Kultur : Die Schlacht vom Hermannplatz

Alle fahren weg. Nur in den Parteizentralen herrscht Hochsaison. Heute: die

Bodo Mrozek

Der Wahlkampf ist auch nicht mehr das, was er mal war. Hinter den spiegelnden Glasfassaden konzernartiger Parteizentralen planen externe Reklameexperten die Kampagnen so professionell und anonym, als ginge es um einen neuen Diätjoghurt. Plakate malen, Flugblätter tippen, Flüstertüten basteln: Wenn es den guten alten Straßenwahlkampf überhaupt noch gibt, dann vielleicht ja bei jenen Parteien, die nicht jeder Dritte wählt.

In Berlin ist die Suche nicht so einfach. Die Zentralen kleiner Parteien sind oft in Gegenden zu Hause, wo die Vorwahl länger ist als die eigentliche Telefonnummer. Ein Besuch bei der Tierschutzpartei („Mensch, Umwelt, Tierschutz“) scheidet für den Berliner daher ebenso aus wie einer bei der Partei Bibeltreuer Christen (PBC) oder den Violetten („Für spirituelle Politik“). In der Hauptstadt hat man allenfalls Bezirksbüros. Aber wenigstens die Deutsche Kommunistische Partei (DKP) hat eine Berliner Wahlkampfzentrale. An traditionsreicher Adresse: im ehemaligen Gebäude der Zeitung „Neues Deutschland“ unweit der Straße der Pariser Kommune.

In zellenartigen Büros, wo früher die Planübererfüllung von volkseigenen Redakteuren erdichtet wurde, sitzen heute hippe Start-Upper und eher rückwärts gewandte Aktivisten wie die „Initiativgemeinschaft zum Schutze der sozialen Rechte ehemaliger Angehöriger bewaffneter Organe und der Zollverwaltung der DDR“ (ISOR). Die Gänge sind mit zerschlissenem PVC bedeckt, es duftet nach scharfen Reinigungsmitteln und dem Aroma alter Bücher. Die DKP zwängt sich am Ende eines langen Gangs in zwei winzige Büros. In dem einen schart sich die Basis um einen Tisch: eine bunte Mischung aus langhaarigen jungen Antifaschisten und Rentnern in Windjacken. Auf Sprelakat stapeln sich säuberlich Positionspapiere, in den Ecken warten blutrote Transparente auf ihren revolutionären Einsatz.

Der Wahlkampf ist hier noch Chefsache – der Kampagnenleiter steht selbst am Kopiergerät. Zur kurzen Hose trägt er ein T-Shirt mit der Aufschrift „Solidarität mit dem revolutionären Venezuela“ und analysiert nüchtern die Lage. Denn über den Wahlsieg macht man sich keine Illusionen: Die DKP verzichtet freiwillig auf eigene Landeslisten und kooperiert mit dem Linksbündnis. Für die Positionsbestimmung bleibt da nicht mehr viel Zeit. Die nötigen 200 Unterschriften zur Zulassung der Kandidatur müssen von der Straße geklaubt werden. Dann wird der Direktkandidat Detlev Fendt vorgestellt, ein Arbeiter aus Neukölln. Er soll die Mehrheit der Stimmen im Wahlkreis auf sich vereinen. Seine Gegner sind Eberhard Diepgen (CDU) und Ditmar Staffelt (SPD). Aber, da ist die DKP zuversichtlich, wenn der Kommunismus eine Chance hat, dann in Neukölln – bei der Wahlschlacht auf dem Hermannplatz.

Die Türen schließen sich, die Mitgliederversammlung tagt. Marx und Engels grüßen von der Wand. Sie sehen irgendwie unglücklich aus.

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