Kultur : Die Reise nach Ithaka hat gerade erst begonnen

In der Krise ist Konstantinos Kavafis wichtiger denn je: Wie die Griechen ihren bedeutendsten Dichter der Neuzeit feiern.

Marianthi Milona
Foto: Wikipedia
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Konstantinos Kavafis ist einer der bedeutendsten griechischen und europäischen Dichter der Neuzeit. Der 1863 in der griechischen Gemeinde Alexandrias geborene Sohn einer Kaufmannsfamilie gehört nach Nikos Kazantzakis zu den meist gelesenen und meist übersetzten Autoren Griechenlands. Dieses Jahr wird das Kavafis-Jahr gefeiert. Kavafis wäre am 29. April 150 Jahre alt geworden und ist am gleichen Tag genau vor 80 Jahren gestorben, ein doppelter Gedenktag also.

Die griechische Dichtkunst befindet sich in einer schwierigen Situation. Durch die Finanzkrise sind die zumeist in Athen ansässigen Verlage gezwungen, immer weniger Bücher herauszugeben. Und junge Autoren sollen ihre Bücher gleich auf eigene Kosten veröffentlichen. Wer sich in Griechenland Schriftsteller nennt, muss sich erstmals zu einer Zwangsversicherung verpflichten und Einnahmen mit 23 Prozent versteuern.

Zum Auftakt des Athener Kulturfestivals gab es im Herodes Atticus Theater ein Konzert mit vertonten Gedichten von Kavafis. Auf viel mehr großformatige Veranstaltungen darf man aber nicht hoffen. Es fehlt das Geld. Dennoch: Von einer echten Kavafis-Krise sind die Griechen weit entfernt. Denn man kann ohne ihn einfach nicht auskommen. Auch wenn sich nur schwer erklären lässt, was das Mysterium seiner empfindsamen Dichtkunst ausmacht. In Philologenkreisen wird gar diskutiert, ob er nicht eine Bedrohung darstelle, weil ohne ihn keine ernsthafte Beschäftigung mit Dichtung möglich ist. Kavafis’ Werke wie „Polis“ oder die „Barbaren“ erscheinen zeitübergreifend und aktueller denn je, aufgrund der wirtschaftlichen Krise im Land. Und sein Gedicht „Ithaka“ gehört für alle Zeiten zu den absoluten Lieblingsgedichten der Griechen. „Auch wenn es sich dir ärmlich zeigt, / Ithaka betrog dich nicht./ So weise, wie du wurdest, in solchem Maße erfahren, / wirst du ohnedies verstanden haben, / was die Ithakas bedeuten“, heißt es da am Ende. Kavafis nahm die Antike als Maske, zum Schutz seiner Träume, die ihn aus der engen Existenz eines homosexuellen Dichters in einer Amtsstube hinausführten. Kavafis’ Ton und auch seine Biografie erinnern an den Portugiesen Fernando Pessoa, der zur gleichen Zeit in Lissabon heimlich schrieb und gewaltige Horizonte imaginierte.

Im Gespräch mit griechischen Schriftstellern bestätigt sich die Kavafis-Verehrung. In einem Café im Zentrum Thessalonikis sitzt Dimitris Miggas vor einem Stapel Bücher über Kavafis. Für den heute 60-jährigen Autor ist Kavafis’ Werk immer Orientierung und Leitfaden gewesen. Alle zeitgenössischen Literaten wurden von Kavafis beeinflusst.

Mit dem Kavafis-Studium beginnt man in Griechenland bereits in der Schule. Vom fünften Schuljahr bis zum Abitur gehört der Dichter zum obligatorischen Lehrstoff. Wer später selbst schreibt, dem bietet das griechische Buchzentrum in Athen sogar eine unerschöpfliche Auswahl an Dichtern aus der ganzen Welt an, die in der, wie man sagt, Kavafis’schen Tradition stehen. Die junge Autorengeneration nimmt sich Kavafis genau so zu Herzen wie die ältere.

Die Dichtung genießt in Griechenland seit der Antike einen hohen Stellenwert. Die beiden Literaturnobelpreisträger Griechenlands waren zunächst einmal Dichter und dann erst Schriftsteller. Und beide, Giorgos Seferis wie Odysseas Elytis, haben zeit ihres Lebens Kavafis geschätzt und kritisch beäugt, ohne hinter sein Erfolgsgeheimnis zu kommen.

Die junge Autorin und Philologin Maria Rapti empfindet ihn als dramatisch, ausdrucksstark und metaphorisch. Die Emotionen in seiner Lyrik erinnern sie an Heine, seine poetischen Bilder an Brecht. Sie kann sich ein Leben ohne ihr literarisches Vorbild nicht vorstellen. Vor allem, weil er die Griechen ständig dazu bringt, die Welt genauer zu betrachten.

Ein anderer Schwerpunkt in Kavafis’ Schaffen ist die Beschäftigung mit historischen Ereignissen. Sie verläuft wie ein roter Faden durch sein gesamtes Werk. Das gilt für die historischen wie für die intimen, erotischen Verse, in denen er sich nach der Liebe und Anmut junger Männer verzehrt. Die Griechen, die mit der Erinnerung einerseits wie mit einem musealen Gegenstand umgehen, andererseits sich mit Vergangenheit überhaupt nicht beschäftigen, verstehen durch Kavafis’ Umgang mit der Geschichte auch ihre eigene, krisengeplagte Gegenwart.

Auch einer der erfolgreichsten Kinderbuchautoren Griechenlands hält Kavafis für den Gral der heutigen Dichtkunst. Aris Dimokidis hat mit seinen 34 Jahren bereits 12 Kinderbücher herausgebracht. Kein anderer habe eine solche Fähigkeit besessen, die menschlichen Sinne zu erwecken, so Dimokidis. Er fühlt sich seit seiner Schulzeit von Kavafis’ Sprache magisch angezogen und beschreibt sie als würdevoll und seriös. Manchmal sei sie mit einem ironischen Unterton versehen, aber immer respektvoll, nie anmaßend.

2013 muss man Veranstaltungen zu Ehren von Kavafis mit dem Fernglas suchen. Das sagt aber nicht viel aus über die Verehrung für den Dichter. Man ist sich in Griechenland bewusst, dass Kavafis’ Gedichte bittere Wahrheiten über das Wesen und das Denken der Griechen aussprechen, insbesondere die Diskrepanz zwischen einer glorreichen (oder auch glorifizierten) Geschichte und einer harten Gegenwart. Mit Kavafis gesprochen, haben die Griechen in der Krise ihre Reise nach Ithaka, nach Hause, erst kürzlich begonnen. Marianthi Milona

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