Kultur : Die Ruhr läuft ab

Ein Kampf um die bundesdeutsche Kultur: Frank Castorf soll nach der ersten Saison als Leiter der Ruhrfestspiele gehen

Rüdiger Schaper

„No Fear“. Keine Angst vor Kunst? Das Motto der rundumerneuerten Ruhrfestspiele mit Frank Castorf und seiner Berliner Volksbühnen-Truppe hatte nicht lange Bestand. Man kann auch sagen: Die Provokation saß. Jetzt wird abgerechnet.

Kaum dass die erste Saison im Festspielhaus von Recklinghausen zu Ende gegangen ist, soll Castorf schon wieder vertrieben werden. Zwei der drei Hauptgeldgeber des traditionsreichen Festivals, der Deutsche Gewerkschaftsbund und die Stadt Recklinghausen, drängen den Künstlerischen Leiter zur Aufgabe. Der Dritte im Bunde, das Land Nordrhein-Westfalen, hat Castorf seiner Unterstützung versichert. Mit einem heftigen und exemplarischen Kulturkampf um die Ruhr ist zu rechnen.

„No fear“, das gilt auch für die Komische Oper Berlin. Wann hat ein Bühnenwerk die Hauptstadt so erregt wie Calixto Bieitos radikale Neuinterpretation der Mozartschen „Entführung aus dem Serail“? Selbst Kulturstaatsministerin Christina Weiss wirft sich in die Schlacht. Sie verteidigt Bieitos Inszenierung, was schon ungewöhnlich ist. Politiker sollen über Kunst nicht richten. Und sie übt Kritik am Opern-Sponsor Daimler-Chrysler. Genauer: Die Staatsministerin wirft Matthias Kleinert, der den Autokonzern berät, „Tabubruch“ vor. Kleinert hatte nach der tumultuösen Premiere empfohlen, die Sponsorenmittel zu streichen. Inzwischen hat die Zentrale des Autokonzerns in Stuttgart klargestellt, Kleinert habe nur seine Privatmeinung geäußert, Daimler-Chrysler ziehe aufgrund einer Inszenierung keineswegs Sponsorenmittel zurück.

Da liegen die Dinge beim DGB anders. Die Gewerkschafter hatten der Verpflichtung von Frank Castorf zugestimmt, weil sie sich von dem Regisseur und Volksbühnen-Chef frischen Wind erhofften. Was ihnen dann im Mai entgegenschlug, war ihnen wohl zu frisch und zu heftig. Castorfs Programm für das Festival im sozialdemokratisch-gewerkschaftlichen Stammland gleicht der Agenda 2010 der Schröder-Regierung. Mit dem Unterschied, dass die imAufmischen verkrusteter Strukturen geübten Volksbühnen-Strategen alles auf einmal umstießen.

Castorf selbst setzte mit „Gier nach Gold“ einen vergessenen Roman der amerikanischen Goldrausch-Ära eindrucksvoll in Szene: Menetekel des entfesselten Kapitalismus. Er brachte Schlingensief und Pollesch mit, holte aber auch internationale Festivalgrößen wie Luc Bondy („Cruel and Tender“) und eine „Dreigroschenoper“ des Opernbösewichts Calixto Bieito ins beschauliche Recklinghausen. No fear? Die Furcht vor Veränderung sitzt tief in Deutschland. Selbst im Theater, in der Oper. Claus Peymann, der sein Berliner Ensemble zum Bollwerk gegen alles Neue ausbaut, hat auch deshalb viel Publikumszuspruch.

Die Ruhrfestspiele sind kein ganz kleines Festival, mit einem Gesamtetat von gut fünf Millionen Euro und einem gewaltig dimensionierten Festspielhaus (1000 Plätze). Castorf spürte Widerstand von Anfang an, fühlte sich an alte Zeiten in der DDR erinnert: an die Macht und Sturheit der Funktionäre. Er hat das auch freimütig gesagt. Und suggeriert: Der tiefe Westen der Bundesrepublik, das Ruhrgebiet, könnte bald ebenso abgewirtschaftet haben wie die DDR in ihrer Auslaufphase. Am 1. Mai plauschte er nett mit dem SPD-Vorsitzenden Franz Müntefering. Und er hat sich kleine Scherze erlaubt. Mit Franz Wittenbrink, der an deutschen Bühnen als Hitlieferant gilt, inszenierte Frank Castorf ein Programm namens „Brüder zur Sonne zur Freiheit“. Untertitel: „Ein Liederabend ohne Verdi“. Das mag den Humor manch eines Gewerkschaftsmitglieds überfordert haben. Wussten sie nicht, wen sie aus Berlin als Sanierer geholt haben?

So kam es auch, ohne Verdi. Die Besucherzahlen fielen in den Keller. 22 000 Karten wurden verkauft: eine Platzausnutzung von 35 Prozent. Vorgänger Hansgünther Heyme kam zuletzt auf 75 Prozent, mit rund 50 000 Besuchern. Dabei muss man beachten, dass Heyme vor allem mit Udo-Lindenberg-Konzerten und einem Zirkusprogramm auf seinen guten Schnitt kam. Im originären Schauspielbereich lag Heymes Platzausnutzung bei 50 Prozent. Auch SPD und DGB verzeichnen einen heftigen Mitgliederschwund, zu schweigen von den jüngsten sozialdemokratischen Wahlergebnissen.

Castorfs Zahlen sind nicht gut, und die Stimmung ist es noch viel weniger. Er hat einen Vertrag als Festspielleiter bis 2007. Eine Vertragsauflösung, eine Kündigung gar dürfte erhebliche juristische Probleme aufwerfen und die Ruhrfestspiele einiges Geld kosten. Abstrafung der Provokateure? Castorfs künstlerischer Stab soll für die mehr als halbjährige Vorbereitungsphase offenbar keine Bezahlung erhalten.

Die Chancen stehen schlecht, dass Castorf eine zweite Spielzeit bekommt und mit einem etwas anders gelagerten Festspielprogramm 2005 die Ruhr doch noch erobern kann. Die Ruhrfestspiele stehen grundsätzlich zur Disposition, nach über fünfzig Jahren. Jüngst erst sind sie der 2002 ins Leben gerufenen Ruhr-Triennale angegliedert worden. Triennale-Leiter Gerard Mortier, der zuvor die Salzburger Festspiele managte und demnächst an die Pariser Oper wechselt, hatte die Idee, Castorf als agent provocateur auf den grünen Hügel des DGB zu holen. Der grüne NRW-Kulturminister Michael Vesper, einer der Erfinder der Ruhr-Triennale, gehört dort gleichfalls zu den Castorf-Fans, wie Jürgen Flimm, Mortiers Nachfolger, und der CDU-Bundespolitiker Norbert Lammert, der aus Recklinghausen stammt.

Der Krach eskaliert. Zu einer für kommenden Montag einberufenen außerordentlichen Aufsichtsratssitzung der Ruhrfestspiele wurden weder Vesper noch Mortier eingeladen. Mortier ist daraufhin aus Protest gegen die Behandlung Castorfs von seinem Amt als Intendant der Ruhrfestspiele zurückgetreten. Er beantragte die Auflösung des Kooperationsvertrags mit der Ruhr-Triennale. Eine ohnehin schwer durchschaubare und wenig praktikable Konstruktion: Als Leiter der Ruhr-Triennale ist Mortier zugleich Intendant der Ruhrfestspiele, Frank Castorf hat als Ruhrfestspielleiter künstlerische Autonomie. Mortiers Vertrag läuft am 31. Juli 2004 aus, und dann kommt Flimm – in eine vollkommen ungeklärte, ja chaotische Situation.

Der Kampf um die Ruhrfestspiele findet auf keinem gesellschaftlichen Nebenschauplatz statt. Er ist so signifikant wie die Auseinandersetzung um den blutigen, nackten Berliner Mozart. Kunst macht Angst, weil die Menschen Angst haben. Um ihre Jobs, ihre Zukunft. Und plötzlich hat da die Bühne wieder etwas zu sagen – harte, hässliche, schmerzhafte Dinge. Bildungsgut gerät ins Wanken. Castorfs Protagonist in „Gier nach Gold“ ist Zahnarzt – ein Autodidakt und Zuwanderer.

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