Kultur : Die Schneewittchenfilmer

Arslan, Petzold, Schanelec: ein Symposium über die Neue Berliner Schule

Kerstin Decker

Angela Schanelec trägt eine schwarze Brille und sieht sehr schön, sehr streng und sehr elegisch aus. Ist sie das schon, die „neue Melancholie des neuen Bürgertums“, die Christian Petzold an seinen Filmen und denen der anderen bemerkte?

Die Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb) feierte 40. Geburtstag. Mit 40 sollte aus jedem etwas geworden sein. Als Benjamin Heisenbergs „Schläfer“ und Christoph Hochhäuslers „Falscher Bekenner“ letztes Jahr in Cannes liefen, riefen die „Cahiers du Cinéma“ die nouvelle vague allemande aus. Und die deutschen Feuilletons riefen mit. Petzold! Schanelec! Thomas Arslan! Nach Filmen wie „Die innere Sicherheit“ und „Gespenster“, „Plätze in Städten“ und „Marseille“, „Dealer“ und „Der schöne Tag“ hatte auf der Berlinale 2006 auch noch Valeska Grisebachs „Sehnsucht“ Premiere. Sie ist also da, die Neue Berliner Schule. Nur – was zeichnet sie aus? Die Frage beschäftigte nun ein dffb-Symposium im Filmhaus am Potsdamer Platz.

Moderator Robert Weixlbaumer: „Realismus! Ist es das, was Sie wollen?“ Schanelecs Filme haben einen fast dokumentarischen Gestus. Aber Schanelec schaut betrübt über ihre schwarzen Brillenränder und antwortet mindestens so gedehnt, wie es ihre schönen Einstellungen sind: „Realismus? Nein, damit habe ich nichts zu tun!“ Also weiter: In den BerlinerSchule-Filmen gibt es ein tiefes Misstrauen in die Kommunikation, in das, was wir uns sagen können. Reden ist nur ein Geräusch neben anderen.

Ein Schweizer will wissen, wie die Berliner Schule eigentlich die „Strategien der Distanzierung“ berücksichtigt. Alle sehen erwartungsvoll auf Christian Petzolds Kameramann, der richtet sich leicht auf und erklärt: „Wenn wir eine Einstellung machen, dann machen wir die.“ Jemand fügt hinzu, dass es auf das Vertrauen ankommt, dass die Wirklichkeit sich doch noch offenbart. „Die Frage ist doch“, sagt Angela Schanelec mit vorsichtigem Enthusiasmus, was passiert, „wenn ich die Kamera nicht mehr ausmache“. Verhaltenes Lachen. Vielleicht hat Dominik Graf, der kritische Sympathisant der Berliner, in einem e-Mail-Gespräch mit Petzold und Hochhäusler am schönsten beschrieben, was passierte, als Schanelec in „Marseille“ die Kamera nicht mehr ausmachte: „Dass sich die Atmosphäre in der Zeit quasi auszudehnen beginnt, dass die Bilder wachsen.“ Graf kommt zu dem Schluss: „Man inhaliert die Stadt!“

„Aber wo setzt man dann den Schnitt?", fragt der Moderator mitten in die Schönheit dieses Gedankens hinein. Die Cutterin Bettina Böhler sagt, dass man jetzt über 75 Schnitte bei Schanelec, 400 bei Henner Winckler („Lucy“) und noch mehr bei Valeska Grisebach reden könne. Aber sie wehre sich entschieden gegen die Auffassung, die Berliner Schule sei langsam!

Das ist es, natürlich: Die Berliner Schule ist langsam! Das muss sie vielleicht auch sein bei den Hochbeschleunigungsbildern ringsum. Der Schweizer fragt, ob es sich bei der Langsamkeit möglicherweise um eine Strategie der Distanzierung handele. Außerdem habe Godard gesagt, der Schnitt müsse grundsätzlich später kommen als der Zuschauer ihn erwartet. Die Cutterin hebt die Augenbrauen: „Ja, aber warum erwartet er ihn überhaupt? Das Gesicht des Moderators beginnt zu leuchten. Er denkt gerade an die unglaublichen Beschleunigungspunkte in den langsamen Filmen. Bis Schanelec darauf verweist, dass diese Punkte alle schon im Drehbuch stehen.

Henner Winckler wird grundsätzlich. Die Frage sei, wie man die eigenen Filme legitimiere: „Indem man immer neue Filme macht. Jeder ist die Rechtfertigung des vorhergehenden.“ Das bringt einen bislang stummen Podiumsteilnehmer derart auf, dass er androht, die Runde zu verlassen: „Diese Selbstbeweihräucherung geht mir zu weit!“ Martin Steyer ist als Tonmeister Spezialist für den Spezialklebstoff, den viele Vertreter der Berliner Schule gar nicht mögen: Filmmusik. Noch ein Merkmal: Die Filme von Petzold, Schanelec und den anderen verwenden keine Musik. Oder fast keine. Der Tonmeister schimpft weiter: Eure Geschichten sind dürftig, und Bescheidenheit der Mittel ist keine Tugend, wenn man die Mittel nicht kennt! Die Heiligsprechung des O-Tons ist Quatsch, das sage ich als Fachmann!

Der Schweizer sieht aus, als würde er jetzt gern über Strategie der Distanzierung unter Berücksichtigung der Musik sprechen. Der Musiker bleibt sitzen. Der Moderator schlägt vor, den Begriff der Geschichte in der Neuen Berliner Schule nicht zu vergessen, besser: die abwesende Geschichte. Angela Schanelec schaut Weixlbaumer verständnislos an: „Geschichte hat mich nie interessiert. ,Das Leben der anderen’, nee!“ Jemand findet das Wort „Geschichtsporno“. Der Schauspieler Bastian Trost ergänzt, dass es nicht nur keine Geschichte gibt bei den Berlinern, sondern streng genommen auch keine Schauspieler.

Nach acht Stunden Symposium ist alles ganz einfach. Filme der Neuen Berliner Schule sind melancholisch, unrealistisch, geschichtslos und langsam, sie misstrauen der Kommunikation, der Musik und den Schauspielern. Und doch sind die meisten wunderbar. Sie haben diese „zärtliche Gleichgültigkeit gegen die Welt“ (Camus). Dominik Graf hat sie mal Schneewittchenfilme genannt, Filme hinter Glas. Jedes Schneewittchen wacht einmal auf, und dann geht es hinaus in die Welt.

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