Kultur : Die Seele des anderen bewegen

Frithjof Hager

Die Universität ist ein eigentümliches und einzigartiges Gebilde, denn dort treffen ältere und jüngere Menschen zusammen und wirken zum Zweck der Stärkung von Denken und Wissen spielerisch, ungezwungen und lebendig aufeinander. Wenn es gut geht. Das geschieht nicht immer.

In den Seminaren, Vorlesungen und Colloquien von Dietmar Kamper ist dieses Zusammenwirken beinah immer gelungen. Bei ihm erfuhren die Freunde und die akademischen Feinde, die oft ihre Haltung wechselten, weil sie den freundlichen und wie absichtslos überlegenen Argumenten von Dietmar Kamper erliegen mussten, was für eine Lust das kontroverse Gespräch bedeuten kann. Dafür haben ihn die Studenten generationsweise geliebt.

Dietmar Kamper ist am Sonntag, den 28. Oktober, im 65. Lebensjahr gestorben. Für seine Freunde und seine Mitarbeiter ist dies nur schwer zu glauben. Seine geistige Präsenz, die über die vielen Jahre, die er seit 1979 in der Freien Universität Soziologie, Philosophie und historische Anthropologie lehrte, so eindrucksvoll war - sie dauert an. Denn er hat in jedem, der mit ihm gedacht, diskutiert, gegessen und gearbeitet hat, etwas berührt, was in der bloßen Vermittlung von faktischem Wissen nur selten geschieht. Dietmar Kamper - und ich weiß, wovon ich rede - hat die Seele des anderen Menschen bewegt. Das war das Geheimnis seines sympathischen Strebens.

So hat er seine Wissenschaft auch gelebt. Die Wissenschaft von der Einbildungskraft, von der Fantasie, also von der Fähigkeit aller Menschen, sich Bilder vorzumachen, auch dann, wenn das, was sie zeigen, nicht präsent ist. Wir brauchen innere Bilder, nicht nur, um die schlechte Realität auszuhalten, sondern auch, um uns andere Wirklichkeiten zu erfinden, um uns vorstellen zu können, welche anderen Wege wir für ein gutes Leben gehen können.

Diese anthropologische Vermögen haben sich die Bildmedien und die Werbung zunutze gemacht, oft gegen die Wünsche des Einzelnen. Die Imagination wird heute zu einer Kontrolle der Individuen. Dietmar Kamper hat die Macht der Fantasie und der Einbildung ausgehalten. Es ist ihm oft nicht leicht gewesen, im Getriebe der Universität Gehör zu finden. Er hat sich darum nicht verhärtet. Seine Neugier war stärker als die Normalität des Alltags. Es hat ihm immer wieder unbändige Freude gemacht, das rechte Wort zu finden. Dann war es da, ausgesprochen oder aufgeschrieben. Und der Traum der Hoffnung, den wir alle kennen oder doch erahnen, das Denken auf das Zukünftige hin, begann erneut.

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