Kultur : Die Richter und ihr Denker

GREGOR DOTZAUER

Vor ein paar Wochen war alles noch ganz harmlos.Der Krieg im Kosovo hatte noch nicht begonnen, und am feuilletonistischen Meinungshorizont zogen nur ein paar Leuchtraketen ihre Spur.Inzwischen aber sieht es so aus, als wäre das Balkan-Drama in Wahrheit ein Handke-Drama.Diese Akzentverschiebung ist schon ein Kunststück - und das beste Argument gegen die Einmischung von Intellektuellen in politicis, das sich Berufspolitiker wünschen konnten.

Die Genese der Debatte ist besonders kurios, weil sie angeblich als Witz begonnen hat.In Rambouillet erklärte der Schriftsteller Peter Handke, daß er künftig nur noch dem serbischen Staatsfernsehen Interviews geben werde.Ernst gemeint war nur Handkes Ankündigung, er werde sich bei einem Bombardement der "NATO-Verbrecher" gegen Serbien nach Belgrad begeben.Danach gab es ein wenig "Spiegel"-Häme, ein Interview mit dem österreichischen Magazin "Format", das er von seinen ironischen Absichten zu überzeugen versuchte - und die Hoffnung, daß Handkes Äußerungen ignoriert würden.Nun, hieß es im "Tagesspiegel" vor fünf Wochen, werde "der Dichter mehr oder weniger unterhaltsam abgewatscht, doch im Grunde ist jede Ohrfeige eine Ohrfeige zu viel - und ihr moralischer Impetus verpufft als intellektuelles Entertainment." Im Rückblick erinnert die Haltung der ersten Polemiken endgültig an die doppelte Moral, mit der man sich in Boulevardblättern über irgendwelche Sexskandale erregt, um sie dann genußvoll ins Blatt zu rücken: Zumindest in dieser Hinsicht hat Handke etwas Geiles gesagt und mit der Rücküberweisung der Büchner-Preisgeldsumme von 1973 gut nachgelegt.Inzwischen sind nur Handkes Verteidiger peinlicher als die Abwatscher.Sie tun so, als wäre Gerechtigkeit für Handke wichtiger als die von ihm geforderte Gerechtigkeit für Serbien, die schon in einem kühlen Blick auf Milosevic bestehen könnte.

Zunächst hatte Handke sich selbst verteidigt."Focus" schilderte er seine umstrittenste Bemerkung, derzufolge die Serben mindestens so schlimm dran seien wie die Juden, als Mißverständnis.Der Publikationsort seines Briefes war deswegen nicht ungewöhnlich, weil Hubert Burda, der Verleger des Blattes, seinem literarischen Juror und Duzfreund so verbunden ist, daß er ihn immer wieder raushauen würde.(Umgekehrt hat Handke vor einigen Jahren auch schon mal Burda rausgehauen, als es in der "Zeit" darum ging, Burdas Haudrauf-Zeitung "Super", in der Wessis für Ossis marktgerechten Anti-Wessi-Haß designten, als integres journalistisches Produkt hinzustellen.) In der "Süddeutschen Zeitung" hat jüngst Michael Krüger, Leiter des Münchner Hanser Verlags, Petrarcapreis-Juror und Handke-Freund, den Geschmähten verteidigt.Martin Walser hat sich eingeschaltet, um neben seinem Unbehagen über den Krieg auch sein Unbehagen über die Aburteilung Handkes zu äußern.Und in der aktuellen "Zeit" versichert (neben dem Schriftsteller Michael Scharang) der Schaupieler Sepp Bierbichler den armen "Neger" Handke auf bayerisch-verquere Art seiner Solidarität - auch wenn der Text so klingt, als hätte er in Ambach am Starnberger See in der Frühlingssonne gesessen, ein paar Weißbier gelitert und dann so vom Leder gezogen, daß kein Sachargument mehr übrigbleibt.

Es ist ihm etwas Ähnliches passiert wie den meisten: Er attackiert die Richtigen - aber er verteidigt den Falschen.Es ist eines, Handke im Bewußtsein der moral majority niederzuknüppeln und sich zusammen mit der NATO auf der sicheren Seite zu fühlen.Es ist etwas anderes, danach zu fragen, was Handke in den letzten Jahren zu Jugoslawien geschrieben und gesagt hat.Soll man ihm tatsächlich den Witz mit dem serbischen Fernsehen verzeihen? Soll man ihm verzeihen, daß er die Dichter von Sarajewo als Trunkenbolde abgekanzelt hat? Die Apologeten, so scheint es, mißbrauchen Handke als Garanten einer möglichen Abweichung vom meinungspolitischen Mainstream, statt selbst einen Beitrag zu leisten: entweder, weil sie sich selbst nicht trauen, oder, was wahrscheinlicher ist, weil sie sich - im Gegensatz zu Handke - nicht als Experten fühlen: Sachkundig fühlen sie sich nur in Fragen intellektueller Einmischung.Was sie nicht hindert, trotzdem genau zu wissen, worum es geht in diesem Krieg.

Für Handke spricht, daß er nicht strategisch denkt.Viel zu viele sind Strategen.Als erstes haben natürlich gleich wieder die Alten ihre Meinung gesagt (und sagen sollen): Günter Grass und Walter Jens und Christa Wolf, die sowieso immer wissen, wo der moralische Äquator verläuft.Worauf etwas Jüngere, etwa Hans Christoph Buch und André Glucksmann, mit einem Pro-Bomben-Aufruf geantwortet haben - wohl auch, um die Medien-Hegemonie der Alten zu brechen und selbst einen Anspruch auf Meinungsführerschaft zu erheben.

"Immer ist, wenn der Autor geprügelt wird, das Werk gemeint", erklärt Michael Scharang in seiner Verteidigung für Handke.Eine falschere Diagnose kann es nicht geben.Denn statt des Autors, der genialische Bücher wie "Die Angst des Tormanns beim Elfmeter" und "Wunschloses Unglück" schrieb, bevor er mit Romanen wie "Mein Jahr in der Niemandsbucht" die Rolle des Großdichters suchte, existiert im Augenblick nur der fotogene talking head: Die einen bauen ihn als Zielscheibe auf.Die anderen benutzen ihn als Schutzschild.

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