Kultur : Die Sehnsucht der Deutschen

Vitalität und Originalität, Neugier und Versöhnung: Was das heimische Kinojahr 2006 brachte

Jan Schulz-Ojala

Der Film des Jahres? Für manche Kritiker, die in diesen Tagen da und dort ihr Sammelvotum abgeben, ist dies „Sehnsucht“ gewesen – beim Publikum ist Valeska Grisebachs zarte Brandenburgische Romanze dagegen eher in der Kategorie der kleinen, feinen Randfilme gelandet. Immerhin rund 25 000 Deutsche wollten binnen vier Monaten die mit Nichtprofis gedrehte Dreiecksgeschichte sehen – und dass sie mit ihren handverlesenen 29 Besuchern über Weihnachten in den Charts gleich um zwölf Plätze auf Rang 51 kletterte, soll uns hier einen Tusch aus der Feuerwehrkapelle wert sein. Und eine forsche Deklaration dazu: Programmatischer Filmtitel des Jahres ist „Sehnsucht“ allemal.

Sehnsucht hatten die Deutschen – und das ist aus der Sicht der Branchen-Kassenprüfer das Wichtigste – wieder nach mehr Kino: Einige Prozentchen mehr Besucher verspricht die Statistik nach dem massiven Einbruch des Vorjahrs, und das kann angesichts des kinofeindlichen Jahrtausendsommers mitsamt seinem weltmeisterlichen Fußball-Delirium gar nicht hoch genug einzuschätzen sein. Und der vielleicht nicht in der Breite, aber in der überschaubaren Spitze starke Kinojahrgang 2006 hat diese Sehnsucht auch vielfältig bedient: mit tollen Titeln, die die Vitalität des nun auch schon uralten Mediums eindrucksvoll unter Beweis stellen – trotz DVDs, Internet, Videogames, Beamern und LCD-Flatscreens, oder wie die Großleinwandkiller-Kohorten sich sonst noch nennen mögen.

Sogar dort, wo der Zirkus namens Kino unterhaltungshalber gerne in Serie geht, zahlt es sich aus, auf ein immer anspruchsvolleres, erwachseneres Publikum zu achten, das seine Sehnsucht nach Originalität längst genre- und kulturenübergreifend formuliert. Manche TopHits des Jahres mögen zwar erneut die angefügten Ziffern 2, 3 oder 4 im Titel tragen; aber angesichts reichlich gefloppter Fortsetzungen und Remakes hat sich im Geschäft des Ausquetschens der immerselben Zitronen eine gewisse Ernüchterung eingestellt. Und, beste News: Die Filmindustrie lässt dieser Erkenntnis erste Taten folgen.

Zum Beispiel „Bond“: Über die Jahrzehnte zum eigenen Genre erstarrt, sieht sich der Old Boy vom britischen Geheimdienst durch den eher uneleganten, ruppig-virilen Daniel Craig lässig neu erfunden – und, siehe da, das Publikum zieht mit. Oder der Überraschungserfolg „Borat“: Da bringt ein Sacha Baron Cohen, der sich weder um guten Geschmack noch um politische Correctness schert, mit seinem anarchischen Doku-Fake den ganzen, gutsortierten Gemischtwarenladen durcheinander – und die Zuschauer sind weltweit begeistert. Oder Woody Allen: Auch er ein geniales Genre für sich, präsentierte sich mit gleich zwei Filmen in neuer Frische – und ein waches Publikum, das ihn mit Bedacht zuletzt nur mehr streifte, rennt in seine zartbitteren, weisen Komödien wie seit mindestens zehn Jahren nicht mehr.

Sehnsucht nach Originalität? Im deutschen Film ist Originalität seit einigen Jahren furios in Serie gegangen, und das Publikum – das dürfte die schönste Kinobilanz 2006 sein – honoriert das inzwischen mit stabilem Vertrauen. Die Berlinale ist in der Ära Kosslick alljährlich zum fantastischen Impulsgeber für den deutsche Filmmarkt geworden, und auch wenn die dort präsentierten, oft sperrigen Werke – zuletzt Hans-Christian Schmids „Requiem“ oder Matthias Glasners „Der freie Wille“ – nicht immer an der Kasse reüssieren, so schaffen die durch sie ausgelösten Debatten doch ein aufmerksames Klima für die mittlerweile fast unübersehbare heimische Produktion. Es hat sich herumgesprochen, ganz unabhängig vom erneut schwächelnden Hollywood: Man guckt wieder deutsches Kino, und man guckt es allermeistens mit Gewinn.

Was dabei besonders freut: Originalität fördert den produktiven Streit. Und immer wieder kommt dabei auch auf dem Lorbeeren-Markt Bekömmliches heraus. Ja, die Berlinale hat Florian Henckel von Donnersmarcks „Das Leben der Anderen“ abgelehnt, dieses in der Rekonstruktion einer historischen Kulisse und eines Gefühls bestechend treffende und nur in der Gutmenschen-Ziselierung seines Helden arg bestechende Werk. Aber das Branchen-Plebiszit der Deutschen Filmakademie im Mai und zuletzt die von den fleißig votierenden Deutschen sanft majorisierte Europäische Filmakademie haben dem vieldiskutierten Stasi-Melodram bei ihren jeweiligen Oscar-Zeremonien kompensatorische Anerkennung gezollt. Wie auch immer man über diesen Westblick auf deutsche Ostvergangenheit denken mag: In der akribischen Nachinszenierung des DDR-Ambientes und der insgesamt pathetischen Inthronisierung des geläuterten Schurkenstaatsbüttels drückt sich eine Sehnsucht aus – die Sehnsucht der Deutschen nach Versöhnung mit ihrer allerjüngsten, nun auch schon wieder fast 20 Jahre gemeinsamen Geschichte. Und wieder hat hierbei zuerst das Publikum, von Paderborn bis Pirna, auf seine Weise abgestimmt – an der Kinokasse.

Aber ja, so viel Harmonie. Doch eine Sehnsucht mindestens bleibt offen: dass auch das europäische Kino von jenem Wahrnehmungshunger erfasst werden möge, der sich derzeit auf das deutsche Filmschaffen fokussiert. Europa, das politisch so ungeliebte Phantom, ist eine fundamental kulturelle Heimat, die angesichts der US-Dominanz immer mehr zu entgleiten droht – nicht nur im Kino, aber dort ist der Befund am deutlichsten sichtbar. Die Oberflächenstruktur des Kontinents scannen wir Wochenendflieger massenweise zum Taxipreis, aber was bedeutet diese Neugier für die Substanz? Die deutschen Top-20-Kinocharts führen auch dieses Jahr, abgesehen von Heimatware, keinen einzigen europäischen Titel. Dabei eröffnen gerade diese Filme uns die eigene Welt, von Pedro Almodóvars „Volver“ bis zu Jasmila Zbanics „Grbavica“, der im Februar – in Berlin – den Goldenen Bären holte.

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