Kultur : Die scharfen Kanten der Moderne

Folgt die Form dem Gefühl? Am „Tag der Architektur“ konnten bundesweit 1400 Bauten besichtigt werden. Die Eröffnungsfeier fand in Wolfsburg statt

Ulf Meyer

Ausgerechnet Wolfsburg, die einzige von den Nationalsozialisten neu gegründete deutsche Stadt, hat nach dem Zweiten Weltkrieg ihr Herz für organische Architektur entdeckt. Die beiden profiliertesten Vertreter dieser betont anti-hierarchischen Architektur, Hans Scharoun aus Berlin und Alvar Aalto aus Helsinki, haben in dem niedersächsischen Städtchen Bauten hinterlassen, über die sich die Stadt bis heute definiert. Aaltos Kulturzentrum und Scharouns Theater gehören heute als Klassiker der Nachkriegsmoderne zu den wenigen architektonischen Sehenswürdigkeiten Wolfsburgs.

Die beliebten exaltierten Formen kann wohl nur mit der Historie Wolfsburgs als rein zweckmäßig angelegte Industriestadt erklärt werden, die einst für den „Kraft durch Freude“-Wagen geplant wurde, der dann nach dem Krieg als VW-“Käfer“ vom Band rollte. Und die Stadt, die wegen ihrer Geschichtslosigkeit zur Moderne regelrecht verdammt ist, bleibt ihrer Tradition treu: Die eigenwillige, irakisch-britische Architektin Zaha Hadid baut derzeit direkt am Hauptbahnhof für die Stadt Wolfsburg ein spektakuläres Wissenschaftszentrum.

Die Bundesarchitektenkammer nahm das Projekt am Wochenende zum Anlass, die zentrale Auftaktveranstaltung für den bundesweiten Tag der Architektur 2003 vor der Baustelle des Wissenschaftszentrums zu veranstalten. Unter dem Motto „Form follows emotion?" (in Abwandlung des Grundsatzes „form follows function“ von Louis Sullivan) stellte Hadid ihr gestalterisches Konzept und auch die Baustelle vor. Das „Phaeno“ genannte Gebäude ruht in sieben Metern Höhe auf zehn kegelartigen Hohlkörpern, in denen sich Läden und Cafés befinden und zwischen denen eine begehbare „Landschaft“ angelegt werden soll. Das Wissenschaftsmuseum wird nach Fertigstellung Ende nächsten Jahres das größte Werk der prominenten Architektin sein. Hadid hat sich ihren Ruf als Architekturstar in erster Linie durch ihre expressiven Architekturzeichnungen erworben und galt bereits als Weltstar, bevor sie ihre ersten Projekte baute. Ihr Oeuvre ist bis heute überschaubar geblieben: Die Hälfte ihrer nur sechs bisher realisierten Werke stehen in Deutschland und eines davon in Berlin: das Wohnhaus in der Stresemannstraße von 1994.

Hadids ehemals dem Dekonstruktivismus zugeordneten, der Schwerkraft trotzenden und scharfkantigen Architekturentwürfe haben sich in Wolfsburg und auch bei ihren neusten Projekten für Kunstmuseen in Cincinatti und Rom zu einer fluiden Formenwelt verwandelt. An Stelle von Decken und Wänden gibt es beim „Phaeno“-Projekt nur eine einzige kontinuierliche Betonebene mit verschiedenen Ausstülpungen. Da die herkömmlichen Betonbautechniken für Hadids Bauformen nicht ausreichen, verwendet die Architektin mit „selbstverdichtendem“ Beton erstmals in Deutschland einen völlig neuen Baustoff.

Der in Japan entwickelte dickflüssige Beton wurde bisher hierzulande nur im Ingenieurbau verwendet. Wolfsburg will sich mit dem Projekt von einer bloßen Werkssiedlung zur modernen „Dienstleistungs- und Freizeitstadt“ wandeln. Die Stadt will sich nun von dem einzigen Großunternehmen emanzipieren, das sie bisher geprägt hat. Seit das Münchner Architekturbüro Gunther Henn auf der Nordseite des Mittellandkanals mit der „Autostadt“ eine themenparkartige „Erlebniswelt“ gebaut hat, die ausschließlich der Markenkommunikation des VW-Konzerns dient, sollen mit dem „Phaeno“-Projekt Werk und Stadt zusammenwachsen.

In dem stützenfreien Innenraum des Gebäudes, das als „avantgardistische Experimentierlandschaft“ gepriesen wird, finden sich lediglich Versuchsanordnungen, wie sie schon lange in jedem besseren Technikmuseum Standard sind. Der amerikanische Trend zur „Mischung aus informeller Bildung und Vergnügen“ verbreitet sich scheinbar mit Zunahme der Bildungsmisere auch in Deutschland. Die Länderkammern der Architekten als Organisatoren des „Tags der Architektur“ wollen „Baukultur zum Anfassen“ bieten. Am vor neun Jahren ins Leben gerufenen „Bundestag der Architektur“, wie Wolfsburgs Oberbürgermeister Rolf Schnellecke den Tag versehentlich, aber treffend nannte, stehen viele gute und schlechte Neubauten und auch diverse Architekturbüros dem architekturinteressierten Publikum offen. Deutschlandweit waren über 1400 Bauten zu besichtigen, in Berlin waren nur gut zwei Dutzend Gebäude zugänglich. Kritiker bemängeln immer wieder, dass bisweilen wegen fehlender Qualitätsmaßstäbe bei der Auswahl der „Tag der Architektur“ eher ein „Tag des Gebauten“ als ein „Tag der Baukunst“ sei, denn bei der Veranstaltung wird fast ausschließlich „Gebrauchsarchitektur“ gezeigt. Diesmal setzten die Organisatoren satt auf beliebige Sparkassenneubauten und Grundschulen auf die Zugkraft einer ausländischen Stararchitektin. Vermutlich waren sie dabei selbst einem Gefühl gefolgt?

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