Kultur : Die Schatzsucherin

„Südostpassage“ und „Zwölf Stühle“: Ulrike Ottinger unternimmt Kino-Zeitreisen durchs alte Europa

Christina Tilmann

Nicht die berühmte Treppe aus Eisensteins „Panzerkreuzer Potemkin“ ist Odessas beliebteste Fotokulisse, sondern ein kleines Denkmal in Form eines Stuhls. Einsam steht er auf einem Podest. Ursprünglich gab es zwölf davon: Das russische Schriftsteller-Bruderpaar Ilja und Jewgeni Petrow erzählt im 1928 erschienenen Roman „Zwölf Stühle“, wie eine alte Aristokratin unter dem Bezug eines Stuhls ihr Vermögen versteckt hat. Auf der Suche nach dem in alle Winde verstreuten Inventar reist ihr geldgieriger Schwiegersohn durchs ganze Land. Doch der Schatz bleibt verloren.

Die Geschichte von den zwölf Stühlen hat auch die deutsche Filmemacherin Ulrike Ottinger fasziniert, als sie sich für die Documenta 11 auf die Reise quer durch Osteuropa machte – von Berlin über Odessa bis nach Istanbul. Vieles sah kaum anders aus als 1928. Auch sie suchte einen Schatz – jene weißen Flecken auf der Landkarte, die nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion entstanden waren. Am Ende der Reise stand eine Reisedokumentation von über sechs Stunden: ein Mammutwerk wie seine Vorgänger „Taiga“ und „Exil Shanghai“. Kaum jemand wird den Film auf der Documenta ganz gesehen haben. Doch jeder, der auch nur wenige Minuten mitbekommen hat, behält sie in Erinnerung. Es ist eine magische Zeitreise, eine Europareise lange vor dem Mediengetrommel, das die EU-Erweiterung begleitete. Im Mai 2004 wäre es der Film der Stunde gewesen. Nun kommt er zumindest in Berlin ins Kino.

„Südostpassage“ hat Ottinger ihren Film genannt, und um Passagen geht es immer wieder: um die prächtigen Einkaufspassagen von Odessa und die Basare von Istanbul, um die Passagiere der Fähre von Bulgarien nach Odessa, um Walter Benjamins Passagenwerk und den Übergang, das „Passagere“. Und es geht um die Zurückbleibenden, die man am Wegrand stehen sieht, wenn man mit dem Auto über die neuen Europastraßen und alten Handelswege vorüberbraust: Mütterchen, die Obst, Gewürze, Fisch verkaufen, Bauern mit ihren Eselskarren, winkende Kinder. Ihnen schenkt Ottinger nur einen Blick, einen Schnappschuss durch die Windschutzscheibe. Zu wenig, um Lebensgeschichten zu erfahren. Genug, um von ihnen Notiz zu nehmen.

Jene besondere Mischung aus Flüchtigkeit und Aufmerksamkeit ist „Südostpassage“ eigen. Immer wieder verharrt der Blick, fängt Standbilder ein, leuchtend, bunt, während die Tonspur weiterläuft. Die bewegliche Videokamera verweilt an einer Jugendstilfassade, an spielenden Kindern oder dem Gesicht einer alten Bäuerin. Kinder, alte Frauen, Fassaden sind ohnehin Ottingers Lieblingsmotive, vielleicht, weil sie dem Blick so unbekümmert standhalten. Erst in Odessa und Istanbul kommen Jüngere ins Bild, Männer, die anders reagieren. Sie winken in die Kamera, setzen sich in Pose, werden zudringlich. Die schöne Unbefangenheit der Reise ist perdu.

Da aber ist man schon mehrere Stunden unterwegs, quer durch die Slowakei und Ungarn, Rumänien und Bulgarien. Hat die prächtigen Reste Österreich-Ungarns gesehen und die ärmlichen Romadörfer, die Bauernwelt in den Karparten und die neuen Nachtclubs. Sandor Marai, Elias Canetti, Manes Sperber, Isaac Babel, Imre Kertész und Joseph Roth kommen zu Wort – gelesen von Hanns Zischler. Sie beschwören die untergegangene Bürgerwelt, den österreich-ungarischen Vielvölkerstaat und das Elend der Judenviertel in Odessa. Heute ist selbst davon nicht mehr viel zu sehen. Der Odessa gewidmete Mittelteil des Films sucht vergebens nach Spuren der jüdischen Bevölkerung, findet nur noch grasüberwucherte Synagogenreste. In Istanbul, wo Film und Reise enden, ist man in der Gegenwart angekommen, auch wenn Ottinger diesen Teil mit historischen Fotos und Illustrationen unterlegt. Istanbul ist die Moderne, mehr als jede andere Stadt auf der Reise, und uns näher als vieles in Osteuropa. Der Weg ging nach Osten und endet im Westen.

Und doch war Odessa für die Regisseurin offenbar am prägendsten: 2004 hat sie ihr Anfangsmotiv, die Legende von den zwölf Stühlen, wieder aufgenommen – in Form eines klassischen Spielfilms. Obwohl: Was heißt bei Ulrike Ottinger schon klassisch? Auch „Zwölf Stühle“ dauert über drei Stunden, und von einer konventionellen Einheit zwischen Ort und Handlung kann nicht die Rede sein. Der Bürokrat Ippolit Matwejewitsch (Genadi Skarga) und sein Reisegefährte Ostap Bender (Georgi Delijew) ziehen zwar im Gewand und Gestus der späten Zwanzigerjahre durch die Ukraine, auf der Suche nach den zwölf Stühlen. Doch das Land ist längst von heute, mitten in der Umbruchzeit. Genau in jenem Durcheinander zwischen neuer Armut und neuem Reichtum gewinnt auch der Film seinen Reiz: Da posieren alte Mütterchen mit Chanel-Taschen, und die neuen Russen möblieren ihre Appartements mit den Resten des Zarenreichs: absurde Bilder, wie sie kein Roman zustande bringt. „Die Mutter von Dada“, hat Walter Benjamin gesagt, „ist die Passage“.

„Südostpassage“: Kino Krokodil, Teil 1 (Wroclaw-Varna): 20.–23.1., Teil 2 (Odessa) 24.–26.1., Teil 3 (Istanbul) 27.1.–2.2., Teil 1–3 sonnabends um 12 Uhr. „Zwölf Stühle“ sonntags um 11 Uhr im Kino International. Die heutige Premiere findet in Anwesenheit der Regisseurin statt.

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