• Die Schenkung Christoph Müller: Die Lust am Sichtbaren: Niederländische Gemälde in Schwerin

Die Schenkung Christoph Müller : Die Lust am Sichtbaren: Niederländische Gemälde in Schwerin

Schwerin im Glück: Der Sammler Christoph Müller hat dem Staatlichen Museum seine wunderbaren holländischen und flämischen Gemälde des Goldenen Zeitalters geschenkt. Jetzt wurde die Präsentation eröffnet.

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Foto: Göran Gnaudschun © Staatliches Museum Schwerin
Im besten Licht. Jan Claesz Rietschoof (1652–1719), Holländische Schiffe vor einer Stadt, undatiert.

Wunder dauern etwas länger. Fünf oder sieben Jahre, so genau erinnern sich die beteiligten Herren bei der Pressekonferenz nicht mehr, war man im Gespräch. Und nun, endlich, ist der Deal, der ein Lebenswerk würdigt, perfekt: 155 holländische und flämische Gemälde des Goldenen Zeitalters, entstanden zwischen Ende des 16. und Anfang des 18. Jahrhunderts, Versicherungswert im höheren zweistelligen Millionenbereich, wechseln aus privatem in öffentlichen Besitz. Als Geschenk.

Der Schenker: Christoph Müller, 75, Kunstsammler in Berlin, vormals in Personalunion Verleger, Kunstkritiker und Chef der Lokalredaktion beim „Schwäbischen Tagblatt“ in Tübingen. Der Empfänger: das Staatliche Museum Schwerin, untergebracht in einem säulengeschmückten Kunsttempel vis-à-vis dem Schweriner Schloss, schon bislang mit einer der schönsten Niederländer-Sammlungen Deutschlands gesegnet. Mit Müllers Bildern, die am Donnerstag in Gegenwart von Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsident Erwin Sellering übergeben wurden, haben die Schweriner den Gipfel erklommen.

Müllers noble Gabe ist die wohl umfangreichste Schenkung von Altmeistergemälden an ein deutsches Museum seit dem Zweiten Weltkrieg. Unter dem Titel „Kosmos der Niederländer“ kann das ostdeutsche Museumswunder ab sofort (bis 16. Februar 2014) besichtigt werden, dazu in einer Studioausstellung sechs ebenfalls von Müller an das Museum geschenkte Zeichnungen des Utrechter Landschaftsspezialisten Nicolaas Wicart. Entdeckungen wie diese sind typisch für den Sammler. Christoph Müller ist ein Mäzen, wie ihn sich Museumsleute und Kulturpolitiker nur wünschen können – wenn sie nicht vor anspruchsvollen Dialogen zurückschrecken. Einer, der seinem Jäger- und Sammlertrieb mit dem Credo „Bilder sind nicht dazu da, im stillen Kämmerlein bewundert zu werden“ begegnet. Und der, als Gegenleistung für Geschenke, so uneitle wie wohlüberlegte Forderungen stellt wie in Schwerin die Wiederinbetriebnahme der großartigen Freitreppe des Museums. Sie war lange unbenutzbar und wird nun mit Mitteln von Bund und Land saniert.

Noch im Sommer stand die Schenkung auf der Kippe

Gleichwohl stand die Schenkung noch im Sommer auf der Kippe, als sich die vier beteiligten Landesministerien mit der Ausarbeitung des Schenkungsvertrags Zeit ließen. Müller löst so etwas auf dem kurzen Dienstweg und kündigt nun auch bei der Pressekonferenz mit sichtlicher Vorfreude an, dem Ministerpräsidenten noch einmal die Leviten lesen zu wollen. Geschenke annehmen und zugleich Kultur kaputt sparen, das ist für ihn nicht akzeptabel.

Müller ist Schenker aus Überzeugung. 2007 gab er 365 niederländische Altmeister-Zeichnungen und Druckgrafiken an das Berliner Kupferstichkabinett, im vergangenen Jahr über 100 Grafiken an das Kölner Wallraf-Richartz-Museum. Ebenfalls 2012 erhielt Schwerin ein repräsentatives Konvolut des Zeichners Horst Hussel. Natürlich meldeten auch für die Gemälde, das Kernstück seiner Sammelleidenschaft, große Museen von Berlin über Köln bis Leipzig ihr Interesse an.

Warum also Schwerin? Müller beschreibt es als Liebe auf den ersten Blick, entfacht schon zu späten DDR-Zeiten, als Privatsammler dort nicht gelitten waren und er selbst gerade erst mit dem Kaufen von Bildern begonnen hatte. Das Schweriner Museum, eine fürstliche Gründung mit Seeblick, gehört zu den Provinzmuseen im Osten, deren hohe Güte in keinem Verhältnis zu ihrer begrenzten Bekanntheit steht. Die Schweriner Niederländer-Sammlung bietet enzyklopädische Breite auf hohem Niveau und Weltentdeckung in Kleinformaten, präsentiert in wunderbar klassischen Oberlichtsälen. Ein Gesamtkunstwerk, keine großspurige Nummernrevue von Meisterwerken. Große Namen wie Rubens, Jordaens, Rembrandt, Vermeer fehlen dort ganz oder beschränken sich auf jeweils ein Werk.

In Schwerin ist ein Referenzmuseum für die Malerei der Niederlande entstanden

Sogenannte Meisterwerke hat auch die Sammlung Müller nur wenige zu bieten. Stattdessen viele gute und etliche herausragende Bilder, meist von Malern, deren Namen kaum noch jemand kennt. Etwa die kraftvoll bewegten Seestücke von Jan Theunisz Blankerhoff, Edwaert Colliers Trompe-l’œil-Stillleben oder Peeter Gijsels’ feinmalerisch-üppige Gartenterrasse mit mythologischem Personal. Sie alle ergänzen perfekt den Schweriner Altbestand von etwa 600 Niederländern. Kustos Gero Seelig, dem Müller voll und ganz vertraut, spricht von einem deutschlandweit einmaligen Referenzmuseum, das so entsteht. Wer wissen will, wie Holländer und Flamen malten und mit Bildern lebten, muss nach Schwerin reisen. Niemals zuvor oder danach standen die Malerei und die sich darin spiegelnde Lust am Sichtbaren – nicht zu verwechseln mit Realismus – so flächendeckend in Blüte. Nie wieder waren Künstler so spezialisiert, geübt und deshalb oft virtuos. Was sie wie malten, bestimmten im Zweifelsfall Herkunft und Lebensort.

Christoph Müller ist glücklich über die Schweriner Präsentation, die, anders als die bisherige „Petersburger Hängung“ in seiner Berliner Dachgeschosswohnung, systematische Vergleiche zulässt. Ob Landschaft, Marinebild, Stillleben, Genre oder Historiendarstellung – alles zeigt sich im besten Licht. „Schauen Sie nur diese Wand mit Schiffen bei stürmischer See an“, erklärt der Sammler, „Holländer und Flamen, was für ein Unterschied!“ Müllers Bilder schenken uns das Sehen neu. Wunder wie dieses überwinden Zeit und Raum.

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