Kultur : Die Sehnsucht ist ein Berg

Steffen Richter

Im Juni 1970 bestiegen Günther und Reinhold Messner gemeinsam den Nanga Parbat im Himalaya. Zurück kam aber nur Reinhold. Sein jüngerer Bruder war beim Abstieg in einer Lawine ums Leben gekommen. Nun hat Christoph Ransmayr , Messners Freund und Begleiter bei einigen Bergtouren, einen Roman geschrieben, in dem ein anderes Brüder- Paar einen Berg besteigt. Auch hier kehrt nur einer zurück. Dennoch besteht Ransmayr darauf, dass sein Buch keine Geschichte der Messner-Brüder sei. Tatsächlich ist „Der fliegende Berg“ (S. Fischer) viel mehr: ein tolles Stück Literatur – rhythmische Prosa, in Strophen gefasst. Ransmayr erzählt von einem irischen Geschwisterpaar, das auf einem alten Foto einen „vergessenen Berg“ entdeckt. Also macht es sich auf zum vermeintlich letzten weißen Fleck auf der Weltkarte. Der hohe Ton, den Ransmayr gelegentlich anschlägt, lässt sich verschmerzen. Es ist der Ton des Erhabenen, der zu einem Siebentausender passt. Ransmayrs Bergsteiger-Epos jedenfalls verlangt geradezu nach dem mündlichen Vortrag. Den gibt es am 14.10. (20 Uhr) im Berliner Ensemble zu hören – im Hause Peymanns, mit dem der Autor schon durch die Alpen gekraxelt sein soll.

Während Ransmayr „selbst in enzyklopädisch gesicherten Gebieten / nach dem Unbekannten, Unbetretenen“ sucht, stellte sich die Lage für James Cook anders dar. Vor seinen drei Reisen (1768–1779) war ein Drittel der Erde ein weißer Fleck. Wie er die „Terra Australis Incognita“ suchte, kann man etwa in Tony Horwitz’ „Cook. Die Entdeckung eines Entdeckers“ (Mare) nachlesen. Allein, Cook hatte auch eine Frau, die in England auf ihn wartete. Mit Elisabeth Cook, die sowohl ihren Mann als auch ihre sechs Kinder überlebte, beschäftigt sich die Niederländerin Anna Enquist in „Letzte Reise“ (Luchterhand). Am 11.10. (20 Uhr) kommt sie ins Peter- Huchel-Haus nach Wilhelmshorst (Hubertusweg 41).

Dorthin gelangt man problemlos mit der BVG. Schwieriger ist, die Lebensreise der Jeanne d’Arc nachzuvollziehen: von ihrem Geburtsort in Lothringen über Orléans bis zum Scheiterhaufen von Rouen. Felicitas Hoppe hat sich schreibend in den französischen Nationalmythos hineingewunden und in einer Überlagerung von vergangenen und gegenwärtigen Stimmen nach ihrer „Johanna“ (S. Fischer) gesucht. Am 12.10. (20 Uhr) kann man im Literarischen Colloquium erleben (Am Sandwerder 5, Zehlendorf), wie Hoppe über eine Schwelle tritt, hinter der sich die „haltlose Landschaft unserer Wünsche“ auftut. Eine Landschaft, die Ransmayrs Himalaya durchaus verwandt ist.

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