Kultur : Die Schönheit der Strenge

Auch ein Restaurant ist öffentliches Bauen: Zum Werk des Berliner Architekten Max Dudler liegt endlich eine umfassende Monografie vor

Bernhard Schulz

Böse Zungen behaupten, Max Dudler sei der treueste Gast des Restaurants „Sale e Tabacchi“ in der Kreuzberger Kochstraße. Doch selbst wenn es so wäre – hätte der 1949 im schweizerischen Altenrhein gebürtige, aber in Frankfurt und Berlin ausgebildete Architekt nicht allen Grund, bei dem famosen Italiener zu speisen? Nicht allein der Küche halber – sondern eben auch der Innengestaltung. Die stammt nämlich von ihm selbst.

Er hat eine ganze Reihe von Gaststätten eingerichtet, zunächst in Frankfurt, dann in Berlin; das „Sale e Tabacchi“ ist darunter wohl die bekannteste. Und es zeigt dieses Restaurant alle Merkmale, die Dudlers Architektur aus der Masse des Gebauten herausheben. Doch erst auf den zweiten Blick: Zu unaufdringlich, ja selbstverständlich ist die noble Eleganz des als „Rationalist“ oft eher gescholtenen denn gewürdigten „Berlinschweizers“, als der er in der jetzt erschienenen, umfassenden Monografie zu seinem Œuvre bezeichnet wird – mit allem Recht, unterhält er doch Büros in Berlin und Zürich.

So, wie Dudler gutem – und das heißt letztlich immer genial-einfachem – Essen und Trinken zugetan ist, so ist ja auch seine Architektur nicht etwa karg, sondern beschränkt sich lediglich aufs Wesentliche, dieses aber in Vollendung zelebrierend. Eine solche Auffassung hat ihren Preis: Nur bei makelloser Ausführung kann die Architektur Max Dudlers ihre ganze Präsenz entfalten.

Und noch in einer dritten Hinsicht liefert das Kreuzberger Lokal einen Hinweis auf das Gesamtwerk: Dudler ist ein Architekt des öffentlichen Bauens. Seine wichtigsten Bauten sind wenn schon nicht der Öffentlichkeit zugänglich, so doch in ihrem Auftrag entstanden. Das gilt zuallererst für die 1999 fertig gestellte Ergänzung eines behördlichen Altbaus an der Berliner Invalidenstraße zum Bundesverkehrsministerium. Den Kontrast zwischen dem glücklich restaurierten Neorenaissancebau und dem strengen Kubus der Erweiterung hat er zu einem grandiosen Akkord gesteigert. Mit einem Mal sieht der Betrachter, welche Prinzipien von Gliederung, Reihung, Fassadenaufriss sich durch alle Epochen und Stilformen hindurchziehen – eben als Elemente „der“ Architektur. Und so ist der breit gelagerte Neubau mit seinen fünf Obergeschossen über einem deutlich abgesetzten Sockelgeschoss kein Fremd- oder Antikörper, sondern die zeitgemäße Formulierung uralter Aufgaben, bis hin zur Würdeform der Freitreppe zum Haupteingang. Ihn hat Dudler parallel zum Altbau angeordnet, diesen quasi zum halben Cour d’honneur des Neubaus aufwertend. Geplant ist ein zweiter Baublock, der durch die Zusammenführung der früheren Bundesministerien für Verkehr und Bau- und Wohnungswesen erforderlich geworden ist und bereits im Erstentwurf mitgedacht war.

Den grünen Stein, den Dudler so liebt, hat er in Berlin auch bei der Schule in Hohenschönhausen verwendet, hier freilich in preiswerterem Kunststein. Was für ein Kontrast zur industriellen Trostlosigkeit der umliegenden Plattenbauten! Apropos: Was man aus einem Plattenbau machen kann, hat Dudler vor einigen Jahren im selben Stadtbezirk mit dem beeindruckenden Umbau eines „Feierabendheims“ von 1972 zum Seniorenwohnhaus mit fein gegliederter Fassade gezeigt.

Bei der Schule grenzt eine gewaltige, verglaste Gebäudefront das Grundstück gegen die Formlosigkeit der städtischen Peripherie ab, dramatisch durch eine leichte, rechtsseitig verlaufende Kurve gesteigert. Hinter der Glasfassade liegen die Flure der Schule, deren Haupträume sich kammartig ins Grundstücksinnere orientieren. Das Gebäude wirkt weit größer, als es dem Bauvolumen nach ist. Aber es wirkt nicht allein größer, es verleiht durch die noble Gestaltung der Aufgabe „Lernen“ auch eine Würde jenseits vermeintlich schülerfreundlicher Anbiederei.

Dudlers Bauten biedern sich nicht an. Sie weisen allerdings auch nicht ab. Sie erheben den, der sie betritt. Sie erheben durch Maß und Regelmäßigkeit, durch Form und Ausführung. Das sind Qualitäten eines öffentlichen Bauens, ja einer öffentlichen Moral, so es sie denn gibt. Im Privatbereich kann eine solche Haltung ins Einschüchternde umschlagen. Der in den Block 208 der Friedrichstadt integrierte Wohnbau an der Behrenstraße mag noch so beeindruckende Appartements bieten – es fällt dennoch schwer, sich in den vom Architekten edelst ausgestatteten Räumen so etwas wie Feierabendentspannung vorzustellen. Da wird das Wohnen zu Bühne, ja Pflicht.

Derlei kann wollen, wer ein Privathaus errichtet. In Kleinmachnow am südwestlichen Rand Berlins hat Dudler ein gestaffeltes Haus erbaut, nicht groß, nicht spektakulär. Man denkt sofort an die eigentümliche Villa, die der Philosoph Ludwig Wittgenstein Mitte der zwanziger Jahre in Wien entworfen hat. Glatte Wandflächen, auf den Boden herabgezogene Fenster – das ist ein Bekenntnis zur Moderne in ihrer rationalen Prägung.

Die Liste der Dudlerschen Projekte, begonnen mit einem Entwurf für Frankfurt 1982, ist zuletzt deutlich länger geworden. Darin stecken dennoch Enttäuschungen wie der schließlich abgelehnte 1. Preis im Wettbewerb für das Außenministerium in Berlin.

Nicht nur der öffentliche Bauherr tut sich schwer mit der Formstrenge, aber eben auch mit dem Formglück der Rationalität, die Dudlers Bauten auszeichnet. Wer einmal in der Kochstraße gegessen hat, wird nicht mehr beim Folklore-Italiener einkehren wollen.

J. Christoph Bürkle (Hrsg.) Max Dudler. Architektur für die Stadt. Verlag Niggli, Sulgen (Schweiz) 2003, 280 S., geb. 98 SFr/63,23 €.

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