auch, wie viel Spaß er macht, wenn man auf der Gewinnerseite steht“, sagt der Brettspielautor Marcel-André Casasola Merkle. Zwischen Spiel und Wirklichkeit gibt es jedoch einen großen Unterschied: Hat man keine Lust mehr, kann man die Schachtel wieder in den Schrank stellen.

Der 35-jährige Casasola Merkle entwickelt seit 1997 Brettspiele, war von 2005–07 Vorsitzender der Spieleautorenzunft und ist Mitbegründer der jährlichen Spieleautoren-Tagung. Regelmäßig diskutiert er mit Kollegen über die Parallelen zwischen Brettspielen und Gesellschaft. „Wir machen nichts anderes als Feldforschung zu dynamischen Regelsystemen. Man kann alles aus Spielen auf offene Systeme anwenden, in denen man Menschen dazu bringen will, etwas freiwillig zu tun.“

Jedes Mal, wenn Spielautoren ein neues Spiel entwickeln, stehen sie vor ähnlichen Fragen wie der staatlichen Gesetzgeber: Wie mache ich die Regeln, damit das Spiel gerecht abläuft? Wie fördere ich Freiwilligkeit? Wie sorge ich dafür, dass auch Spieler mit unterschiedlichen Fähigkeiten eine Chance haben, zu gewinnen? Für Casasola Merkle gleicht dieser Prozess dem Gedankenexperiment vom „Schleier des Unwissens“ des britischen Philosophen John Rawls: Man hat die Macht, eine Gesellschaft zu entwerfen, wie man will, weiß aber noch nicht, wo man am Ende in ihr landet.

Dabei fallen Casasola Merkle immer wieder die Unterschiede zwischen Spiel und Realität auf: „Gesetze sind ergebnisorientiert. Sie sollen keinen Spaß machen, sondern funktionieren. Bei Spielen sind der Prozess und die innere Motivation entscheidend.“ Auch in Bezug auf aktuelle Probleme wie die europäische Finanzkrise lässt sich viel aus Brettspielen lernen. Mit „Schwarzer Freitag“ etwa kann das Zustandekommen von Börsencrashs nachempfunden werden: Die Spieler müssen Aktien kaufen, indem sie kleine bunte Klötze aus einem Beutel ziehen. Ein Teil der Klötze ist jedoch schwarz; werden sie gezogen, rückt der Crash näher. Der tritt ein, sobald eine gewisse Anzahl der schwarzen Klötze gezogen wurde. Um möglichst hohe Rendite zu erhalten, sollte man natürlich erst kurz davor seine Aktien verkaufen – doch diesen Zeitpunkt abzupassen, ist knifflig.

Wäre der Finanzmarkt ein Spiel, die Balance zwischen Regeln und Zufall müsste als extrem unausgewogen bewertet werden. Daran, so Casasola Merkle, werde sich jedoch nichts ändern, so lange Wirtschaftswissenschaft als Naturwissenschaft und die Regeln des Finanzmarktes somit als Naturgesetze gelten.

„Die Siedler von Catan“, eines der erfolgreichsten Brettspiele weltweit, besitzt eine Regel, die es in der Realität nicht gibt: Um zu verhindern, dass ein Spieler zu mächtig wird, hat man die „Räuber“-Figur: Erntet ein Spieler auf seinem Feld zu viele Ressourcen, können die anderen ihm den Räuber neben die Eisenmine oder das Ackerland stellen, der dann immer etwas abzwackt. „Wir greifen bei den Regeln immer dann in das Spiel ein, sobald die Schere zu stark aufgeht“, erklärt Casasola Merkle.

Das Schöne an Spielen ist, dass immer wieder Tabula rasa gemacht werden kann: Fängt eine neue Partie an, bekommt jeder wieder die gleiche Anzahl an Figuren. Bei „Risiko“ bekommt man sogar bei jedem neuen Zug frisches Kapital, unabhängig vom Spielverlauf. „Ich fand es lustig, dass die Piratenpartei das bedingungslose Grundeinkommen vorgeschlagen hat – in Spielen machen wir das seit Jahren, weil es besser funktioniert.“ Im Strategiespiel „Tikal“ gibt es sogar zwei getrennte Währungen: „Aktionspunkte, also Geld für den Handlungsspielraum, und Siegpunkte, also Geld für Gewinn“, sagt Casasola Merkle. „In der Realität könnte dies die Trennung von Zeit und Prestige sein: Jeder hat die gleiche Zeit, und kann etwas damit tun, für Zeiteinsatz bekommt man aber keine Zeit zurück, sondern Prestige. Das kann ich aber nicht direkt wieder in Zeit investieren. Die Zeit nimmt mir keiner weg, ich kann aber sehr viel Prestige anschaffen.“

Wenn so viel Utopie schon in Brettspielen verwirklicht ist, fragt sich, warum es noch kein Spiel mit sozialistischem oder kommunistischem Regelwerk gibt? Casasola Merkle verwundert das nicht: „Das macht einfach keinen Spaß.“ Erik Wenk

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