• Die Sehnsuchtsformel heißt: Eine Welt.Der Modetraum: Ganzheitlichkeit.Stecken dahinter

Kultur : Die Sehnsuchtsformel heißt: Eine Welt.Der Modetraum: Ganzheitlichkeit.Stecken dahinter

THOMAS LACKMANN

Erinnerungen an die Zukunft? "Mystik und Politik", "Calvin versus Konfuzius" - zwei Tagungen in Berlin Mit dem Rauchverbot ins ParadiesVON THOMAS LACKMANNDas hat Keum Hwa Kim nicht erwartet: Die 61jährige schläft schlecht in Berlin.Wegen der Geister, sagt sie, böse Nachtgedanken! Obwohl doch das Berliner Haus der Kulturen der Welt (HKW), wo die Zauberin mit Tänzen und Musikern anläßlich zahlreicher koreanischer Veranstaltungen gastiert, zur Zeit eher einem koreanischen Pavillon gleicht als der deutschen Kongreßhalle.In Seitengängen des Foyers reflektieren verfremdete Kalligraphien das klassische Erbe der Schönschrift, die Veränderung des Alltags.In der Mitte des Raumes prangen 36 Objekte einer "Fashion Art"-Schau, die durch Farbenglut, Materialienvielfalt, bizarre Formen und bedeutsame Titel verblüfft: "Zwei Monde" schwebt als Negligé weißer Netze und Reusen, von innen durch Lämpchen erhellt, über den Papp-Laufsteg; eine üppige blaue Robe trägt als Kopf einen Wecker, ein goldschwarzer Hosenanzug eine Antenne; neben "Erde und Amöbe", "Himmel Erde Menschen" und "Mythologische Phantasie" pelzt das knuddelige Stofftierkleid "Neue Arche Noah".Noch phantastischer spiegelt treppab in der Ausstellungshalle die Gegenwartskunst Kontraste einer Nation zwischen Gestern und Morgen: das Horror-Ensemble grüner, eingesperrter Menschengummiköpfe drückt sich, um die eigene Achse drehend, an den Scheiben seiner Glaskästen die Nasen platt ("Ein Land, wo Milch und Honig fließt"); eine goldene, raumhohe Phalluskronentorte wird unter Ventilatorenlärm aufgeblasen ("Der Witz"), ein altes Hochzeitsfoto im großen Kasten von einer dimmenden Lampe erhellt ("Erinnerung an das 20.Jahrhundert").Korea: Spektakel der Widersprüche?Im Tagungsraum des HKW dagegen sehen die Botschafter aus dem Land der Morgenstille, Anzugmännchen vor Mikrofonen, unauffällig aus, nur der Gewerkschafter mit gelber Baseballmütze fällt aus dem Rahmen."Calvin versus Konfuzius" heißt die Konferenz über das "Verhältnis von Ökonomie und Kultur": protestantisch-westlicher Kapitalimus soll mit den asiatischen, bis vor kurzem erfolgreichen Systemen der "Tiger-Staaten" verglichen werden.Konfuzius? Moon Hwan Kim, Fachmann für Kulturpolitik, rühmt nicht den Kodex des Tugendapostels aus China, sondern den im zweiten Jahrhundert aus Sibirien auf die Halbinsel gekommenen Schamanismus als "Kern koreanischer Kultur".Magische Akte der Verehrung des Himmelsgottes, Gebete für Ernte, Schutz und Frieden, zur Begleitung von Geburt und Tod, Trance-Erfahrung aus Rausch, Tanz, Gesang: Diese Naturreligion, sagt Kim, habe sich unter den importierten Systemen (Taoismus, Buddhismus, Konfuzianismus) erhalten, mit ihnen vermischt; als Kult der kleinen Leute und der Frauen, während der Konfuzianismus - Beamten-Ethos, funktionale Staatsräson - zur nationalen Ideologie aufstieg.Die schamanistische Sicht der "einen Welt", wo "Götter und Menschen, Himmel und Erde, Leben und Tod, Mann und Frau ohne Distanz und Konflikte existierten", mußte freilich zuletzt dem Dualismus der hochentwickelten Systeme, der Trennung à la Yin und Yang weichen.Der westliche Einfluß sei noch hinzugekommen: nun gebe es auch die Konflikte zwischen der Außenwelt und Korea, zwischen Nord / Südkorea; zwischen Körper und Geist.Konflikte: Homogen präsentieren sich die Tagungs-Koreaner nicht.Ex-Staatssekretär Kark-Bum Lee aus der 15-Millionen-Stadt Seoul rühmt zwar das "am Konfuzianismus orientierte Wirtschaftswachstumsmodell.Koreas Wirtschaft war auf lange Arbeitszeiten und disziplinierte Arbeiter angewiesen." Die Regierung habe Wachstumsziele fixiert, Banken und Investitionen bis ins Detail reguliert."Koreas reiche Humanressourcen waren auf die konfuzianistische Tradition zurückzuführen", davon hätten vor allem Investitionen in die Bildung profitiert.Doch "andere Beiträge des Konfuzianismus wie Achtung vor der Hierarchie, Disziplin und Fleiß der Arbeiter verloren an Kraft, als sich das politische System wandelte und die Demokratisierung sich fortsetzte.Welche soziale Schicht könnte die Reform unterstützen?" provoziert Lee."Es gibt keine."Gewerkschaftssekretär Yoon Young Mo übt Selbstkritik.Die Gewerkschaften, sagt er, kennen nur den Straßenkampf, Verhandlungspartner wie in Deutschland seien sie nicht."Warum gibt es keine Revolution? Es hat informelle Gespräche in der Regierung gegeben, bei denen man sieben Prozent Arbeitslosigkeit als noch tragbar akzeptiert hat": danach werde es gefährlich."Man vermittelt uns das Gefühl, das Land stehe im Krieg.Die Krise selbst ist zum Feind geworden.Alle erwarten, daß die Schlüsselpersonen zur Verantwortung gezogen werden.Selbstmorde, Kriminalität und Obdachlosigkeit nehmen zu.Reformen können nicht von einem gütigen Herrscher angeboten werden, sie wirken nachhaltig nur, wenn die Gesellschaft sich mobilisiert in Richtung Reform."Konflikte? Die "integrierte Ideologie" des Konfuzianismus mit ihren Werten (Pietät, Loyalität, Wohlwollen, Weisheit, Höflichkeit, Selbstkontrolle, Familienbanden, Ahnenverehrung) hält nach Ansicht des Anglistik-Professors Uchang Kim trotz allem noch die Gesellschaft zusammen: kollektivistisch-hierarchisch.Im individualistischen Westen löse man einen Dissens durch Verhandlungen, rationale Prozesse; die asiatische Idee des Kollektivs dagegen gehe aus von einem Ideal sozialer Ordnung, kollektiver Harmonie; Regulativ sei die Moral.Für Gesellschaften, die vom traditionellen Leben zur Moderne übergehen, gebe es fortan keine ganzheitliche Perspektive mehr.Doch auch die Zukunft der westlichen Zivilisation sehe man zunehmend skeptisch.Was tun?Die elftgrößte Wirtschaftsmacht hat den Sprung vom Agrarland zur Hightech-Nation in kurzer Zeit geschafft.Doch für Keum Hwa Kim ist Korea die Heimat ihrer Naturreligion; während der fünfstündigen Zeremonie, die sie im Haus der Kulturen - als Reinigungsritual für Deutschland, zum Segen für alle Koreaner, die hier leben - zelebriert, verneigt die Schamanin sich in vier Himmelsrichtungen, steigt auf ein mit Wasser gefülltes Tongefäß, balanciert ein totes Schwein auf einem Dreizack.Damit Götter und Geister auch in Berlin zufrieden sind!Ein postmoderner Neubau in Berlin-Mitte: fix und fertig, aber rundum wird noch betoniert und gemauert auf Teufel komm raus.Das Tagungsthema "Mystik und Politik - Die notwendige Perspektive für das 21.Jahrhundert" hat über hundert engagierte Katholikinnen, einige Schwestern, auch gestandene Männer trotz des strahlenden Maisommers in die Katholische Akademie gelockt.Anfangs enttäuscht der Referent Henri Boulad geweckte Erwartungen.Dem ersten Vortrag fehlt jeder Praxis-Bezug, "Mystik und Politik", heißt es, komme später dran.Stattdessen absolviert er einen - faszinierenden! - Sturzflug durch 15 Milliarden Jahre: "Der mystische Leib und das strukturelle Wirken Christi in der Geschichte".Der 67jährige Ägypter Boulad, ein freundlich-asketisches Jesuiten-Männchen im offenen schwarzen Hemd, entwirft mit Hilfe eines Schaubilds und ausholender Gesten die dogmatisch-naturwissenschaftliche Weltsicht, mit der vor Jahrzehnten sein Ordensbruder Teilhard de Chardin berühmt geworden war: Jener Paläontologe, dessen Werk im vatikanischen Giftschrank ruhte, bis es dann doch die Öffnung der Kirche während des II.Vaticanums inspirierte, hatte Glauben und Evolutionslehre miteinander versöhnt.Das Schaubild beginnt bei "Alpha" und "Big Bang": Der Evolutionspfeil läuft über die Stationen "Plasma", "Leben", "Tiere", "Mensch" und "Jesus Christus" - bis zum "Omega"-Punkt "Parusie" (der Formel für die Weltvollendung)."Weil Gott Leben ist, ist er nicht statisch," schwärmt der Referent."Er explodiert in einer Ekstase der Liebe.Daraus entsteht der Sohn, die Trinität, die Schöpfung." Die optimistische Vision dieses globalen "kosmischen Christus" wird biblisch belegt.Die vernetzte Menschheit werde seinen "mystischen Leib" bilden, "jede Zelle ein Mensch.Gesichter - keine Dampfwalze!" Einheit entstehe: nicht wie in einem Imperium, sondern "auf anderer Ebene." Eine junge Frau fragt ungeduldig nach der konkreten Umsetzung.Eine Künstlerin attackiert die Ästhetik der Skizzen."Der Punkt Omega ist jenseits dessen, was wir uns vorstellen," entschuldigt Boulad."Der sprengt den Rahmen: Wir sterben nicht, weil wir alt sind, sondern weil wir nur so zu der Erfahrung dieser völligen Einheit gelangen."In der Pause umlagern Tagungsgäste die zum Kauf ausliegenden Bücher des Priesters, den seine Übersetzerin in einem Prospekt zum "Mystiker" proklamiert.Peinlich wird die Veranstaltung, als Teilhards kosmisches Einheits-Konzept, das den Widerspruch Geist - Materie aufzuheben scheint, in die Praxis übersetzt werden soll.Die Frau, die das vorhin einklagte? Leider nicht mehr da, sagt der Drewermann für Brave, im Nebenberuf immerhin Vizechef der Welt-Organisation Caritas.Und schwafelt: von Visionen, Gipfelvisionen, die uns vor Scheuklappen bewahren.Amnesty International, der Umweltgipfel von Rio und das Rauchverbot in den USA dienen - in Ermangelung handfester Beispiele - als Beweise für das Reifen des kosmischen Christus.Fragen nach dem Schmerz und der Katastrophe, nach dem Preis des Qualitätssprungs vom Ich zum Wir, nach dem Verlust der Identität und dem personalen Du verdunsten zu spirituellen Floskeln.Und das Böse,fragt jemand."Ein Atom, das nicht Aminosäure werden will, hat etwas davon," sagt der Ordensmann.Wenn ein Mensch sich freiwillig der Liebe verweigere, nenne man das Sünde.Das sei Hölle: isolierte Stagnation.Eine Frau, die sich erinnert, wie Teilhards Werke früher, in den Osten geschmuggelt, als die nichtmarxistische Vision begrüßt wurden, bemängelt das Abgehobene der frommen Botschaft: "Der Alltag ist unser Weg: der Nachbar, die Fahrt mit der U-Bahn." Eine andere erbittet politischen Rat angesichts der DVU-Erfolge.Vor dem Fenster kreischen Schweißbrenner, steigen Mörtelkübel in die Luft, doch der mystische Alltag fällt aus.Das Tor zum Paradies "Ganzheitlichkeit" bleibt verschlossen.Ob Pater Boulad gut schläft in Berlin? Haus der Kulturen der Welt: Kalligraphie und Fashion Art (Di - So und feiertags 10 - 20 Uhr) bis 7.6.; Gegenwartskunst (Di - So und feiertags 11 - 18 Uhr) bis 14.6.- Am 16./ 17.5.um 20 Uhr 30: Laughing Stone Dance Company".- Am 5./ 6.6.um 21 Uhr: Kim Ara / Theatre Company Muchon: "Oedipus-Trilogy".Katholische Akademie in Berlin: "Das androgyne Pantheon des Hinduismus", 15.5.; "Islamismus und Demokratie", 29.5.

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