Kultur : Die Schwerkraft des Glücks

Kerstin Decker

Manche leben mit einer so erstaunlichen Sicherheit, dass es schwer fällt zu glauben, sie lebten zum ersten Mal. David zum Beispiel, Lynns Freund. David ist Schwimmer. Seine Tage sind eingeteilt in 50-Meter-Bahnen. Und wenn er mit Lynn schläft, ist das auch eine Art 50-Meter-Bahn. Nur kann man den Zeitpunkt der Ankunft schwerer berechnen. Darum stellt sich David vorsichtshalber den Wecker, wenn er noch zum Training muss. Lynn ist die Frau ohne Uhr. Wenn man Lynn fragen würde, wer sie ist, wäre sie sehr erstaunt. Sie lebt, um das herauszufinden. Später kann man vielleicht sagen, wer man war, aber doch nicht mit zweiundzwanzig.

Wer ist schon der Hauptdarsteller seines eigenen Lebens? Maria Speth, die Regisseurin weiß um diese Misslichkeit. Darum hat sie die Hauptrolle auch nicht Lynn, sondern einer anderen gegeben: der Dämmerung über Berlin. Und die Produktionsfirma, deren erster Spielfilm das ist, heißt "Novemberfilm". In der Dämmerung ist die Welt vor allem blau. Dieser Film ist auch vor allem blau. Die Farben des Tages - sie waren bloß eine Täuschung. Es wird wenig gesprochen hier, und "In den Tag hinein" zerstört auch unsere Illusion, dass wir es sind, die sprechen. Nein, es ist genau wie in der Dämmerung. Stimmen dringen herüber, sie meinen dich oder sie meinen dich nicht - und wer selbst anfängt zu reden, klingt plötzlich sehr fremd. Eine feine Melancholie durchwebt alles. Melancholie ist nicht Trauer, sie ist ein schwebender Zustand, da die Dinge ferner rücken. Eine Seelendämmerung, ziellos wie Lynn selbst. Mehr kann ein Film nicht wollen, als das Inwendige ganz auswendig zu machen und das Äußere nach innen kehren.

Dabei ist Lynn das genaue Gegenteil einer Melancholikerin. Nur die Ziellosigkeit hat sie gemein mit diesem Schweben. Vielleicht wirken heute so viele Menschen melancholisch, weil sie wie Lynn das Treibgut ihrer Tage sind. Bis sie, die Nicht-Melancholiker, ausbrechen aus ihrer Watte-Welt. Immer wieder. Lynn kommt durchs morgendliche Berlin zu ihrem Freund, am Fruchthof vorbei, wo ihr jemand - in der Dämmerung, wann sonst? - eine Melone schenkt, sie legt sich neben David ins Bett, aber der Schwimmer bleibt völlig unempfänglich für die Lynn-Wellen. Der Schwimmer schläft. Er braucht jetzt keine Lynn-Meere zum Untergehen, wenn er schwimmt, dann in 50-Meter-Bahnen. Lynn spürt das Skandalon einer solchen maritimen Existenz. Sie zieht sich wieder an und legt wie beiläufig Feuer an die Kartons in Davids Zimmer. Dann geht sie. Fremde Erwartungen hat sie noch nie erfüllt. Warum erwartet jeder, dass man nicht Feuer legt in den Zimmern Schlafender? Warum sollen andere etwas von einem erwarten können, wenn man noch nicht einmal weiß, was man von sich selbst zu erwarten hat? Verantwortung ist ein bürgerliches Gefühl. Lynn ist gänzlich unbürgerlich zumute.

Wohin man kommt mit Verantwortung für andere, sieht sie in der Familie ihres Bruders, bei der sie lebt. Mann, Frau, zwei Kinder. Und plötzlich ist alles Anstrengung, sogar das Glücklichsein. "Ich bin kein Hotel, diese Wohnung besteht aus mehr als deinem Bett, deinen Kaffeetassen und dem Badezimmer!", sagt die Frau des Bruders. Lynn sagt nichts. Man spürt auch so, wie schwer jene leben, die meinen, irgendwo angekommen zu sein. Schwer geworden vor lauter Wirklichkeit.

"In den Tag hinein" ist, ohne je thesenhaft zu sein, beinahe ein Thesenfilm geworden - das ist seine Stärke. Er zeigt, wie unvereinbar Menschen mit- und nebeneinander leben. David und Lynn. Sie sind sich ganz nahe und gehören doch verschiedenen Sonnensystemen an. David könnte nicht Schwimmer sein, würde er nicht seine Welt aus Disziplin und Zielen gegen Lynns Anarchie des Augenblicks verteidigen. Aber es gibt kein richtig oder falsch. Denn Lynn merkt genau, wie arm sie sein würde in diesem David-Leben. Lynn, ein Durchschnittstyp: Beinahe liegt etwas Gewöhnliches in ihren Zügen. Und man weiß nicht, spiegelt sich Erwartung oder nur Leere darin? Die junge Sabine Timoteo gibt ihrer Lynn Grobheit, Trotz und Zärtlichkeit. Wenn ihr Gesicht aufklart. Wenn Lynn glücklich ist - glücklich mit Koij, dem Japaner (Hiroki Mano). Das erste Mal hat sie ihn gesehen, da fuhr er mit dem Fahrrad dem Auto des Schwimmers einen Spiegel ab. Mit David spricht Lynn nie viel, weil sich mit 50-Meter-Menschen nicht viel reden lässt. Mit Koij spricht sie nicht viel, weil Lynn kein Japanisch kann und weil Sprechen nur eine Notkommunikation ist. Wer sich nicht versteht, muss reden. Koij und Lynn dürfen schweigen. Das ist gut für die Ökonomie des Films.

Am Anfang stehen und alle Möglichkeiten in sich tragen. Lynn ist ein Möglichkeitsmensch. Lebenslange Möglichkeitsmenschen sind alt gewordene Kinder. Es bleibt keine Wahl, man muss Wirklichkeitsmensch werden. Kann sein, dass Lynn es nicht schaffen wird. Dass sie zu schwach ist. Aber sie spürt, was das Leben sein müsste.

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